BERLIN, im September. Paul und Paula würden sich wohl nicht mehr hierher träumen. Im Film, da gab Alt-Stralau noch die richtige Kulisse ab für die Traumsequenz, in der das Liebespaar sich als Braut und Bräutigam glückselig in einem blumenbestreuten Bett auf einem alten Kahn wälzt. Karg und verwunschen lag im Hintergrund die Halbinsel im Wasser der Rummelsburger Bucht, wo die Szene 1973 für den Defa-Klassiker "Die Legende von Paul und Paula" gedreht wurde. Ein Backsteingebäude ragte am Ufer Alt-Stralaus auf, rot und wuchtig, der Speicher einer Fabrik für Palmkernöl, die es schon lange nicht mehr gab.Die Stelle, an der das Schiff im Film liegt, heißt heute Paul-und-Paula-Ufer. Von dort sieht man den Speicher. Ein eckiger Klotz, der sich quer stellt, sich nicht recht einfügen will in die strenge Anordnung der Häuserzeilen, die jetzt um ihn herum stehen. Der Platz vor der Industrie-Ruine heißt jetzt "Am Speicher", drum herum wohnen Menschen in weiß getünchten Neubauten. Für die Bewohner - die ersten sind vor vier Jahren eingezogen - hat die Wasserstadt GmbH vor einiger Zeit ein Sommerfest veranstaltet. Sie nannte es "Isola bella". Die schöne Insel, Klein-Italien in Friedrichshain, exklusive Wohnlage mit Wasserblick, das soll die Landzunge zwischen Spree und Rummelsburger Bucht werden.Im PenthouseAm anderen, südlichen Ufer der Halbinsel steht Thomas Du Chesne in der vierten Etage eines Neubaus, "Stralau wird die teuerste Wohngegend Ostberlins", sagt der Makler. Deshalb hat er dieses Penthouse vermietet, und auch die Wohnungen darunter bietet er an, und noch drei andere neu erbaute Mietshäuser auf Stralau. Die Hälfte der Wohnungen sei vergeben, und dass das alles ein wenig länger brauche, sei normal. Stralau sei eben nicht der Grunewald, noch nicht. "Schauen Sie", sagt er, "die Ruhe, das Wasser, das Grün". Durch die bodentiefen Fenster des Penthouses sieht man die Spree, die die Halbinsel von Treptow trennt. Man sieht die Wipfel der Bäume im Treptower Park, die Turmspitze der jahrhundertealten Stralauer Kirche und ganz hinten die Insel der Jugend, ein grüner Fleck im Wasser. Ein Idyll mitten in der Stadt, "nur wenige Fahrminuten von der Neuen Berliner Mitte entfernt", verspricht der Flyer, mit dem der Makler wirbt. Für das Penthouse zahlt jemand bald 9 000 Mark im Monat. Dafür, diesen Blick jeden Tag zu haben, und dazu vier Zimmer auf 290 Quadratmetern, einen Kamin und eine Terrasse. Hier oben, über den Baumspitzen, scheint es fast so, als habe Thomas Du Chesne Recht, wenn er von Alt-Stralau als künftigem "Nobelwohnstandort" redet. Ausgerechnet auf dem Fleckchen Land, das die Berliner immer schon "den Blinddarm" genannt haben. Im Mittelalter wohnten hier Fischer, Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Fabriken, hier wurde Bier gebraut, wurden Teppiche geknüpft, Stoffe gewebt, Flaschen hergestellt. Die Arbeiter zogen her und sonntags kamen die Städter und speisten in einem der Gartenlokale, die "Zum Wassersport" hießen, "Zum Dorfschulzen" oder "Die Perle von Stralau".Dann kam der Krieg, später die DDR. Stralau wurde wieder unbeachteter Wurmfortsatz, am Ende wohnten hier noch ein paar hundert Menschen. Nach dem Mauerfall passierte erst einmal nichts. Bis die Hoffnung auf Olympia in Berlin erwachte und die Halbinsel zu einem wichtigen Ort der gewünschten Spiele werden sollte. Es wurden Pläne gemacht und Investoren angeworben. Alt-Stralau wurde zum Entwicklungsgebiet erklärt. Aber die Olympia-Bewerbung scheiterte. Viele Investoren zogen sich zurück. Übrig blieben nur die kühnen Träume von einer Luxus-Halbinsel im Osten Berlins. Und die wollte der Senat dann doch noch verwirklichen. Die Wasserstadt GmbH