Es ist schon ungewöhnlich, dass die ARD innerhalb einer Woche drei gute Sendeplätze für eine Dokumentation freihält. Doch Reinhard Schneiders "Familienkrieg" rechtfertigt diese Vorzugsbehandlung. Seine Einblicke in die Familie eines niederbayrischen Jungnazis sind keine Momentaufnahme, sondern Ergebnis eines jahrelangen Kontaktes. Schneider hatte durch Zufall die Mutter des Jungen kennen gelernt, die dem Filmemacher ihre Hilflosigkeit im Umgang mit ihrem rechtsradikalen Sohn gestand. Nachdem der Autor aus der Familiengeschichte erst ein preisgekröntes Hörfunk-Feature fertigte, begleitete er Simon und seine Familie über ein Jahr mit der Kamera. Im Mittelpunkt des ersten Teils "Mein Sohn, der Nazi" steht die Frage, warum sich ein 15-Jähriger die Punk-Frisur zur Glatze schneidet und zum fanatischen "White-Power"-Skin wird. Obwohl auch Altersgefährten erwähnt werden, die Simon beeindruckten, fragt der Film vor allem nach Ursachen in der Familie. Simon selbst gibt seiner Mutter die Schuld an seiner radikalen Gesinnung. Sie hatte ihm oft vorgehalten, dass er alles andere als ein Wunschkind gewesen war, hatte ihre Wut auf ihren früheren Mann auf den Jungen projiziert. Der rächt sich, indem er sie mit rechtsradikalen Sprüchen provoziert. Autor Reinhard Schneider gibt keine Beurteilungen ab, sondern stellt seine Protagonisten sachlich vor. Trotzdem hält sein Familienbild die Spannung, weil die Helden ambivalent sind. So hat die Mutter, eine patente Krankenschwester, in ihren politischen Argumenten gegenüber den rassistischen Parolen des Sohns zwar Recht, doch erschrecken andererseits ihre Wut und der Sarkasmus gegenüber ihrem Sohn. Simon wiederum drischt die übelsten Sprüche, bemüht seine menschenverachtende Ideologie selbst in den absurdesten Momenten, kümmert sich aber andererseits als Einziger rührend um seine drogenabhängige Freundin. Meist muss Reinhard Schneider seine Gegenüber allein vor der Kamera berichten lassen. Treffen Mutter und Sohn aufeinander, endet das Gespräch fast immer im Gebrüll. "Sie haben auch im Alltag keine gemeinsamen Themen", hat er bei den Dreharbeiten beobachtet. "Ihre Kommunikation ist entweder Streit oder Schweigen." So handelt der "Familienkrieg" nicht vordergründig oder kurzschlüssig das Problem Rechtsradikalismus ab, sondern führt die gestörte Kommunikation einer nach außen ganz normalen Familie vor - so drastisch und eindringlich hat man das selten gesehen. Schließlich zerbricht die Familie komplett: Die Mutter trennt sich auch von ihrem zweiten Mann und zieht mit dem jüngeren Sohn zurück nach Österreich, Simon heiratet seine Freundin, die wegen Drogendelikten im Gefängnis sitzt. Familienkrieg: Mein Sohn, der Nazi 21.45 Uhr ARD, 2. und 3. Teil am Montag und Mittwoch, jeweils 21.45 UhrRB/REGINA GEISLER Simon, im Hintergrund der Regisseur Reinhard Schneider