Seit Jahren macht das Thema Schlagzeilen. Die juristische Aufarbeitung nachweisbarer körperlicher Schädigungen durch Vergabe von Dopingmitteln im DDR-Sportsystem geht in die letzte Phase, bevor am 3. Oktober 2000 die Verjährung eintritt. Plötzlich gibt es eine überraschende Wendung. Nach Recherchen des "Deutschlandfunks" soll der Prozess gegen zwei Hauptverantwortliche im organisierten DDR-Sport so stark abgekürzt werden wie zuletzt schon bei einigen Funktionären und Trainern aus dem Schwimmsport. Dies betrifft Manfred Ewald, den langjährigen Präsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), und Dr. med. Manfred Höppner, einen der medizinisch Hauptverantwortlichen für das Dopingsystem. Zudem wurden bereits Ende 1999 an mehrere prominente Politiker, Wissenschaftler und Funktionäre Strafbefehle wegen Körperverletzung durch Dopingmittel verschickt: Diese Beschuldigten werden wohl nun die Strafe akzeptieren und entsprechende Geldbußen leisten, denn die Alternative wäre der Haftantritt.Skandalös daran ist, dass es in diesen Fällen keine öffentlichen Verhandlungen gibt und dass die Öffentlichkeit damit keinen Einblick in die Verantwortlichkeiten und juristisch beweisbaren Tatbestände erhalten soll. Dabei gelten Ewald und Höppner doch als die Symbolfiguren für das DDR-Dopingsystem. Die geistigen Väter und Strategen des staatlich gesteuerten Zwangsdopings müssen anders als Trainer und Ärzte im so genannten Pilot-Prozess vor zwei Jahren nun nicht mit 44 Tagen öffentlicher Verhandlungen rechen, sondern mit einem Prozess, der vielleicht nur so lange dauert wie ein Fußballspiel.Nur Strafbefehl für den StaatssekretärNun tauchen auch die Namen anderer prominenter Personen auf, für die das schriftliche Verfahren angewendet wird, weil sie geständig sind, wie es der zuständige Oberstaatsanwalt Klaus-Heinrich Debes formuliert: Hervorzuheben ist dabei Professor Günter Erbach, der ehemalige Staatssekretär für Körperkultur und Sport, der protokollarisch im Range eines Ministers tätig war. Wie die Chefs für Nationale Verteidigung und Staatssicherheit hat er sich als Minister rechtlich für sein Handeln zu verantworten. Allerdings ist Erbach der erste, der nicht vor Gericht erscheinen muss, wenn er nicht mag. Ob er diese Schonung verdient? Erbach hat erstmals 1972 öffentlich Vermutungen zurückgewiesen, die Erfolge der DDR könnten mit Anabolika zusammenhängen. Sogar noch im August 1999 sprach er von einem "politischen Prozess". Erbach gestand DDR-Zwangsdoping nicht ein, obwohl er nach Aktenlage selbst dafür gesorgt hatte, dass neue Dopingpraktiken, die auch die Olympiasiegerin und heutige PDS-Bundestagsabgeordnete Ruth Fuchs betrafen, übernommen wurden. Nun ist Erbach "geständig" und erhält nur den Strafbefehl.Zu nennen ist ebenfalls Rudolf Hellmann, der als Abteilungsleiter Sport im Zentralkomitee der SED dem Sportchef Ewald fast ein viertel Jahrhundert im Parteiapparat den Rücken freigehalten hat. Hellmann hat Doping-Interna gekannt; und Erbachs Stellvertreter Prof. Edelfrid Buggel, Absolvent der Moskauer Parteihochschule, hat intensiv Dopingforschung und Anwendung koordiniert. Ihnen und vielen anderen erspart man nun eine Verhandlung. Dabei hielten diese Funktionäre trotz des Wissens um Sportrecht und DDR-Gesetze, nach denen die Vergehen beurteilt werden, bis Ende 1989 am Dopingunwesen fest.Keine Aufklärung für die Opfer1991 stellte der renommierte Heidelberger Biologe Prof. Werner Franke erste Strafanzeigen, auf deren Grundlage schließlich die ZERV ermittelte. Polizisten und Richter arbeiteten sich ein in die neue Materie des Medikamenten-Missbrauchs. Da acht Jahre später den Hintermännern der Prozess erspart bleibt, müssen nun wohl Zeitzeugen und Historiker die Rolle der Haupttäter klären, die den Trainern und Sportärzten in den Vereinen die Hände führten. Und die Opfer bleiben weiter ohne Aufklärung, dabei sollten doch alle Geschädigten des Zwangsdopings exakte Informationen darüber erhalten, wann die Beklagten welche Substanzen in welcher Dosierung vergeben haben. Zu den vielen Fragen, die offen bleiben, gehört auch diese: Was geschieht eigentlich, wenn in den nächsten Monaten weitere Beweise gefunden werden?Nach Annahme der Strafbefehle oder der verkürzten Verhandlung wäre es für weitergehende juristische Würdigungen zu spät. Opfer und Historiker könnten dann darüber urteilen, die Gerichte nicht mehr.Dr. Giselher Spitzer befasst sich am Institut für Sportwissenschaft der Universität Potsdam mit Zeitgeschichte des Sports.