Die Dichterwitwe Lotte Fürnberg erinnert sich ihrer Lebensjahre mit Louis Fürnberg: Es ist so viel Blut umsonst geflossen

Was weiß ich denn, wie lang mein Herz noch schlägt, im süßen Klang des Lerchenlieds mein Herz erbebt, was weiß ich denn, wie lang. . .An manchen Tagen bin ich müd und arm und frag mich bang: Wie lang bleibst du bei mir, mein Lied?Wie lange noch, wie lang?Dann such ich rasch nach deiner Hand und halt mich an ihr fest und weiß, mein Lied bleibt ja bei dir, du, die mich leben läßt!Das sind Verse aus einem Liebeslied, das der Dichter Louis Fürnberg 1950 in Prag für seine Frau Lotte schrieb. 13 gemeinsame Jahre lagen hinter ihnen, und nur sieben Jahre sollten sie noch miteinander haben.Heute begeht Lotte Fürnberg in Weimar ihren 90. Geburtstag. Sie wohnt noch immer in dem kleinen Häuschen am "Hypothekenhügel", in das die Familie 1954 bei ihrer Übersiedlung aus der damaligen CSR gezogen war. Wir besuchten sie dort. Im Bibliotheks- und Arbeitszimmer ihres Mannes, wo sie nur wenig verändert hat, redet sie über ihr Leben. Das sind für sie vor allem "die zwanzig Jahre mit Fürnberg, es waren meine schönsten und schwersten".An der Wand hinter dem Flügel des Schriftsteller-Komponisten und in Fürnberg-Bändchen auf dem Tisch finden sich Fotos aus der Jugendzeit. Eines zeigt den 26-jährigen Fürnberg im Jahre 1935 im wehenden Mantel vor dem Bahnhof der böhmischen Kleinstadt Cvikov, ein Wägelchen mit Theaterutensilien ziehend. Zwei Männer, eine Frau und ein Bube eskortieren das wenig ansehnliche Gefährt: Die kommunistische Agitpropgruppe "Echo von links" zieht aus, die Welt zu verbessern. Auf einem anderen Foto sieht man ein bildschönes junges Mädchen im Reitanzug, in lässiger Kreuzschrittpose die Peitsche haltend - Lotte Wertheimer, spätere Fürnberg, Tochter des begüterten österreichisch-jüdischen Unternehmers Hugo Wertheimer, der in Böhmen eine Fabrik besaß. Wie kam sie an die Seite des hungerleidenden Liedermachers mit dem Pseudonym "Nuntius", Sohn eines hart um seine Existenz ringenden jüdischen Kaufmanns?Lotte Fürnberg lächelt: "Fürnberg war nicht der erste Mann in meinem Leben. Aber er war die große Liebe für mich. " Nicht er habe sie zu den Kommunisten gebracht, sie war schon zwei Jahre Mitglied der Partei, als sie ihn 1936 zum ersten Mal bei einem Agitprop-Programm traf. Die Jahre der Weltwirtschaftskrise hätten sie geprägt: "Ich sah so viel Elend auf den Straßen, die Arbeitslosen, die vor den Garküchen Schlange standen und aus ihren Wohnungen in Höhlen vor Prag zogen. Ich schämte mich, als Fräulein Wertheimer an ihnen vorbeizureiten. Mein Vater war ein human denkender Freimaurer, er spendete für die Armen, aber es war mir zu wenig, nur mildtätig zu sein. " Dem Vater missfiel die Lebensrichtung der Tochter, und erst recht 1937 die Heirat mit Fürnberg. "Als ich ihm diesen Entschluss in seinem Büro mitteilte, hat der Mann, der so hart sein konnte, geweint. " Gleichklang der Seelen und der Gedanken habe sie zu Fürnberg geführt. "Einmal sagte er zu mir: ,Ich komm mir manchmal vor, als ob wir im Chor denken. " Als Hitlerdeutschland in die Tschechoslowakei einfällt, müssen die Fürnbergs untertauchen. Lotte eilt mit einem Koffer voller Manuskripten zu Freunden und Bekannten, keiner will sie verstecken, schließlich verbrennt sie alles im großen Ofen von Vaters Büro. Auf der Flucht, die nachts über die Grenze nach Polen führen soll, werden sie - "ausgerechnet von einem jüdischen Schleuser!" - verraten und festgenommen. Lotte Fürnberg kommt nach