ATHEN, 18. August. Im Olympia-Krimi wurde ein neues Kapitel geschrieben. Die Affäre um Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou, die motorisierten Dopingprobenflüchtlinge, erhält täglich wirre Wendungen. Da sind sie also am Mittwochmorgen tatsächlich noch vor der IOC-Disziplinarkommission aufgetaucht im Hilton Hotel von Athen, die stark dopingverdächtigen Sprinter, sowie ihr Trainer Christos Tsekos und ihr Anwalt. Natürlich hat das pfeilschnelle Duo, das seit Jahren ebenso hurtig vor Kontrolleuren wegläuft, einmal mehr seine Unschuld beteuert. Doch dann gaben Kenteris, Thanou und Tsekos ihren Verzicht auf die Olympiateilnahme bekannt.Verweis an IAAF"Ich bin unschuldig, verzichte aber im nationalen Interesse Griechenlands", sagte Kenteris. Tsekos, der mutmaßliche Drogenhändler, der auch in den Balco-Skandal verwickelt ist, beschwerte sich laut und erklärte die Berichterstatter, die ihn umzingelten, zu Sündenböcken. Die Medien seien an allem Schuld, behauptete Tsekos. Die Schlagzeilen hätten "alle Griechen verletzt, ganz Griechenland und auch den Sport". Der Deutsche Thomas Bach, der gemeinsam mit dem Schweizer Dennis Oswald und dem Ukrainer Sergej Bubka die IOC-Kommission bildete, feierte den Rückzug in höchsten Tönen als großen Erfolg. "Wir hätten gerne zu Ende ermittelt und waren auf ein Urteil vorbereitet", sagte Bach den Nachrichtenagenturen. "Wir haben alles getan, was rechtlich möglich war. Auch wenn Recht und Moral nicht immer eine Gleichung sind." Von diesem Ungleichgewicht könnte Bach, der deutsche Wirtschaftslobbyist im Olymp, ein Liedchen trällern, wenn er wollte.Das IOC-Exekutivkomitee fasste seinen Beschluss kurz vor der Abreise zu den Kugelstoßwettbewerben im antiken Olympia in einer dreiseitigen Erklärung zusammen. Die Kernpunkte: Kenteris, Thanou und Tsekos werden nicht ausgeschlossen, sie haben selbst auf ihre Olympiateilnahme verzichtet. Bei künftigen Olympischen Spielen soll ihr Mitwirken nur nach eingehender Prüfung möglich sein. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF wird aufgefordert, sich des Falls anzunehmen, dabei alle möglichen Verletzungen der Dopingregeln in den vergangenen Monaten zu prüfen und die Ermittlungen auch auf sämtliche mögliche Mitwisser und Hintermänner (Trainer, Funktionäre etwa des griechischen NOK und des griechischen Leichtathletikverbandes) auszuweiten.Nach den IAAF-Regeln können Athleten, die innerhalb von 18 Monaten drei Dopingtests verweigert haben beziehungsweise nicht anzutreffen waren, mit einer Sperre von zwei Jahren belegt werden. Kenteris und Thanou waren allein in den vergangenen drei Wochen in Tel Aviv, Chicago und Athen nicht aufzufinden. Wobei es sich bei den ersten avisierten Kontrollen um Maßnahmen der IAAF, bei der dritten im Olympischen Dorf um eine IOC-Fahndung gehandelt hat. Inzwischen bestätigte Trainer Tsekos Medienberichte, wonach sich das Team nicht, wie behauptet, mehrere Wochen in den USA aufgehalten hat, sondern nur sieben Tage. Stattdessen weilte man, wieder einmal außer Reichweite der Kontrolleure, in der Nähe von Korinth. Auf der Rückreise von Chicago machte man dann in Deutschland Station, wo zwei Ärzte aufgesucht wurden. Alexander Jontschew aus Göttingen hat vor einigen Tagen schon bestätigt, dass Kenteris sich von ihm wegen Achillessehnenproblemen behandeln ließ: "Er wirkte