Ein Keks, so zart, wie es noch keinen gab. Und wer mir diesen Keks bringt, den will ich heiraten." So sprach einst die schöne Prinzessin ­ in der Kindersendung "Sesamstraße". Und von weither kamen Jünglinge mit allerfeinsten Plätzchen. Doch keiner von ihnen bekam die Königstochter, denn den zartesten Keks buk das Krümelmonster. Und fraß ihn ­ hoppla! ­ aus Versehen selbst."Unbewußtes, unkontrolliertes Snacken" nennt Marketingexpertin Nicole Guckeisen vom Kekshersteller Bahlsen solches Eßverhalten ­ das offenbar normal ist. Denn nur Bewußtseins- und Kontrollverlust mögen erklären, warum der Durchschnittsdeutsche pro Jahr neun Kilo Kekse vertilgt. Zwischendurch, versteht sich. Einen guten Grund für das ständige Geknabber gibt es jedenfalls nicht. Kekse sind weniger gesund als Brot und kaum so delikat wie Pralinés. Dick machen sie trotzdem. Niemand braucht sie wirklich."Kekse sind ein Bedürfnis, das erst geschaffen wurde", bestätigt Jörg Brinkmann die grundsätzliche Sinnlosigkeit des Gebäcks. Er leitet das Keksmuseum in Hannover, wo Hermann Bahlsen 1889 seine erste Fabrik gründete, um das Land mit Kleinstgebäck zu überschwemmen.Die Idee, Kekse industriell zu fa- brizieren, hatte Bahlsen aus England mitgebracht. Das Rezept für seinen Erstkeks stammt allerdings aus Frankreich. "Petit Beurre" hieß er dort, der kleine Butterkeks: goldbraun, knusprig, preiswert. Zur Volkskost brachte er es Anfang des Jahrhunderts, als der Gründer erstens die staub- und feuchtefeste Dauerpackung einführte ­ und zweitens die Fließbandarbeit.Damit die Keksmaschinen Tag und Nacht rühren, kneten und bakken, erfinden die Hersteller seither immer neue Sorten: rechteckige Kekse, runde und ovale. Schokoliert, gefüllt, bestreuselt. Mit Löchern, Mandeln, Sultaninen. Und Kekse, die nach Pizza schmecken.Ob ein neues Produkt ein Renner wird, hängt oft von Kleinigkeiten ab. Der patentierte, nichtschmelzende Schokoladeüberzug zum Beispiel, der jüngst in den Bahlsen-Laboratorien entstand, gilt in Fachkreisen als Durchbruch. "Coating" nennt sich das Verfahren, bei dem eine hauchdünne Zucker(?)schicht vor braunen Klebefingern schützt. Wie sie entsteht, ist selbstverständlich streng geheim.Immerhin verrät Maike Jung von der Entwicklungsabteilung das Brösel-Dilemma des Backens, das da lautet: "Je zarter ein Keks, desto mehr krümelt er natürlich auch." Das galt allerdings schon, als der alte Bahlsen buk. Und seither, behauptet Jung, habe sich die Herstellung des Butterkekses eigentlich kaum gewandelt, abgesehen von feineren Mehlen oder reinerem Zucker. Man möchte ihr fast glauben. Wäre nur die Qualität auf dem deutschen Keksmarkt nicht so schlapp. Im vergangenen November beurteilte die Zeitschrift Öko-Test gerade vier von 32 Testkeksen als "empfehlenswert". Das Gros kommt wegen ungesunder Inhaltsstoffe "eingeschränkt empfehlenswert" davon. Oder noch schlechter.Je mieser der Keks, desto eher eine Schokoschicht. Denn Schokolade adelt. "Frauen sind vollmilchig, Männer eher edelherb", sagt Nicole Guckeisen ­ und meint damit Geschmacksvorlieben. Kinder fängt man dagegen mit spielerischen Produkten, Tierformen zum Beispiel oder Gebäckbuchstaben.Solche Schlaukekse gibt es allerdings schon seit der Jahrhundertwende. Überhaupt, so scheint es, sind gute, neue Ideen in Sachen Verkaufsförderung rar. In Hannovers Keksmuseum finden sich nicht nur altbekannte Produkte wieder, sondern auch abgedroschene Werbegags. Beispiel Produkt-Outfit: Schon bei der "Kekswoche Berlin" anno 1913 posierten erwachsene Männer mit albernen Keksdosen auf dem Kopf.Neu hingegen war seinerzeit die hinreißende Idee, den Absatz mit einem Keks-Drama klassischer Prägung anzukurbeln. In dem achtseitigen literarischen Werbetext streiten sich die Kekse um die Macht. Und natürlich ist es der Butterkeks, der die Königswürde beansprucht. Worauf ihm ein mutiges Gebäck entgegenreimt: "Doch auf des Daseins allerhöchster Staffel, da stehe ich mein Herr! Die Waffel!"Noch beliebter als bei uns ist der Keks im Süden. In Italien zum Beispiel, erklärt Guckeisen, haben die Menschen wegen ihrer lebendigen Handsprache einen stärkeren Hang zu Kleingebäck ­ und "daher keksen sie sogar schon zum Frühstück".Den Rang einer Hauptmahlzeit wird der kleine Keks im Brotparadies Deutschland wohl nie erreichen. Schließlich beruht sein Erfolg darauf, sich den Gepflogenheiten still und bescheiden anzupassen. Von der Kaffeekranz-Kultur hat er sich zum Kinokeks gewandelt, vom delikaten Plätzchen zum Mampfgebäck einer satten Generation. Dabei standen Kekse selbst in entbehrungsreichen Zeiten auf dem Speiseplan der Deutschen. Im zweiten Weltkrieg lösten Soldaten ihre Armee-Hartkekse in heißem Wasser zu Suppe auf ­ oder genossen sie kalt angedickt als Pudding. Heutzutage erfüllt der Dauerkeks beim Bund noch vielseitigere Aufgaben. Unter Rekruten gilt er ­ beschmiert mit schwarzer Stiefelcreme ­ als erstklassiger Feuerzünder.Solcher Mißbrauch schadet sowohl dem Keks als auch seinem guten Ruf. Zum Glück hält der "Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie e. V., Fachsparte Dauerbackwaren", dagegen und propagiert die Kalorienbombe weiterhin als wertvolle Zwischenmahlzeit. Unverzichtbar, besonders bei Konzentrationsstörungen, denn ­ so heißt es im Standardwerk "Gebäck" ­ "im Auto kann das tödlich sein". Der Keks als Über-Lebensmittel?Künftig werden Kekse eher noch ungesünder sein. Der Trend geht eindeutig zum "Nussig-schokigen". Ein Keks, der die Zahnärzte reich und die Verbraucher füllig macht. Nur das Krümelmonster wird immer bleiben, wie es ist. Weil es den Klassik-Keks vorzieht: goldbraun, knusprig, krümelig. Und sonst nichts.