wurde gegründet. Die Gesellschaft, ein Unternehmen des Landes Berlin und der Landesbank, wurde beauftragt, die Vision der "Isola bella" umzusetzen. Stralau ist Entwicklungsgebiet geblieben. Ein umstrittenes mittlerweile, weil die Vision schon sieben Jahre alt ist und die Halbinsel an vielen Stellen immer noch so aussieht, als sei der Bebauungsplan eben fertig geworden.Immerhin gibt es die Vision jetzt zu kaufen, zwei Mark kostet die neue Rad- und Wanderkarte, auf der Stralau schon so ist, wie es in spätestens neun Jahren werden soll. Eine im Maßstab 1 : 6 000 aufgemalte Wunschvorstellung. Als ob es nicht mehr anders kommen könnte, wenn es einmal gedruckt ist. Gebäuderiegel mit fast dreitausend Wohnungen stehen adrett nebeneinander, knapp die Hälfte ist jetzt gebaut. Dass viele leer stehen, will niemand bestätigen.Ein Friseur und ein BlumenladenDie denkmalgeschützten Industriebauten, die ehemalige Glasfabrik, der Speicher und der Flaschenturm der alten Engelhardt-Brauerei sind auf der Karte dunkelrot eingefärbt - wie die Wohnhäuser. Die Karte denkt sich die Gebäude, die jetzt baufällig in Brachen herumstehen, saniert, umgebaut zu Lofts, Restaurants, Büros. Um die ganze Halbinsel zieht sich ein dünner weißer Strich: Ein Wanderweg, ganz nah am Ufer.Doch spätestens wenn man versucht, diesen Weg abzugehen, wird klar, dass der Unterschied zwischen Stralau, wie es ist, und Stralau, wie es werden soll, nicht nur der zwischen unfertig und fertig ist. Und es wird zum Beispiel klar, dass die Planer es nicht als ihre größte Aufgabe ansehen, endlich einen Supermarkt auf die Insel zu holen, weil die einzigen beiden Läden, in die die mittlerweile 1 800 Bewohner gehen können, ein Friseur und ein Blumenladen sind. Der einzige Ort auf der Halbinsel, wo man zum Beispiel Milch kaufen kann, ist eine Currywurst-Bude an der Hauptstraße. Der Inhaber stellt auch Joghurt in seinen kleinen Kühlschrank und hat immer ein paar Dosen Gemüse auf Vorrat, seit immer mehr Menschen vorbeikamen und nach Dingen fragten, die sie beim letzten Einkauf im ein paar Kilometer entfernten Einkaufszentrum in Treptow vergessen hatten. Man erfährt auf diesem Weg um die Halbinsel, dass die neuen Bewohner nicht wissen, wohin mit ihren Autos, weil Projektentwickler dachten, dass in einer Wasserstadt ein Stellplatz für acht Wohnungen reicht. Auch das wird man lösen können. Das eigentliche Problem hat damit zu tun, dass Stralau, wie es werden soll, keine Geschichte haben darf. Oder nur dort, wo sie sich in das Konzept integrieren lässt. Um das zu begreifen, muss man ein Stück weiter am Ufer entlang gehen.An der Elsenbrücke beginnt der Weg breit, kiesbestreut, baumbestanden. Er führt vorbei an weißen vierstöckigen Neubauten, an denen der Eigentümer ein Plakat befestigt hat: "Wir haben für Sie nah am Wasser gebaut." Nach etwa hundert Metern endet der Weg zum ersten Mal - an einer braunen Mauer. Dahinter sitzt Walter Kracht, auf einer Bank nah am Wasser, über die die Äste einer Trauerweide hängen. Vom Ufer zieht sich ein viereckiges Rasenstück bis zu einem schlichten mehrstöckigen Wohnhaus am anderen Ende der Wiese.Das Haus gehört ihm, seine Familie hat es nach der Wende wiederbekommen. Sein Großvater hat es gebaut - nach dem, einem Amtsvorsteher, ist auch die Krachtstraße benannt - die einzige Straße der Insel, auf der noch mehrere Altbauten mit Wohnungen nebeneinander stehen. Die anderen sind abgebrannt, bei Bombenangriffen. Walter Kracht ist 71. Als er aufhörte, als Agrarwirt zu arbeiten, zog er mit seiner Frau aus Magdeburg her. Der Blick durch die Fenster der oberen Wohnungen ist fast so schön wie von der Terrasse des Penthouse ein paar Meter weiter. Walter