Letzten Endes sei jede persönliche Geschichte ein Exil, behauptet Saul Bellows Ich-Erzähler am Anfang der Novelle "Die einzig Wahre", und der "Weg des Menschen zu sich selbst ist eine Heimkehr aus dem spirituellen Exil". Harry Trellman, Kunsthändler "im Halbruhestand", braucht Jahrzehnte, um zu der Frau zu finden, die er seit seiner Schulzeit liebt. Sie heiratete andere Männer, bekam Kinder, er aber dachte nur an sie: "Nach vierzig Jahren konzentrierten Ausmalens fühle ich mich in der Lage, mir in jedem Augenblick, an jedem beliebigen Tag ein Bild von ihr zu machen." Das Buch erzählt von Trellmans Wiederbegegnung mit dieser Frau, Amy Wustrin. Am Ende macht er ihr einen Heiratsantrag. Für den Charakter der Novelle ist dieses Ende eher unerheblich. Es ist auch nicht wirklich ein offener Ausgang, wenn sie Amys Antwort auf Trellmans Antrag nicht mitliefert. Der Leser kann davon ausgehen, daß diese Frau, die gerade den Leichnam ihres Ex-Mannes umbetten ließ, sich einer neuen Zweckgemeinschaft nicht verweigern wird.Saul Bellow beschreibt Menschen der Chicagoer Ober- und Mittelschicht, die alle auf merkwürdige Weise verstrickt sind: in unerfüllte Liebesgeschichten, mißratene Ehen, kriminelle Handlungen, Geldgeschäfte oder Immobilien-Transaktionen. Den Erzähler verunsichert, als Jude Teil eines erwählten Volkes zu sein; seinen reichen Geschäftsfreund, ebenfalls Jude, bekümmert nur die Langeweile. Bellow entwirft eine traurige Welt von Menschen, die ihre Lebensmitte hinter sich wissen und erfahren haben, daß weder Liebe, noch Geld, Mord oder Diebstahl dauerhaft glücklich machen. Alles hat seine Zeit, und die ist meistens kurz. Man kann dies als Kritik des 1915 geborenen Literatur-Nobelpreisträgers an der amerikanischen Gesellschaft lesen. Denn obwohl der Titel des Buches eine Liebesgeschichte suggeriert, handelt es gerade von der Liebesunfähigkeit derer, die sich vom Drang nach Selbstdarstellung, Ruhm oder Reichtum haben ablenken lassen. Weil Bellow ein überaus geschickter Autor ist, erschließt sich dies wie von selbst aus den Szenen, die der Erzähler in kurzen Rückblenden eindrücklich beschreibt. Es sind diese Episoden, die das Buch so lesenswert machen nicht die Spannung, wie es wohl ausgehen mag. Harry Trellman, wie sein Erfinder ein "guter Beobachter", handelt und äußert sich nie "offen, direkt". Erst mit dem Heiratsantrag verläßt er seine passive Rolle, sein Exil, und eine ganz andere Geschichte kann beginnen.Saul Bellow: Die einzig Wahre. Deutsch von Helga Pfetsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998. 112 S., 29,80 Mark.