zwei Monaten Gefängnis wieder frei, begibt sich illegal nach Kattowitz, von dort mit einer Gruppe nach London. Louis Fürnberg geht durch mehrere Gefängnisse, wird gefoltert, in Breslau schlägt man ihn auf einem Ohr taub. Lotte Fürnbergs Großvater Josef Pfefferkorn, der der Enkelin immer zugetan blieb, gelingt es schließlich, die Gestapo zu bestechen. Man schiebt Fürnberg nach Italien ab. Nach einem abenteuerlichen Flug über Portugal und Spanien nimmt Lotte Fürnberg ihn zum Jahreswechsel 1939/40 in Rom wieder in die Arme.Wie war das?"Fürchterlich. Völlig seekrank bin ich ihm widerbegegnet und habe nur gesagt: einen Kognak. So ist das manchmal. Die großen Augenblicke des Lebens existieren meist nur in der Vorstellung. In Wirklichkeit gehen sie an einem vorüber, weil etwas Kleineres sie stört. Aber das Leben fing wieder an. Ein Wunder war geschehen. " Hitler trieb sie weiter durch Europa. Über Serbien, Griechenland und die Türkei flohen sie nach Palästina. In Belgrad wird 1940 ihr Sohn Mischa geboren. "Ich hatte mir geschworen, wenn ich noch einmal mit Fürnberg zusammenkomme, möchte ich ein Kind haben. " Die Exiljahre in Palästina waren nicht leicht für die Familie. Wie Arnold Zweig, mit dem sie sich dort anfreundeten, gerieten die Fürnbergs ob ihrer kommunistischen Haltungen in die Kritik der Zionisten. Als der Krieg zu Ende war, drängten sie auf die Heimkehr nach Prag. Im Frühjahr 1946 ist es soweit. "Zum Abschied standen unsere jüdischen und arabischen Freunde am Bahnhof. Louis legte ihre Hände ineinander. " Monate zuvor hatte Louis Fürnberg erfahren, dass seine Eltern im Holocaust umgekommen waren. Da schrieb er "Den Mitmenschen": Trag nur wer kann sein Herz auf die Straße!Wen es erleichtert, der tob und verfluch!Nur keine Tröstung wie aus einem Buch!Nur keinen Balsam aus schleimiger Masse.Das, was geschah nach menschlichen Launen, läßt sich nicht fassen mit Wort und mit Spruch.Laßt es uns unterm Leichentuch.Laßt uns leiden und laßt uns staunen!Treten wir aber durch eure Tür, laßt das Geschehene geschehen sein und mißdeutet in uns keine Mahnung.Laßt uns glauben, ihr könnt nichts dafür.Die Vergangenheit ist in uns Stein.Laßt uns der Zukunft tröstliche Ahnung!In Prag angekommen, traf sie die ganze bittere Wahrheit: Alle Familienagehörigen Louis Fürnbergs waren ermordet worden, in Buchenwald, Auschwitz, Majdanek. Auf der Liste der Opfer in der Prager Synagoge findet Lotte Fürnberg die Namen ihrer Onkel, Tanten und von deren Kindern, schließlich auch den des gütigen Großvaters Pfefferkorn, der in Theresienstadt verhungerte. "Ein Schmerz, der nie (Fortsetzung auf Seite 12) (Fortsetzung von Seite 11) vorübergeht. " Rachegefühle hege sie nicht, sagt sie, aber manchmal spüre sie Hass. "Aber nur für Augenblicke. Dann denke ich an die Sanftmut, mit der Fürnberg verzeihen wollte. " Im Nachkriegs-Prag stürzen sie sich in "das neue Leben, das anders werden" sollte, arbeiten im Rundfunk, Louis Fürnberg später im Informationsministerium. "Nach allem, was hinter uns lag, schien es uns wie das Paradies. " Aber dieses Hochgefühl soll bald getrübt werden durch die Atmosphäre des Misstrauens, die sich im Stalinschen Machtbereich ausbreitet und auch Fürnberg, den tschechoslowakischen Staatsbürger deutsch-jüdischer Herkunft, trifft. Der parteier-gebene Schriftsteller wird in Selbstzweifel getrieben. Im überanstrengten hymnisch-idealischen Bekenntnis will er sie niederringen, was ihn aber immer zerrissener macht.Symptomatisch dafür ist, was Lotte Fürnberg über die