Kracht nimmt zehn Mark Miete pro Quadratmeter.Dort, wo er auf seiner Bank sitzt, verläuft auf der Wanderkarte der Uferweg. Er wäre schon lange angelegt, würde Walter Kracht sich nicht weigern, die zehn Meter seines Grundstücks, die dem Wasser am nächsten sind, an die Wasserstadt GmbH zu verkaufen. "Jetzt habe ich das Ganze schon mal bekommen, jetzt gebe ich es nicht mehr her", sagt er. Das hat er auch der Wasserstadt GmbH gesagt, und darum läuft jetzt ein Enteignungsverfahren. Schließlich steht der Weg im Bebauungsplan und Alt-Stralau ist ja offiziell ein Entwicklungsgebiet.Aber Walter Kracht hat recherchiert und herausgefunden, dass in Berlin Eigentümer noch nie etwas hergeben mussten wegen eines Spazierwegs. Er ist extra an den Wannsee gefahren: Gärten bis zum Wasser und die Wege führen drum herum. Darum glaubt Walter Kracht jetzt, dass er sein Ufer hergeben soll, weil hier der Osten ist.Herbert Helle von der Wasserstadt GmbH möchte nicht, dass Walter Kracht das glaubt, deshalb hat man dem alten Mann gesagt, sein Enteignungsverfahren sei als letztes dran. Vorher kommt zum Beispiel Michael Stalherm an die Reihe. Dort, wo der Uferweg ein zweites Mal an einer Mauer endet, beginnt Stalherms Garten. Eine Idylle mit einem krummen Steg und Holztischen unter Apfelbäumen. Eine Sommergaststätte.Pizza und KunstAber Michael Stalherm ist Künstler, sein Garten ist sein Werk und damit Kunst, auch wenn es hier Weißweinschorle und Steinofenpizza gibt. Weil Michael Stalherm merkt, dass die Gäste nicht gleich vermuten, dass sie mehr betreten als eine Gaststätte - die einzige auf der Halbinsel übrigens - macht er sie darauf aufmerksam. Einmal hat ihn ein Gast gefragt, warum er sich so wehre gegen einen Uferweg für alle, der sei doch sozial. Bei so einer Frage gerät Stalherm in Rage. Ob es denn nicht offensichtlich sei, dass man gar nicht sozialer sein könne als er, der jeden auf sein Grundstück kommen lässt, auch die, die er lieber in den Biergarten Zenner am anderen Ufer schicken würde.Stalherm ist seit zehn Jahren auf Stralau, die Familie Geppert seit 1924. "Wir wollen doch nur in Ruhe gelassen werden", sagen die Gepperts. Wolfgang Gepperts Vater hat hier schon Boote gebaut, bis zu 30 Stück im Jahr, jetzt hat sein Sohn die Werft übernommen. Es ist die letzte, früher gab es mal 20 Werften an der Rummelsburger Bucht. Auf dem 3 600 Quadratmeter großen Grundstück, auf dem die Familie lebt und arbeitet, merkt man nicht, dass rundherum Wohnungen, Kitas und Spielplätze entstanden und in den vergangenen drei Jahren mehr als 1 000 Menschen hergezogen sind. Zwischen Baracken stehen Barkassen und Yachten aufgebockt, an jedem der 55 Liegeplätze schaukelt ein Privatboot. Auch hier sollte schon lange der Uferweg durchführen. "Eine richtige Werft ist das ja nicht mehr", sagt Herbert Helle von der Wasserstadt GmbH. "Die reparieren Schiffe und vermieten sie." Er sagt nicht, dass der Familienbetrieb nur noch ein Boot im Jahr bauen darf, weil es sonst zu laut werden könnte für die neuen Nachbarn.Die neuen Nachbarn füllen Fragebögen des Stadtteilausschusses aus, in denen sie schreiben, dass sie für Mieten zwischen 19 und 30 Mark pro Quadratmeter einen Supermarkt erwarten, Kneipen und Parkplätze. Die meisten kreuzen aber auch an, dass sie "sehr gerne" auf der Insel leben. Einige sogar so gern, dass es vor ein paar Wochen eine richtige Hochzeit gab an der Rummelsburger Bucht. Zwei der neuen Mieter ließen sich hier trauen. Am Wasser, neben dem Uferweg und einem Spielplatz. Auf der anderen Seite der Bucht konnte man das Paul-und-Paula-Ufer sehen.BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Blick vom Spreeufer auf die Halbinsel Alt-Stralau