Die einstige spanische Kolonie pflegt Katholizismus und Ehebetrug. Die Trennung Verheirateter ist gesetzlich nicht erlaubt: Scheidung auf Philippinisch

MANILA. Sie stellt sich nicht mit ihrem vollem Namen vor. "Hi, ich bin Samantha", sagt sie, als wir uns treffen. Später erzählt sie, dass es ihr unangenehm sei, den Nachnamen zu nennen, den sie seit ihrer Heirat trägt. Neunzehn Tage war Samantha mit ihrem Mann zusammen. Dann verließ sie ihn. Das ist elf Jahre her. Seitdem hat Samantha ihren Mann nicht mehr gesehen. Den Namen de la Cruz aber trägt sie immer noch. Sie würde ihn gern ablegen, sich scheiden lassen. Sie träumt davon, eines Tages wieder zu heiraten.Aber Samantha de la Cruz ist Filipina, und die Philippinen sind eines der wenigen Länder der Welt, in denen Scheidung nicht möglich ist. So wenig wie im kleinen Inselstaat Malta, in Andorra, - und im Vatikanstaat natürlich.Samantha de la Cruz sitzt in einem Café auf dem Campus der Universität der Philippinen in Quezon City, an der sie gerade promoviert. Sie ist eine kleine, etwas rundliche Frau, die dunklen Haare trägt sie streng zum Pferdeschwanz gebunden. Die silberne Brille setzt sie ab, als sie über das Thema ihrer Doktorarbeit redet, in der sie sich mit der Kultur der Regierungsführung auf der muslimischen Insel Jolo beschäftigt. Ihre akademische Karriere begann früh. Gleich nach dem Bachelor-Abschluss begann sie, an der Universität einer Provinzstadt nördlich von Manila Englisch und Literatur zu unterrichten.Flucht zu den ElternDamals war sie 22. Er war ein Kollege, unterrichtete politische Wissenschaften. "Ich habe ihn für einen freundlichen, sanften Menschen gehalten", sagt Samantha de la Cruz. Eineinhalb Jahre kannten sie sich, bevor sie beschlossen zu heiraten. Sie haben sich oft gesehen in dieser Zeit, aber sie waren fast nie allein miteinander. "Ich komme aus einem streng katholischen Elternhaus", sagt Samantha de la Cruz. Ihr zukünftiger Mann besuchte sie meist im Haus ihrer Eltern. Dort wohnte sie damals, so wie bis heute viele philippinische Frauen, die nicht verheiratet sind, bei ihrer Familie wohnen.Und so kam es, dass sie erst in der Hochzeitsnacht herausfand, dass ihr Mann eine Hautkrankheit hat. Sie fühlte sich hintergangen. Viel schlimmer war, dass er ihr verbot, Freunde zu treffen. "Er sagte, dass eine verheiratete Frau zu Hause zu bleiben hätte." Auch die Besuche bei ihren Eltern sollte sie einschränken. Samantha de la Cruz bekam panische Angst. Diese Angst war so groß, dass sie alle Vorbehalte der guten Katholikin und gehorsamen Ehefrau, zu der sie erzogen worden war, überwand und zu ihren Eltern floh.Als vor neun Jahren der Kongressabgeordnete Manuel Ortega den ersten Versuch machte, Scheidung zu legalisieren, verfolgte Samantha de la Cruz das aufmerksam. Doch Ortega scheiterte, so wie alle anderen Politiker, die es nach ihm versuchten. Die Abgeordnete der Frauenrechtsorganisation Gabriela, Lisa Maza, brachte zwei Gesetzesentwürfe ein, den letzten im März 2005. Aber auch dieser moderate Entwurf, der eine Scheidung erst nach fünf Jahren Trennung ermöglichen sollte, kam nicht durch.Der Hauptgrund dafür ist der Widerstand der katholischen Kirche und ihrer Anhänger im einzigen katholischen Land Asiens. Der inzwischen verstorbene Kardinal Jaime Sin nannte Lisa Mazas Entwurf "unphilippinisch und unmoralisch". Gegner warnten vor den "egoistischen Feministinnen" und einem Ausverkauf der Familie wie im Westen. Samantha de la Cruz sagt, sie sei auch katholisch. "Aber was hat es für einen Sinn zusammen zu bleiben, wenn man unglücklich ist?"Die Ehe auf den Philippinen ist tatsächlich nur oberflächlich betrachtet eine heilige Institution. Ehen scheitern auch hier, oft steht nur noch die Fassade, oder die Eheleute trennen sich, finden neue Partner, haben aber nicht die Möglichkeit, jemals wieder zu heiraten - für strenggläubige Katholiken eine Belastung.Es gibt eine ausgeprägte Macho-Kultur. Vor allem Männer betrachten Promiskuität häufig als ihr Recht. Viele, die es sich leisten können, halten sich eine Zweitfrau. Manch älterer Politiker tut das sogar ganz offen, etwa der einstige Präsident Estrada, der beim Besuch offizieller Veranstaltungen abwechselnd mit Ehefrau Nummer eins und Nummer zwei am Arm erschien. Diese von Doppelmoral getragene Haltung wurzelt tief in der Gesellschaft. In vielen philippinische Filmen und Seifenopern spielen Zweitfrauen eine Rolle. Mit Vorliebe tauchen sie samt ihrer Kindern am Grab des Mannes auf. Ein Buch der philippinischen Talk-Show-Moderatorin Julie Yap Daza mit dem Titel "Verhaltensregeln für Geliebte" war ein Bestseller."Bis vor ein paar Monaten habe ich geglaubt, dass ich bis zum Ende meines Lebens eine verheiratete Frau bleiben würde, wenn auch nur auf dem Papier", sagt Samantha de la Cruz. Nur auf dem Papier, aber mit allen legalen Konsequenzen. Wenn ihre Mutter ihr etwa ein Schmuckstück schenken wollte, wehrte sie ab. "Ich wollte nicht, dass er es bekommt, falls ich vor ihm sterbe."Seit 1988 gibt es auf den Philippinen eine einzige Möglichkeit, eine Ehe aufzulösen, nämlich sie für nichtig erklären zu lassen. Evalyn Ursua, die Frauenrechtlerin und Anwältin, die das zuletzt von Lisa Maza eingebrachte Scheidungsgesetz entworfen hat, sagt, dass dieser Prozess so langwierig und so kostspielig ist, dass selbst Angehörige der Mittelklasse ihn sich kaum leisten können. 