auf mich wie jemand, der gedopt hat. Viele Pickel, tiefe Stimme, und auch die Gesichtsform war auffällig", sagte Jontschew der Bild am Sonntag. Auch Karl-Heinz Graf aus Essen, ehemals Verbandsarzt der deutschen Leichtathleten, bestätigte seine Zusammenarbeit mit Kenteris auf Anfrage. Nähere Angaben könne er aber nicht machen, erklärte Graf und berief sich auf die ärztliche Schweigepflicht.Es war am Mittwoch um 15.12 Uhr Athener Zeit, als IOC-Sprecherin Giselle Davies im Hauptpressezentrum die Trophäen in die Höhe hielt: Die Akkreditierungskarten von Tsekos, Kenteris und Thanou. "Die Kommission war der Meinung, genug Material gesammelt zu haben, um sie auszuschließen, hätten sie nicht von sich aus zurückgezogen", sagte Francois Carrard, der frühere IOC-Generaldirektor, nun juristischer Berater der Disziplinarkomission. In der IOC-Erklärung wurde es unter Punkt vier noch umständlicher formuliert. Da heißt es: Sportler, die sich schon vor ihrem Wettkampf von den Olympischen Spielen in Athen zurückgezogen haben, sind nicht mehr länger Teilnehmer. Eine Konsequenz daraus ist, dass ihr Ausschluss von den Spielen - die einzig mögliche Sanktion zu diesem Zeitpunkt, wenn sie nicht auf ihren Olympiastart verzichtet hätten - gar nicht durchsetzbar ist. Herrje, was für ein juristisches Kauderwelsch.Das Trio bleibt zwar den Spielen fern, nur ist der Fall deshalb noch lange nicht gelöst. Die Recherchen in dieser spektakulären Angelegenheit hat längst der Athener Oberstaatsanwalt übernommen. Nach drei Tage währenden Vorermittlungen leitete er am Montag ein offizielles Ermittlungsverfahren ein. Inzwischen sollen zwei von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene Gutachten vorliegen. Im ersten hat ein Gerichtsmediziner, Dr. Filipos Kotsaitis, den angeblich verletzten Sprintern keine relevanten Verletzungen und auch keine Gehirnerschütterung oder etwa ein Schleudertrauma attestiert. Kotsaitis hat natürlich auch die Ärzte des Kat-Krankenhauses befragt, wie sie in ihrem Bulletin solche Behauptungen aufstellen konnten. Die Antwort: Das machen wir immer so bei Unfällen. Doch nicht zu vergessen: Auch der Athener Polizei ist nichts über einen Unfall bekannt. Im zweiten Gutachten geht ein Experte auf die angeblichen Schäden am Motorrad von Tsekos ein, das Kenteris und Thanou benutzt haben wollen. Er stellt fest, dass man lediglich sagen könne, das Motorrad sei umgefallen. Von einem Unfall aber gibt es keine Spur, auch nicht in jener Gegend, in der das Unglück passiert sein soll.------------------------------Reaktionen //"Für alle ist der Rückzug willkommen, vor allem für die griechische Bevölkerung. Denn die ganzen Olympischen Spiele waren durch das Problem belastet. Klar ist aber auch, dass der Fall noch nicht zu Ende ist." Helmut Digel, Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF"Es ist eine Lösung für die Spiele, aber keine für die Zukunft. So einfach kann es nicht sein. Der Fall muss von der IAAF aufgeklärt werden." Clemens Prokop, Chef des Deutschen Leichtathletik- Verbandes "Das IOC hatte gesagt: Keine Toleranz. Das gilt auch für griechische Sportler." Klaus Steinbach, Präsident des deutschen NOK------------------------------Foto: Unbenutzte Originale: IOC-Sprecherin Giselle Davies mit den Olympia-Akkreditierungen, die die dopingverdächtigten Kenteris und Thanou abgaben.