Zum Warmwerden einige Fragen. Der Vorname des früheren CSU-Vorsitzenden Strauß, wird er mit oder ohne Bindestrich geschrieben? Was passiert, wenn ein Arzt mit einer Laserkanone Löcher in ein schlagendes Herz schießt? Liegt das Colorado-Plateau wirklich im US-Bundesstaat Colorado?Es gibt Menschen, die kennen die Antworten. Sie sitzen etwa in Hamburg über zwei Stockwerke verteilt in kleinen Kojen an modernen Schreibtischen, vor und hinter sich Nachschlagewerke. Und obwohl der größte Teil des Papierarchivs inzwischen ausgelagert wurde, finden sich immer noch gut 10 000 Aktenordner an den Wänden. Ab und zu durchbricht eine Grünpflanze die Monotonie, auch die kobaltblauen Deckenstrahler bringen etwas Farbe in jene Großraumbüros, die sonst jeder Versicherung Konkurrenz machen können. Die Menschen, die hier arbeiten, nennt man in Deutschland Dokumentare, in Amerika "fact checker". Oder, etwas euphorischer formuliert, den Muskel der Medien."Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien", definierte 1994 der Soziologe Niklas Luhmann. Deshalb zählt Verlässlichkeit bei der Informationsvermittlung zu den zentralen Prinzipien seriöser Nachrichtenverkäufer. Oder, wie es Hauke Janssen, Leiter der Dokumentation des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, ausdrückt: "Wenn die Fakten eines Artikels falsch ist, wenn Pinguine plötzlich am Nordpol leben, dann glauben die Leser den Rest auch nicht."Allerdings: Die Prüfung auf Faktentreue kostet Geld. Nur wenige deutsche Medien leisten sich noch den Luxus einer eigenen Dokumentationsabteilung. Und: Es werden immer weniger. Was einerseits an der Zunahme elektronischer Archive liegt, andererseits an der Medienkrise, bei der jeder Kostenfaktor auf den Prüfstand kam. So mancher Verlagsleiter meinte, auf Recherche und Verifikation verzichten zu können - etwa 2001 bei der Wochenzeitung Die Woche. 2002 wurde das Blatt eingestellt.20 Unterabteilungen zu MerkelVon seinem Büro aus, einem kleinen Glaskasten, führt der 1958 geborene Hauke Janssen eine Truppe von zirka 100 Mitarbeitern, die unterschiedliche Funktionen ausüben. Einige sind für das Archiv zuständig, für Bestückung, Pflege und Weiterentwicklung der Systematik. Allein zu Angela Merkel finden sich gut 20 verschiedene Unterabteilungen: Biografie, Ehrungen, Zitate.Im Lektorat wird in erster Linie Zeitung gelesen, wichtige Artikel werden gekennzeichnet und in das Archiv aufgenommen. Derzeit enthält allein das elektronische Archiv rund 30 Millionen Artikel, wöchentlich wächst es um etwa 50 000.70 Prozent der Mitarbeiter machen das Einzigartige des "Spiegel" aus, denn hier verfügt man über eine Art Bonsai-Universität. "Einen Artikel über die Haltung der FDP zur Mehrwertsteuererhöhung muss jeder prüfen können", sagt Janssen, ein Doktor der Volkswirtschaft, "bei neuen Krebsdiagnostiken oder Schwarzen Löchern wird es schwieriger." Deshalb gibt es hier einen Sport-Dokumentar, einen Mediziner, drei Militärexperten, einen Physiker und zwei Islamwissenschaftler, dazu polnisch oder arabisch sprechende Mitarbeiter.Sie stellen anfangs Dossiers für die Redakteure zusammen, recherchieren, wie viel Theater es etwa in Deutschland gibt, und überprüfen jedes Wort in jedem Artikel auf sachliche Richtigkeit - per Archiv-, Datenbank- oder Telefon-Recherche sowie mit Hilfe von Lexika. Je nach Fachgebiet findet sich in den Regalen der "Spiegel"-Dokumentation die große russische Enzyklopädie, das japanische "Who's Who?", der deutsche Hofkalender von 1824 oder alle Jahrgänge der "Neuen Juristischen Wochenschrift".Ist die Schreibweise eines Namens korrekt oder sieht man, wenn man einer bestimmten Kreuzung in Berlin links abbiegt, tatsächlich das im Artikel angegebene ehemalige