Gleich hinter dem grünen Stahltor steht noch ein verblichenes Schild. Von attraktiven Eigentumswohnungen ist die Rede, 110 bis 250 Quadratmeter groß. Geplante Fertigstellung: Herbst 2002. Doch auf dem Teufelsberg ist nichts fertig. Im Gegenteil: Hier regiert der Verfall.Der Ort, an dem im Kalten Krieg Amerikaner und Briten den Osten abhörten, ist schwer gezeichnet. Keine Scheibe, keine Lampe, kein Klo und kein Waschbecken ist hier mehr heil. Die Deckenverkleidungen sind heruntergerissen, sämtliche Schlösser aufgebrochen und wo mal Kabel verliefen, klaffen große Löcher im Boden. Die Kabel fehlen wie alles aus Kupfer, Metalldiebe haben ganze Arbeit geleistet. Teile sind ausgebrannt, von einer Lagerhalle ragen nur noch rostige Stahlstreben in den Himmel. Überall liegt Müll, Farbeimer finden sich ebenso wie Kontoauszüge. Die Wände sind vollgeschmiert, die fünf weißen Kugeln, Wahrzeichen des Teufelsbergs, sind zerschnitten.Sieben Jahre VerfallSieben Jahre lang wurde das Gelände nicht bewacht, die Eigentümer, die mit ihrem Luxus-Bauprojekt pleitegegangen waren, haben kein Geld mehr für einen Wachschutz. Seit Juni hat Gerd Emge mit seiner Sicherheitsfirma die Bewachung übernommen, auf eigene Kosten. Er sichert auch den Spreepark in Treptow, noch so einen verlassenen Ort. Im Gegenzug darf er Einnahmen durch Vermietungen oder Führungen behalten. Emge, ein älterer Mann mit grauen Haaren, Vollbart und Brille, schickt oft eine Steife, doch die kann das 48-Hektar-Areal kaum überwachen. Er erzählt, an Sommerwochenenden kämen bis zu 100 Personen auf das Gelände, illegal. Die Hälfte seien Touristen. In jeder Etage des Baus mit dem Kuppelturm treffe er dann Pärchen mit Decken und Rotwein an. Kein Wunder, die Sicht ist grandios. Manche spielen in der obersten Kuppel mit ihrer unglaublichen Akustik Gitarre, auch ein Trupp älterer Herren mit Stirnlampen ist Emge schon begegnet. Die Anziehungskraft des mythenumrankten Ortes ist groß. Im Stahltor fehlt eine Strebe, so dass man mühelos hindurchschlüpfen kann und der Doppelzaun mit Stacheldraht ist löchrig.Da kam Emge, der für die Besitzer das Hausrecht ausübt, die Anfrage von Andreas Jüttemann gerade recht. Jüttemann, 25, wuscheliges Haar und Dreitagebart, hat gerade sein Psychologiestudium abgeschlossen und schon immer ein Faible für verlassene Orte. Er hatte die Idee, seine Promotion durch Stadtführungen an abgelegeneren Orten zu finanzieren. Vor kurzem war er mit einer Freundin am Teufelsberg, er sah das Schild, dass das Gelände bewacht wird und das Betreten verboten ist. Jüttemann fragte sich, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, den Ort zugänglich zu machen. Er hat Emge angerufen und ab Sonntag bieten die beiden nun Führungen an.Erste Station ist die Rezeption, wo sich alle, die einst in der Spionagestation arbeiteten, anmelden mussten. Bis zu 800 Leute waren das, die in drei Schichten kamen. Das Sicherheitsglas an der Pförtnerkabine ist zersplittert, aber man kann noch deutsche und amerikanische Steckdosen sehen. Ein elektromagnetisches Zugangssystem habe es hier in den 80er-Jahren schon gegeben, berichtet Jüttemann. Das hat ihm ein britischer Soldat erzählt, der damals auf dem Teufelsberg stationiert war. Jüttemann hat kürzlich einen Rundgang mit ihm über das Gelände gemacht.Durch einen dunklen Gang, der alle Gebäude verbindet, geht es weiter zur Pyrolyse-Anlage. In großen Kesseln, die noch intakt aussehen, wurden sämtliche Papiere, die in der Abhörstation anfielen und nicht mehr benötigt wurden, chemisch zersetzt - die entstehende Wärme heizte das Gebäude. Man erkennt nur mit Taschenlampen etwas, denn es gibt im Gebäude