Der Heidelberger Professor Werner W. Franke vom Deutschen Krebsforsch u ngszentrum hat im Auftrag des Deutschen Bundestages die Expertise zur "Funktion und Instrumentalisierung des Sports in der DDR, mit dem Thema yharmakologische Manipulationen und die Rolle der Wissenschaft, erstellt. Er veröffentlicht in dieser Serie der Berliner Zeitung zum erstenmal seine Doping-Erkenntnisse. Der sechste und letzte Teil beschäftigt sich mit der Geschichte des systematischen Dopings von gestern bis heute. 1968 war Margitta Gummel erste weibliche Testperson für Anabolika. 1977 wurde eine Zwischenbilanz über durchschnittliche Leistungsverbesserungen unter Einsatz von Anabolika gezogen. Mit dem Ende der DDR verteilte sich das Knowhow der Republik weltweit. So wurde auch der amerikanische Kugelstoß-Olympiasieger Mike Stulce des Gebrauches von "STS 646" überführt. Bereits in den ersten Jahren des DDRDopings mit anabolen Steroiden erkannte man deren ungeheure Wirkung, zuerst ab 1966 bei den Männern -- vor allem in den Wurf- und Stoßdisziplinen der Leichtathletik-, und dann im Sommer 1968 hatte man auch keine Hemmungen mehr, diese synthetischen männlichen Hormonpräparate bei Frauen und Mädchen anzuwenden.Der in der untenstehenden graphischen Auswertung dargestelle Zusammenhang der Wirkung des Anabolikums Oral-Turinabol auf Frauen ist ein Beispiel von besonderer historischer Bedeutung. Es stellt die Doping-Entwicklung der ersten Frau -- sicherlich in Deutschland, wahrscheinlich weltweit -- nach Verabreichung der Droge dar: Die Athletin mit der Code-Nummer 1/68 ist Margitta Gummel.GeheimanalyseDie Darstellung ist direkt entnommen der ersten Geheimstudie zur Auswertung der anabolen Wirkung bei 40 DDR-Leichtathleten von einem Autoren-Kollektiv, an dessen Spitze Professor Dr. Karl-Heinz Bauersfeld (DHfK Leipzig) stand, verantwortlicher und persönlicher Trainer von Margitta Gummel. (Bauersfeld wurde übrigens nach der deutschen Vereinigung 1990 Vizepräsident des Landessportbundes Sachsen und Präsident des Sportklubs der DHfK.)Die damals bereits Z7jährige und über viele Jahre hin voll austrainierte Athletin hatte eine Bestleistung von 17,86 m (damals gesamtdeutscher Rekord), als sie am 28. Juli 1968 erstmals -- und dann bis zum 13. Oktober täglich -- zwei der fünf Milligramm (mg)-Tabletten "OT" erhielt, Ihre Kraft- und Kugelstoßleistung stieg bald drastisch an -. mit dem Olympiasieg und Weltrekord von 19,61 m in Mexiko als Höhepunkt.Bereits in der Saison 1972 konsumierte Mamitta Gummel insgesamt 1 450 mg -- etwa soviel wie 20 Jahre später der Doping-Sprinter Ben Johnson als Mann. Ihre Nachfolgerinnen in der DDR nahmen dann bis zum Doppelten und mehr.So sind in den wissenschaftlichen Auswertungen für die Berliner Dynamo-Stoßerinnen Ilona Slupianek (Olympiasieg und Weltrekord) und Heidi Krieger (Europameisterin 1986) rund 2 600 mg, für die TSC Berlin-Diskuswerferin lrina Meszyriski (zeitweilige Weltrekordlerin) sogar 3 190 mg und für die Kugelstoß-Vizeeuropameisterin von 1986, die Rostockerin Ines Müller-Reichenbach, sogar ein Rekord von 3 680 mg.Margitta Gummel, hochrangige Funktionärin im DDR-Sport, erklärte noch im August 1991 öffentlich als Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, sie selbst sei strikt gegen Doping und froh, daß sie in einer Zeit aktiv war, "als wir hörten, die Amerikaner hätten da so gewisse Mitteichen".Die Dopingmittelgaben und die dadurch mögliche höhere Trainingsbelastung wurden dann schnell optimiert, auf die meisten anderen Sportarten angewendet. Bereits im Frühjahr 1977 konnte der Sportmedizinische Dienst (SMD) durch seinen Chefarzt Dr. Höppner eine offizielle Zwischenbilanz unter dem Titel "Zum Stand der Anwendung von unterstützenden Mitteln" als Vertrauliche Verschlußsache erstellen, aus der hier einige Passagen direkt wiedergegeben werden:"Den Hauptanteil unter den bisher angewandten Präparaten haben die anabolen Hormone, auch als anabole Steroide bezeichnet. Sie wurden im DDR-Leistungssport seit 1966 angewandt. Insbesondere in verstärktem Maße während der Vorbereitung der