Entstehungsgeschichte des Liedes auf "Die Partei" zu berichten hat, das zur Legitimationshymne stalinistischer Parteiendiktatur avancieren sollte: "Fürnberg wurde 1949 nicht zum Parteitag der KPC eingeladen, zum ersten Mal. Das hat ihn furchtbar gekränkt, und in einem Gedicht schrieb er seine Enttäuschung nieder. " Dann aber habe "er sich selbst wieder zur Ordnung gerufen" und das Lied folgen lassen von der Partei, die immer Recht hat. "Er schrieb es, um die Kränkung vor sich selbst zu rechtfertigen. " Wir sprechen über die zerstörerische Selbstverleugnung, die diesem Vorgang innewohnt. Wenn man das Gedicht nur genau anschaue, sagt Lotte Fürnberg, lese man daraus nicht nur demonstrativen Parteigehorsam im damaligen Denunziationsklima. Es sei auch verzweifelter Trotz dabei gewesen. Später habe er ihr gesagt: "Dieses Lied wird mir noch einmal sehr schaden. " Da lagen Fürnbergs Diplomatenjahre als Erster Botschaftsrat der CSR in der DDR von 1949 bis 1952 schon hinter ihnen. In dieser Zeit fallen viele ihrer Freunde den stalinistischen Terrorprozessen gegen die kommunistischen Führer um Robert Slansky zum Opfer. Lotte Fürnberg: "Wir waren verzweifelt. Louis Fürnberg wäre nicht so früh gestorben, wenn es diesen Slansky-Prozess nicht gegeben hätte. Es hat ihn kaputt gemacht. Er ist an gebrochenem Herzen gestorben. " Ein unglaubliches Glück sei es gewesen, dass sie nicht verwickelt waren, hatten sie doch "so viele Sünden aufzuweisen": Sie waren im Westen in der Emigration. Sie waren in Palästina. Sie waren Intellektuelle bürgerlicher Herkunft.Unter den Hingerichteten ist auch Fürnbergs Dienstherr in Berlin, der Botschafter Fischl. Fürnberg muss für kurze Zeit seinen Platz einnehmen. "Wir hatten Angst". Fürnberg vernichtet alle Briefe, in denen "verdächtige" Namen vorkommen - und schreibt weiter große Gesänge auf Stalin und die Sowjetunion. 1955 bricht er bei einem Besuch in Prag mit einem schweren Herzinfarkt zusammen. Die Enthüllungen des XX. Parteitags der KPdSU über Stalins Verbrechen hätten sie dann als heilsamen Schock empfunden. Fürnberg habe aufgeatmet: "Jetzt können wir, jetzt kann ich gesund werden. " Der tragische Zwiespalt seines "Glaubens an die Sache" bleibt dennoch bis zuletzt unaufgehoben: Im Herbst 1956 begrüßt Fürnberg die Invasion der sowjetischen Panzer gegen das aufständische Ungarn als Rettung eines vermeintlich entstalinisierten Sozialismus. Gleichwohl lässt er zum Ende seines Lebens 1957 auch Zweifel an der "freiwilligen Disziplin, der ich mich unterordnete" an sein leidendes Herz heran - nachzulesen in der unvollendeten "Krankengeschichte". In den Tagebüchern fände sich davon noch mehr, sagt Lotte Fürnberg. Sie hat sie erst jetzt aufgeschnürt, um sie als letzten Dienst am Werk in Maschinenschrift zu transkribieren."Jeder Traum, an den ich mich verschwendet. . . / alles hat am Ende sich gelohnt" heißt es in einem Bilanzgedicht Fürnbergs. Ist es so?Von Lotte Fürnberg kommt ein zögerliches Ja. "Vielleicht musste man unsere Erfahrungen machen. Wir haben große Hoffnungen gehabt, Fürnberg ist aus Güte Kommunist geworden. Aber wir haben viel Falsches geglaubt, große Fehler gemacht: Nicht in der Struktur sahen wir das Übel, sondern in einzelnen Menschen wie Stalin. " Nach einer Pause setzt sie leise hinzu: "Es ist so viel Blut umsonst geflossen. ""Fürnberg ist am Slansky-Prozess gestorben. Das hat ihm das Herz gebrochen.CHRISTIAN TOPP Lotte Fürnberg, die Witwe des Schriftstellers Louis Fürnberg, begeht heute in Weimar ihren 90. Geburtstag.