keine Fenster, aus Sicherheitsgründen.Wieder im Freien führt die Tour vorbei an einem kleineren Turm, der nicht betreten werden darf, weil dort Asbest verbaut ist. Auch der kleine Radarturm etwas abseits kann nicht besichtigt werden. Dort wohnen zeitweise Künstler, die aus dem Umfeld des Tacheles kommen. Einer der beiden Eigentümer hat ihnen erlaubt, sich dort aufzuhalten, weil sie versprachen aufzuräumen. Sie haben auch die Offiziersmesse in Beschlag genommen. Emge sind die Leute vom "Projekt Teufelsberg" ein Dorn im Auge, "die kommen mit Bolzenschneidern und lassen für wilde Feten Leute aufs Gelände."In der ehemaligen Militärpolizeistation kann man noch mit Drahtzaun abgetrennte Zellen erkennen. Dann geht es eine Betontreppe hoch in den Kuppelbau. Hier haben die Eigentümer eine Außenwand entfernt, Lofts mit Blick über die Stadt sollten entstehen. Gebaut wurde nur eine Musterwohnung. Die Wandkonstruktion und das Parkett ist noch erkennbar, außerdem ein paar Fliesen im Bad. Auf der Terrasse glitzern Glasscherben.Zwei Stockwerke weiter oben steht man neben zwei der Kuppeln. Der Wind pfeift, er fängt sich in den weißen Gebilden, ein unheimliches Poltern und Donnern liegt in der Luft. Man blickt auf den Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach des amerikanischen Gebäudetrakts, auf die Fundamente, die für die Luxusvillen gegossen wurden - und in den Abgrund. An vielen Stellen fehlt die Brüstung, auch die Tür zum Fahrstuhl führt in die Tiefe. Es soll schon zwei Todesfälle gegeben haben, erzählt Emge. Das war aber vor seiner Zeit. 228 Stufen durch ein finsteres Treppenhaus und die oberste Kuppel ist erreicht. Kurz davor entdecken Emge und Jüttemann, dass die Tür zum Fahrstuhlantrieb neu aufgebrochen wurde. Die Akustik in der Kuppel ist wegen des Echos ein bisschen unheimlich. Auf einer Seite hat jemand eine Öffnung in die Außenhaut geschnitten - er wollte wohl ebenso die Aussicht genießen wie jene, die die Folienverkleidung des Turmschafts zerfetzt haben.Unten zeigt Jüttemann noch einen bemoosten Gang. Es sei der einzige unterirdische, der aus den Bauplänen hervorgehe. Leute vom Verein Berliner Unterwelten hätten ihn erforscht und, anders als viele vermuten, keine geheimen Bunkerräume gefunden. "Das sind alles Spekulationen", sagt Jüttemann. Andererseits findet er es kurios, dass es unter einem Ort, auf dessen Koordinaten sämtliche Raketen der Sowjetunion gerichtet waren, keinen Bunker gibt. Der Teufelsberg ist noch immer für Mythen gut.------------------------------Ein vergessener OrtGeschichte: Der 114,7 Meter hohe Teufelsberg wurde aus Schutt ab 1950 über der Wehrtechnischen Fakultät aufgeschüttet. Die US-Armee entdeckte ihn Ende der 50er-Jahre als Standort für eine Abhöranlage. Auch Briten waren dort tätig. Die Alliierten zogen 1992 ab. Danach nutzte Berlin die Anlage für die Flugüberwachung. 1996 erwarben Investoren das Areal. Sie planten Luxuswohnungen und gingen pleite. Die Baugenehmigung verfiel, das Gelände ist heute als Wald ausgewiesen. Ein Verkauf an die Maharishi-Weltfriedensstiftung, die andere Sekte nennen, scheiterte 2007.Führungen: Ab Sonntag gibt es Führungen über das Gelände, Treffpunkt Ökowerk. Montags, sonnabends und sonntags um 14 Uhr, auf Deutsch, Englisch, Polnisch und Tschechisch. 2 Stunden, ab 14 Jahren. Erwachsene 15Euro, bis 27 Jahre und Rentner 6 Euro. Anmeldung unter Tel. 80 40 33 90 oder www.berlinsightout.de------------------------------Foto: Der Blick vom Dach ist vollkommen, der Rest der ehemaligen Abhörstation ziemlich zerstört.Foto: Geklopft hat an dieser Tür in der Spionagestation schon lange niemand mehr, bevor er eintrat.