Olympischen Spiele 1972 und 1976. Gegenwärtig werden sie in allen olympischen Sportarten mit Ausnahme von Segeln und Turnen (weiblich) bei fast allen Kadern der Kaderkreise 1 und II bzw. A und B, d. h. bei allen Nationalmannschaftskadern der Sportverbände, angewandt.Der positive Wert der anabolen Steroide für die Leistungsentwicklung ist unbestritten. Spitzenleistungen oder ihre Weiterentwicklung ist durch alleinige trainingsmethodische Maßnahmen heute nicht mehr möglich. In Sportarten mit meßbaren Leistungen läßt sich dies durch Meter, Sekunden oder Kilogramm eindeutig nachweisen.SteigerungsratenDie Leistungen konnten mit Unterstützung dieser Mittel innerhalb von vier Jahren wie folgt gesteigert werden (diese Entwicklungsraten waren in den vergangenen vorherigen olympischen Perioden mit reinen Trainingsmaßnahmen nicht möglich gewesen):Kugelstoßen (Männer) 2,5-4 Meter; Kugelstoßen (Frauen) 4,5-5 Meter; Diskuswurf (Männer) 10-12 Meter; Diskuswurf (Frauen) 11-20 Meter; Hammerwurf 6-10 Meter; Speerwurf (Frauen) 8-15 Meter; Fünfkampf (Frau~l) eine ca. 2oprozentige Steigerung der bisher für möglich gehaltenen Punktzahlen; 400 m Frauen 4-5 Sekunden; 800 m Frauen 5-10 Sekunden; 1 500 m 7-10 Sekunden.Ein 100-m-Lauf der Frauen unter 11,2 Sekunden ohne die Anwendung von unterstützenden Mitteln wird von allen Fachleuten als ausgeschlossen betrachtet.Weitere Beispiele könnten aus allen Sportarten gebracht werden.1. Nach den bisherigen Erfahrungen kann eingeschätzt werden, daß die Frauen durch die Anwendung der anabolen Hormone, was ihre sportliche Leistungsentwicklung betrifft, den höchsten Vorteil gehabt haben.2. Bei der erstmaligen Anwendung der anabolen Hormone, insbesondere bei Nachwuchsathleten, ist der die Leistungsentwicklung unterstützende Effekt sehr hoch.3. Die den Sportverbänden übertragenen hohen Leistungsziele können nur bei weiteren Anwendungen von unterstützenden Mitteln, insbesondere aber anabol wirksamer Substanzen, erfüllt werden.NebenwirkungenEbenso lassen sich gewisse unerwünschte Nebenwirkungen bei Frauen aufgrund physiologisch-biologischer Aspekte generell nicht vermeiden, ohne Abstriche in der eistungsunterstützung durch diese Präparate zu machen."Die grundsätzliche Richtigkeit der von den DDR-Sportmedizinern angegebenen Leistungszuwächse nach Anabolika-Einnahme ist inzwischen auch durch den Umkehrschluß erbracht, international wie national: Hatten bis zur Wende insgesamt 17 deutsche Frauen (14 DDR, 3 Bl~D) die Kugel über 20 m gestoßen, hat das nach Einführung der -- sicher noch unzureichenden -- Trainingskontrollen keine einzige deutsche Frau mehr geschafft.Ähnliches gilt im Speer- und Diskuswerfen, wo groteskerweise die deutsche Bestleistung für Jugendliche von 74,40 m schon seit Jahren weltweit auch von keiner erwachsenen Frau mehr erreicht wird, auch nicht von der Jugendrekordhalterin selbst, der Hallenserin Ilke Wyludda. Beim Aufbau des Doping-Systems halfen nicht nur die Funktionäre der Sportverbände, die Ärzte und Chemiker des SMD und die Politiker -- bis hin zu Staatssekretären und Ministern und ZK-Mitgliedern -" sondern auch hochrangige Wissenschaftler der Universitäten wie Prof. Hansgeorg Hüller, Uni Greifswald und Charité Berlin, der als klinischer Pharmakologe u. a. den Einsatz von STS 646 zu vertreten hat, von dem Präsidenten Prof. W. Seheler bis zu einer ganzen Gruppen von Forschern des ZIMET in Jena.Ganze Dissertationen (die damit erworbenen Doktortitel sind laut Einigungsvertrag heute noch gültig) und umfangreiche Forschungsprojekte, einschließlich des "Staatsplanthemas 14.2 5", befaßten sich mit der Entwicklung neuer Dopingmittel und Verfahren zur "Überbruckungstherapie". Darunter verstand man die Aufrechterhaltung des durch Doping im Training erhöhten Androgen-Hormonspiegels nach dem Absetzen der -- leicht nachweisbaren -- synthetischen Anbolika vor Wettkämpfen.Und seit 1983 auch die 1:1-Mischung der Propionsäure-Ester von Testosteron und seinem Beiprodukt Epitestosteron, eine pharmakologisch uninteressante, weil biologisch unwirksame Verbindung, die jedoch speziell zur Manipulation vom VEB Jenapharm hergestellt.SchwarzmarktDies beweisen z. B. nicht nur Aufzeichnungen des Dr. Hartmut Riedel und des Dr. Höppner, sondern auch alarmierende Meldungen an das MfS. Als erstmals dieses -- auch heute noch sichere -- Betrugsverfahren erfolgreich engesetzt worden war, wollten auch andere Sportler die Mischung nutzen, und alsbald entstand ein Schwarzmarkt , den das MfS unter Kontrolle bringen sollte: So meldete erstmals am 19. 