Noch hat die Wahlberlinerin Shi-Yeon Sung ihr Dirigierstudium an der Eisler-Hochschule nicht abgeschlossen, da jagen sich schon die Preise und Auszeichnungen: In der laufenden Saison hat Sung gleich zwei renommierte Dirigentenwettbewerbe gewonnen (den 1. Preis beim Georg-Solti-Wettbewerb in Frankfurt, den 2. bei nicht vergebenem 1. beim Gustav-Mahler-Wettbewerb in Bamberg); sie wird im Dirigentenforum des Deutschen Musikrats gefördert, und mit der nächsten Spielzeit tritt sie eine Stelle als Assistant Conductor bei James Levine und dem Boston Symphony Orchestra an. Shi-Yeon Sung wurde 1975 in Pusan (Südkorea) geboren und wuchs in Seoul auf. Sie studierte Klavier in Zürich und Berlin. Seit 2001 studiert sie an der Eisler-Hochschule Kapellmeister und Orchesterdirigieren. Am 28. Juli wird Shi-Yeon Sung die Eröffnung der Sommerlichen Musiktage Hitzacker dirigieren.Sie sind in Südkorea geboren und haben in Zürich begonnen zu studieren. Wie kamen Sie nach Berlin?Als ich 12 oder 13 Jahre alt war, habe ich ein Musikmagazin gelesen und da gab es eine Serie über die besten Musikhochschulen der Welt. Die damalige HdK hat mich am meisten fasziniert, da waren alle großen Pianistennamen vertreten, und auf dem Foto sah sie einfach super aus. Da habe ich gedacht: Da will ich hin. Und dann habe ich an der UdK Klavier studiert. Ich habe mit vier Jahren mit dem Klavier begonnen. Den Grund weiß ich nicht mehr genau - in meinem Elternhaus wurde nicht musiziert und damals, 1979 oder 1980 also, war das in Korea noch nicht Mode. Es gab auch nicht soviele Möglichkeiten, ein Klavier zu kaufen. Meine Mutter erzählt, dass ich eines Tages nach Hause kam als Vierjährige und sagte: Ich will Klavier lernen! Und dann begann ich an einer ganz kleinen Musikschule.Gibt es denn in Seoul ein großes Musikleben?Als ich die Seoul Arts Highschool besucht habe, gab es sehr gute Lehrer, zum Beispiel die berühmte Geigenpädagogin Dorothy DeLay von der New Yorker Juilliard School. Aber seit ich Musikerin bin, wollte ich nicht bloß nach Europa sondern nach Deutschland. Und das nicht nur wegen der UdK. Ich habe als Kind gedacht, Deutschland ist das Musikland, ein Wunderland .... wo die Geigen auf den Straßen wachsen. Und wie sehen Sie das heute? Deutschland hat natürlich immer noch ein reiches Musikleben. Andererseits interessieren sich viele junge Leute überhaupt nicht mehr für ihre Tradition.Das ist in Korea genauso. Bei uns haben Musiker es sogar schwer, mit ihrem Job den Lebensunterhalt zu verdienen. Es gibt zwar einige Orchester, aber zu wenig Stellen. Deutschland halte ich immer noch für eines der besten Länder zum Musikmachen. Das Niveau ist einfach sehr hoch, und in den Orchestern herrscht im allgemeinen eine große Lust auf das Musizieren. Aber die ständige Debatte über die Finanzierung lässt vielleicht bei vielen jungen Leuten den Eindruck entstehen, dass es keine Zukunft für die Kunst gibt.Uns Europäer fasziniert es, dass andere Kulturen, die eine eigene starke musikalische Tradition haben, unsere Tradition so annehmen. Welche Rolle spielt die koreanische traditionelle Musik für Sie?Als ich in Korea lebte, war das für mich weniger beeindruckend als jetzt, es war eher eine Selbstverständlichkeit. Aber nun bin ich zwölf Jahre in Europa und möchte auch wieder zu meinen eigenen Traditionen zurückkehren. Ich habe einmal Isang Yun dirigiert, sein großes Orchesterstück Réak. Das war für mich interessant, weil mir die Art und Weise, wie die Instrumente verwendet wurden, aus Korea sehr vertraut war - nur waren es jetzt europäische Instrumente. Das ergibt viele neue Farben, viele Möglichkeiten. Ich kenne einen Mitschnitt der Uraufführung, mit einem europäischen Dirigenten und Orchester, - das klingt ganz anders, als man es aus der eigenen Kultur heraus empfindet.Wie kamen Sie darauf, Dirigentin werden zu wollen?Am meisten wurde ich durch Wilhelm Furtwängler geprägt. Als ich gerade davor war, mein Klavierstudium abzuschließen, hatte ich das Bedürfnis, etwas Neues zu entdecken. Ich wollte andere Farben als nur den Klavierklang. Und dann habe ich ein Video von Furtwängler gesehen - Brahms' Vierte, letzter Satz - und wie er musiziert hat, das war so faszinierend, dass ich dachte, ich will das auch lernen.Es ist interessant, dass Furtwängler plötzlich eine so unglaubliche Aktualität hat. Kein Dirigent beruft sich auf Karajan, aber alle sagen, Furtwängler ist mein großes Vorbild. Was fanden Sie denn so faszinierend?Ich glaube: die Perfektion, dass er in der Probe immer und immer wieder das verlangt hat, was er wollte, dass er das auch erreicht hat, das ist schon ein Vorbild. Und dann die Gelassenheit - man sagt ja, Furtwängler habe nur die Hand geschüttelt - aber er konnte höhere Extreme, höhere Geistigkeit, höhere Intensität in Klang und Lautstärke erreichen, er konnte die Musiker einfach verrückt machen. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich einfach vergessen konnte, wenn man unter ihm spielte, dass man sich selbst in die Musik hinein verlor, dass es kein "Ich" mehr gab, nur noch die Musik.Wie eine Art von Mystik?Ja.Wie ging es dann weiter?Alle haben mir abgeraten, was willst du, du bist eine Frau und so weiter. Ich habe aber gemerkt, dass ich das wirklich will. Eine Sängerin hat mich an Rolf Reuter empfohlen, den Dirigierlehrer an der Eisler-Hochschule, und ich habe ihm vordirigiert, obwohl ich gar keine Ahnung hatte, was Dirigieren ist, ich konnte nur Viervierteltakt und Dreivierteltakt. Er sagte, "Sie sind begabt", aber er hat mir empfohlen, mir das noch einmal gründlich zu überlegen. Nicht weil ich eine Frau bin, sondern weil er wusste, dass es ein sehr, sehr schwieriger Job ist.Wie verstehen Sie sich selbst als Dirigentin?Warum ich dirigiere? Weil es mich glücklich macht. Aber ich möchte auch die Leute mit der Musik glücklich machen, ganz primitiv gesagt. Ich möchte, dass sie weinen, dass sie mitgehen. Man denkt so oft, wo geht diese Welt hin, was bleibt uns übrig. Ich möchte mit der Musik die Welt bereichern.Können Sie denn einmal erklären, was ein Dirigent eigentlich genau macht?Ich glaube, es ist wichtig, dass man den Musikern auch Sicherheit gibt und Vertrauen. Es ist schwer vorstellbar, welch enormen körperlichen Einfluss ein Dirigent auf ein Orchester hat. Wenn ich dort vorne stehe und einen bestimmten Blick im Einklang mit der Musik habe, verändert sich der Orchesterklang! Und wenn ich mich einen Moment lang nicht konzentriere, klingt das Orchester schlechter.Wie ist es denn überhaupt, wenn man als Frau auf dem Dirigentenpult steht - begegnet man da noch Vorurteilen?Ich habe verschiedene Orchester in Deutschland dirigiert, auch in Schweden, Estland und den USA. Für mich gab es eigentlich keine Kontaktprobleme. Ich betrete das Podium mit der Haltung: Ich bin eine Musikerin, ich will mit euch musizieren. Ich kann natürlich nicht sagen, ob es überhaupt keine Vorurteile gab. Manche Musiker haben zu mir gesagt: Sie sind besser als die Männer, machen Sie weiter so. Einmal hatte ich auch Probleme, als ich von einem Orchestermusiker bei Hindemiths "Schwanendreher"-Konzert verlangt habe, so zu rhythmisieren wie der Solist. Da gab es Unmut. Aber ich denke, dass ich Recht hatte, es steht so in der Partitur. Das fand ich unkollegial.Hängt denn die Tatsache, dass Sie jetzt nach Boston gehen, mit dem Solti-Wettbewerb zusammen?Prinzipiell nicht, aber es hat natürlich geholfen, ein New Yorker Agent hat mich im Finalkonzert des Wettbewerbs erlebt und mich dann an diese Stelle als Assistant Conductor vermittelt. Ich bin die erste Frau, die in Boston engagiert wird, und ich bin sehr glücklich, dass das Orchester für mich gestimmt hat.Was sind Ihre Zukunftspläne - welche Stücke, welche Orchester möchten Sie dirigieren?Alles! James Levine hat mich gefragt: Wofür würden Sie sterben beim Dirigieren, und ich habe geantwortet: Mahlers Zweite. Dieses Stück liegt mir wirklich sehr am Herzen, ich bin gläubig, Protestantin, und den Bogen dieser Musik, von der Katastrophe bis zur Auferstehung - das möchte ich möglichst bald dirigieren. Derzeit mache ich mehr Konzert als Oper, aber weil Gesang die Grundlage allen Musizierens ist, möchte ich auch irgendwann viel Oper machen: dieser Dialog zwischen Bühne und Orchestergraben fasziniert mich sehr, auch wenn ich diese modernen Inszenierungen nicht besonders fasziniert bin. Und welches Orchester ich dirigieren möchte? Die Berliner Philharmoniker natürlich (lacht).Das Gespräch führte Wolfgang Fuhrmann.------------------------------Furtwängler konnte die Musiker einfach verrückt machen.------------------------------Foto: Für Shi-Yeon Sung ist Deutschland ein Musikland, ein Wunderland.