150 000 bis 200 000 Pesos kostet die Prozedur, 2 500 bis 3 300 Euro. Für eine wie Samantha de la Cruz, die als Professorin an einer staatlichen Universität nur knapp 150 Euro netto im Monat verdient, ist das unerschwinglich.Im Zentrum eines solchen Verfahrens steht ein psychologisches Gutachten, das einen der Ehepartner oder auch beide für "psychologisch unfähig" erklärt. "Die Idee der psychologischen Unfähigkeit geht auf das kanonische Eherecht der Kirche aus dem Mittelalter zurück", sagt Evalyn Ursua. In der psychiatrischen Wissenschaft existiert dieses Konzept nicht, aber philippinische Psychologen und Psychiater fertigen die Gutachten trotzdem an und verdienen viel Geld damit. "Eine ganze Gutachtenzuliefer-Industrie ist entstanden", sagt Evalyn Ursua. Sie ärgert sich über diese Situation. Aber das sei eben derzeit der einzige Weg, im Land aus einer Ehe herauszukommen.Der Oberste Gerichtshof hat festgelegt, dass die psychologische Unfähigkeit bereits vor der Eheschließung bestanden haben und dass sie schwerwiegend und unheilbar sein muss. Es könne sich zum Beispiel um eine narzisstische Persönlichkeitsstörung handeln, sagt Evalyn Ursua, oder um die Unfähigkeit, seinem Partner Liebe und Respekt zu erweisen. Aber aufgrund sexueller Untreue wird niemand für psychologisch unfähig erklärt.Richterbestechung hilftWieder heiraten kann man übrigens trotz festgestellter Unfähigkeit. Sie besteht nämlich nur in Bezug auf den jeweiligen Partner. "So schwammig, wie das Konzept formuliert ist, hängt viel von der Einstellung des Richters ab, ob er eine psychologische Unfähigkeit anerkennt oder nicht", sagt Evalyn Ursua. Und weil es vom Wohnort abhängt, bei welchem Gericht man die Scheidung einreichen kann, hat sie schon Klienten gehabt, die erst einmal umgezogen sind, wenn auch nur pro forma, um in den Einzugsbereich eines als liberal bekannten Richters zu kommen. Manchmal kann man die Einstellung des Richters auch mit Geld in die gewünschte Richtung lenken, sagt Evalyn Ursua. Korruption in Scheidungsfällen sei verbreitet.Vor acht Monaten hat auch Samantha de la Cruz den Prozess begonnen, ihre Ehe annullieren zu lassen. An der Universität bat ihr eine befreundete Rechtsanwältin an, sie kostenlos zu vertreten. Samantha zögerte keinen Moment. Sie hat beschlossen, außer ihren Mann auch sich selber psychologisch unfähig erklären zu lassen, um sicher zu gehen. Ihr Vater übernimmt die Hälfte der Kosten, für die andere Hälfte musste sie einen Kredit aufnehmen. Die Psychologin hat einen Intelligenztest mit ihr gemacht, hat sie auf der Grundlage abstrakter Bilder Assoziationen äußern lassen, sie musste Bilder von Männern malen und sagen, wen sie darstellen.Ihr Mann, den die Anwältin angeschrieben hat, hat sich noch nicht gemeldet. Aber auch wenn er das nicht tut, kann ein psychologisches Gutachten über ihn angefertigt werden. Die Psychologin wird statt seiner Familienmitglieder und Freunde befragen. Das Gutachten werde feststellen, dass sie einfach nicht kompatibel gewesen seien, sagt Samantha de la Cruz, psychologisch unfähig, miteinander eine Ehe zu führen. Samantha de la Cruz glaubt fest daran, sich bald wieder Samantha Concepcion nennen zu dürfen. "Dann werde ich wieder frei sein", sagt sie.------------------------------Sitten und GeschichteChristen: Mehr als 80 Prozent der rund 87 Millionen Philippinos sind katholisch, ein Erbe der spanischen Kolonialzeit, wie der Landesname: König Philipp II. (1527-1598) war Karls V. ältester und einziger legitimer Sohn. Ehebruch steht auf den Philippinen bis heute unter Strafe. In einer anderen Ex-Kolonie Spaniens, der Dominikanischen Republik, lassen sich heute viele philippinische Paare scheiden.Muslime: Etwa fünf Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Scheidung ist auf den Philippinen laut Verfassung nur ihnen erlaubt, mit der Begründung, es handele sich um eine althergebrachte Sitte.------------------------------Karte: Philippinen------------------------------Foto: Philippinische Massentrauung am Valentinstag: Sie pflanzen einen Mangrovenbaum.