10. 1983 der DDRDopingkontrol leur Dr. C. Clausnitzer dem Chefarzt des FKS, Prof. Dr. Rüdiger Hacker, und anschließend am 29. 11. der "IMS Hans Georgi" der Stasi:"daß in verschiedenen Bezirken der Republik bei l.eistungssportlern in Untersuchungsbefunden Epitestosteron nachgewiesen wurde. Theoretisch kann das aber nicht der Fall sein, weil sich dieses Präparat nur am FKS befindet und gegenwärtig Testversuche nur bei den Schwimmerinnen, medizinisch betreut von Dr. Lothar Kipke (Verbandsarzt Schwimmen), und bei den Ruder(innen) ... durchgeführt werden."Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, daß allein bei einer Lieferung von Jenapharm 200 Ampullen fehlten, und Häcker verrflutete, "daß Epitestosteron über Jenapharm verschoben wird".Aber auch für "Unfälle", die gelegentlich trotz der "Ausreisekontrolllen" im Dopinglabor Kreischa eintraten, hatte man Strategien zur Unterschlagung und Vertuschung. Belegt durch die IM-Berichte der entsprechenden Sportmediziner und Funktionäre:Im positiven Dopingfall der I)ynamo-Kugelstoßerin Slupianek 1977 beim Europa-Cup in Helsinki mußte SMD-Chefarzt Höppner auf höchste Weisung hin lügen, wie er selbst dem MfS mitteilt:"Nach Einschätzung des IMV wurde die ... Untersuchung ... ordnungsgemäß durchgeführt, und das Siegel auf der Reserveampulle war unverletzt. Im Auftrag des Genossen Ewald stellte der IMV (aber) die Behauptung auf, daß es sich bei der Reserveampulle nicht um die Urinprobe der Slupianek handelt. Angeblich habe er persönlich in Helsinki zusätzliche Markierungen am Siegel angebracht, die jetzt fehlen würden. Mit dieser Behauptung wurden die finnischen Verantwortlichen für die Urinabnahme eindeutig beschuldigtIm Zusammenhang mit dieser Weisung argumentierte Genosse Ewald, daß mit dieser Durchsetzung der IMV beweisen könne, ob er voll zur DDR stehe und etwas vom Klassenkampf versteht."Im DDR-Labor Kreischa erhobene offizielle positive Befunde bei einer sowjetischen Mittelstrecklerin (Medaillengewinnerin) bei den Hallen-EM in Wien 1979 wurden geheimgehalten, "weil Genosse Ewald bis zu den Olympischen Spielen 1980 in Moskau Material sammeln will, um die (sowjetischen, Red.) Freunde zu zwingen, bei positiven Befünden unter DDR-Athleten ebenfalls Nachsicht zu üben."UnterschlagungBeim "Pokal der Blauen Schwerter" der Gewichtheber 1979 wurden gleich zehn positive Befünde unterschlagen, darunter auch der des I)DR-Sportlers Schniffka (sonst noch vier Ungarn, je zwei aus der UdSSR und der CSSR und ein Schwede): "Der IMV setzt sich sofort mit Gen. Ewald ... in Verbindung, und dieser wies nach offensichtlicher Konsultation an, daß dies nicht offiziell auszuwerten ist. Daraufhin erhielt Dr. Clausnltzer den Auftrag, Negativ-Gutachten abzugeben."Dieses ausgetüfelte Know-how hat sich nach 1989 über den Globus verbreitet und wird -- schlimmerweise -- dankbar angenommen. Anläßlich der Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart wurde ausgerechnet das DDRspezlfische Anabolikum "STS 646" im Urin des Bronzemedalilengewinners im Kugelstoßen, Olympiasieger Mike Stulce (USA) nachgewiesen.Margitta Gummel, Kugelstoß-Olympiasiegerin von 1968 in Mexico City. bekam als eine der ersten DDR-Sportlerinnen Anabolika. Foto: ZB Ilke Wyluddas deutsche Junioren-Bestleistung wurde nach der Wende 1989 von keiner Diskuswerferin aus dem Seniorenbereich mehr erreicht. Foto: ZB Diese Grafik aus einer geheimen Analyse zeigt, wie die Kugelstoß-Olympiasiegerin von 1968, Margitta Gummel, durch die wöchentliche Einnahme von 14 Tabletten Oral-Turinabol ihre Bestleistung innerhalb von zehn Wochen um fast zwei Meter verbesserte.