Kühlhaus, wird das entsprechende Wort grün durchgestrichen. Fehlt eine Altersangabe oder taucht ein Fehler auf, so steht die richtige Angabe in rot am Rand des Typoskripts. Folgerichtig muss das Hamburger Nachrichtenmagazin äußerst selten peinliche Gegendarstellungen drucken. Allerdings: Nobody's perfect. So beförderte das Magazin Wolfgang Thierse einmal vom Bundestagspräsidenten zum Bundespräsidenten. Das jüngste Beispiel: Bei Berechnungen, wen das 25-Prozent-Steuerkonzept von Paul Kirchhof wie belastet, wurden einige Posten mitgerechnet, aber nicht aufgelistet. Zudem kam es zu einem Zahlendreher. Und die Zahlen stammten direkt von Kirchhofs Institut, nicht vom "Spiegel" oder gar von unabhängigen Experten.Kooperation mit SpringerDie Verifikation geht natürlich trotzdem nicht ohne Probleme ab. Janssen erinnert sich an Geschichten über Scheidungsväter als Opfer oder die Nachteile der Windenergie. "Natürlich gibt es Autoren", sagt Janssen, "die wollen provozieren, jemandem eins drauf geben. Darin besteht ja der Witz. Dokumentare wollen es dagegen lieber ausgewogen. Aber da einigt man sich meistens rasch, kein Autor will ja, dass seine Polemik gleich wegen falscher Zahlen ausgehebelt werden kann. Schlimmer wird es am Freitag Abend, wenn alles auf den letzten Drücker geschehen muss." Wenn dann ohne Rückfrage eine Zwischenüberschrift geändert wird, kann es schon mal passieren, dass der Schotte Adam Smith, dessen Hauptwerk vor der Gründung der Vereinigten Staaten geschrieben wurde, zum US-Ökonom erklärt wird.Wie viel der Betrieb der "Spiegel"-Dokumentation kostet, will Janssen nicht sagen. Die zehn Millionen Euro, die die Süddeutsche Zeitung einmal meldete, bezeichnet er als "übertrieben". Lieber weist er darauf hin, dass die Dokumentation sich einerseits als Qualitätsmerkmal rechnet, andererseits auch Geld einbringt. Mal kleinere Summen: Die von der Dokumentation erstellten und über Spiegel Online verkauften Dossiers bringen jährlich rund 200 000 Euro ein. Mal auch größere: So gewann der "Spiegel" dank seines seit 1995 entwickelten und voll digitalisierten Systems eine Ausschreibung des Springer Verlages, beide Häuser kooperieren seit Beginn dieses Jahres im Archiv-Bereich. Diverse Zeitungen werden nur noch einmal ausgewertet, im Springer-Infopool fielen deshalb 40 Stellen weg.Bundesweit sieht Janssen durchaus noch Rationalisierungsmöglichkeiten. "Den klassischen Dokumentar mit Spinnweben unter den Achseln wird es nicht mehr lange geben. Für unseren Job gilt, was für die meisten anderen auch gilt: Wer sich nicht verändert, stirbt aus."Übrigens: Franz Josef Strauß wird ohne Bindestrich geschrieben, aus dem Brustkorb des Patienten steigen graue Rauchwölkchen auf, und das Colorado-Plateau erstreckt über Utah, Arizona, Neu-Mexico und eben Colorado. Sagt die "Spiegel"-Dokumentation.------------------------------8 000 000 ArtikelIn vielen Verlagen werden nicht nur die Texte eigener Zeitungen und Zeitschriften archiviert, sondern auch Artikel und Dokumente anderer Publikationen.Das Spiegel-Archiv wächst wöchentlich um etwa 50 000 Dokumente. Insgesamt sind im elektronischen Archiv 30 Millionen Artikel enthalten. Bei Gruner + Jahr kommen pro Woche rund 7 000 hinzu, acht Millionen Dokumente sind schon abrufbar. Die Archive sollen künftig stärker kooperieren.Je nach Umfang des Archivs arbeiten unterschiedlich viele Dokumentare in den Verlagen: Beim Stern sind es acht Mitarbeiter, beim Focus zwölf, bei der Zeit drei, bei Gruner+Jahr circa 40, beim Springer-Verlag circa 80 und beim Spiegel gar 100.------------------------------Foto: Hauke Janssen leitet die Dokumen- tation des Spiegel.------------------------------Foto: Ein Archiv ist das Langzeitgedächtnis jeder Zeitung.