Zwölf Jahre Gefängnis lautet das Urteil gegen Souhaila Andrawes, die einzige Überlebende der "Landshut"-Entführung aus dem Jahre 1977. Das Gericht befand die 43jährige schuldig des Mordes, des Menschenraubes, der Geiselnahme und Flugzeugentführung.Der Tag des Urteils ist ein Tag ohne Stolz für Souhaila Andrawes. Ihre Kraft reicht gerade für die paar Schritte zur Anklagebank. Auf diesem kurzen Weg reckt sie den Kopf in Richtung Zuschauerraum, dort, wo ihre Freunde und Kampfgefährten mit Palästinensertüchern sitzen. Sie streckt die geballte Faust. Die schweren Verletzungen von damals, das Humpeln heute - alles ist irgendwie nicht da, und es scheint, als will sie auch die Krücke wegwerfen in diesem Moment. Doch schon kurz darauf zittern ihre Lippen. Souhaila Andrawes hört ihre Strafe vom Richter, auf ein letztes Wort verzichtet sie. Sie nimmt die Kopfhörer ab.Vor dem Hamburger Gericht wurde gestern ein Stück deutscher Geschichte noch einmal gegenwärtig: fünf dramatische Tage im Herbst 1977. Ein vierköpfiges Terror-Kommando hatte am 13. Oktober die Lufthansa-Boeing "Landshut" in Mallorca gekidnappt. Ziel der Entführung: Deutsche RAF-Terroristen, darunter Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, sollten freigepreßt werden. Auf ihrem Irrflug drangsalierten und quälten die palästinensischen Entführer die 82 Geiseln, Flugkapitän Jürgen Schumann erschossen sie. Am 18. Oktober hatte der Höllentrip der Boeing ein Ende: In Mogadischu stürmte die GSG 9 das Flugzeug und befreite die Geiseln. Drei der vier Luftpiraten wurden dabei erschossen, Souhaila Andrawes überlebte schwerverletzt.Die 43jährige Angeklagte habe "arbeitsteilig" an der Erschießung des Flugkapitäns Jürgen Schumann während der fünftägigen Entführung mitgewirkt, sagte der Vorsitzende Richter Albrecht Mentz gestern in der Urteilsbegründung. Wer wie Andrawes die Erschießung des Flugkapitäns Schumann "abgesichert", sich über das "grauenhafte Geschehen lustig gemacht" und es gerechtfertigt habe, müsse es hinnehmen, daß ihm der gemeinschaftliche Mord an dem Kapitän angerechnet werde, sagte Mentz. Es sei dem Gericht nicht leichtgefallen, von dem eigentlich auf Mord stehenden Strafmaß - der lebenslänglichen Freiheitsstrafe - abzuweichen. Das Gericht habe aber durch Andrawes in Norwegen gemachte "ausführliche Einlassungen" zur Tatbeteiligung der deutschen Monika Haas die Voraussetzungen der Kronzeugenregelung erfüllt gesehen. Andrawes hatte ausgesagt, Monika Haas habe dem Terror-Kommando auf Mallorca die Waffen für die Entführung übergeben. Sie weigerte sich aber, in dem Frankfurter Verfahren gegen Haas auszusagen. Strafmildernd bewertete das Gericht, daß Andrawes sich schon seit Jahren vom internationalen Terrorismus losgesagt hat, die Tat fast zwei Jahrzehnte zurückliegt und daß sie noch heute unter den Verletzungen leidet, die sie bei der Erstürmung der "Landshut" erlitten hatte. Zugunsten der Angeklagten wertete der Strafsenat auch, daß sie "nicht aus niedrigen Beweggründen" gehandelt habe, sondern sich als Freiheitskämpferin für die palästinensische Sache verstanden habe. Norwegische Journalisten hatten Andrawes 1995 in Oslo aufgespürt. Dort war sie nach kurzer Haftzeit in Somalia untergetaucht, dort leben ihre elfjährige Tochter und ihr Mann.Der Versuch des Richters, die Geschichte der Terroristin Souhaila Andrawes vorzulesen, scheiterte gestern schon nach wenigen Minuten. Souhalia bittet um eine Pause. Als sie den Gerichtssaal verläßt, stürzt sie zu Boden.Beate Keller, die vor 19 Jahren in der Lufthansa-Maschine saß, kann kein Mitleid empfinden: "Jetzt muß sie wieder den Maikäfer spielen, die Arme." Sie glaubt ihrer Entführerin von damals keine Reue, keine Träne, nichts. Wie einige andere Ex-Geiseln ist sie hier, "um endlich einen Abschluß zu finden". Der damalige Copilot der "Landshut" Jürgen Vietor zeigte sich nach der Urteilsverkündung erleichtert: "Endlich ist die Sache ausgestanden, der Tod von Jürgen Schumann wird gesühnt." +++