Im Ersten Weltkrieg hat man sie wenig einfühlsam "Kriegszitterer" genannt, weil sie mit den Erlebnissen an der Front psychisch nicht zurecht kamen. Man hat sie damals generell als Feiglinge angesehen und manchmal auch mit Elektroschocks behandelt, nur um festzustellen, dass das bei Kranken dieser Art zuweilen auftretende Zittern dadurch nicht nachließ, sondern eher zunahm. Nun gibt es sie wieder, die deutschen Kriegszitterer. Heute heißen sie allerdings Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), kommen aus dem Afghanistan-Einsatz zurück und werden, sofern ihre Krankheit erkannt wird, von der Bundeswehr behandelt - deutlich besser als zu Kaisers Zeiten zwar, doch immer noch nicht gut genug.Dabei ist die Zahl der Bundeswehr-Angehörigen, die sich während und nach dem Einsatz in Afghanistan wegen PTBS krank melden, in diesem Jahr stark angestiegen. 2008 waren es noch 226 Fälle, im ersten Halbjahr 2009 aber schon 163. Das hat zwei Gründe. Erstens sind mehr Soldaten (4 500 statt 3 500 im vergangenen Jahr) in Afghanistan stationiert. Das erhöht zwangsläufig die Zahl der psychisch Erkrankten. Zweitens wird die Krankheit mehr und mehr von dem Stigma befreit, es handle sich dabei nur um ein eingebildetes Weichei-Syndrom, das ein echter Mann, sprich: Soldat nicht haben kann, weil er es nicht haben darf.Das heißt schlicht: Immer mehr Bundeswehrangehörige trauen sich, vor ihrer Umgebung und vor allem vor sich selbst zuzugeben, dass sie etwa das Miterleben eines Bombenattentats in Kundus mit Toten und Verletzten im Kopf nicht mehr loswerden können und deswegen schier verzweifeln. Selbst Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagt inzwischen: "Die seelischen Verwundungen sind aus meiner Sicht genauso ernst zu nehmen wie körperliche Verwundungen."Sollte aus diesem Satz ehrliche Überzeugung sprechen, was im Falle Jungs durchaus nicht erwiesen ist, dann gebricht es dem Verteidigungsminister aber am Willen oder am Vermögen oder an beidem, der verständnisvollen Ansprache praktische Konsequenzen folgen zu lassen.Im Einsatz in Afghanistan - nicht vergessen: gut 4 000 Bundeswehrangehörige sind dort stationiert - seien derzeit ein Psychiater und zwei Truppenpsychologen. Das hat Jungs Ministerium gestern bekannt gegeben. In der ein wenig verkniffen klingenden Mitteilung hieß es auch noch, dieses Trio bilde zusammen mit Truppenärzten, Militärseelsorgern und psychologischen Ersthelfern (zweiwöchiger Schnellkurs) ein sogenanntes Psychosoziales Netzwerk. Wer das jetzt angemessene Betreuung nennt, glaubt wahrscheinlich tief in seinem Inneren immer noch an die Weichei-These.Und es kommt schlimmer: Bei der Bundeswehr ist von 38 Facharztstellen für Psychiatrie nur gut die Hälfte besetzt. Das weiß Jung seit Langem. Dagegen getan hat er offenbar nichts. Noch gestern ließ er sein Haus lapidar erklären, man unternehme alle Anstrengungen, die Posten "adäquat und zeitnah" zu besetzen. Na, dann.Wer als Bundeswehr-Soldat an PTBS leidet, hat in diesen Tagen auch an seinem Verteidigungsministerium zu leiden. Aber es naht Besserung in wenigen Wochen. Die AJBS, die Akutjungsche Belastungsstörung, dürfte nach der Bundestagswahl schnell vergehen und vor allem keine posttraumatischen Schäden hinterlassen.