Das Eis war weg, einfach weg. Keine einzige Scholle blockierte im September den kurzen Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik im Norden Kanadas. Die Nordwestpassage war zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen vor gut fünfzig Jahren mehrere Wochen lang eisfrei. Das Eis bedeckte nur noch drei Millionen Quadratkilometer des Arktischen Ozeans, zwei Fünftel weniger als im Mittel der Jahre 1978 bis 2000. Inzwischen hat sich die Eisdecke am Nordpol von dem Rekordminimum erholt und ist wieder so groß wie vor Jahresfrist. Doch das ist immer noch recht wenig. Um den Durchschnittswert zu erreichen, müsste eine Fläche von anderthalb Millionen Quadratkilometern zusätzlich zugefroren sein; das entspricht der Größe der Mongolei.Schaut man sich aber an, wie viel Meereis es insgesamt auf der Erde gibt, dann wirkt die Entwicklung harmlos. Denn rings um die Antarktis treiben zurzeit deutlich mehr Schollen als sonst in dieser Jahreszeit. Der Eisüberschuss im Süden und der Eismangel im Norden gleichen sich beinahe aus: Die weltweite Gesamtfläche des Meereises ist aktuell nur etwa drei Prozent kleiner als im langjährigen Mittel.Im Lot ist die Welt deshalb aber nicht. Denn das Eis in der Arktis scheint dauerhaft zurückzugehen. In den vergangenen Jahren ist es auch viel dünner geworden. Das ermittelten Wissenschaftler von Bord des deutschen Forschungsschiffes Polarstern aus auf einer Expedition im Sommer. Die Höhe der Eisschollen von ihrer Ober- bis zur Unterkante betrug an vielen Stellen noch einen Meter - einen halben Meter weniger als 2001.Experten diskutieren zurzeit vor allem zwei Gründe, warum das Eis so stark geschrumpft ist: Stürme und warme Meeresströmungen.Das Meereis in der Arktis driftet ständig hin und her. Die Schollen stoßen zusammen, zerbrechen oder schieben sich übereinander. "Der Wind und Ozeanströmungen halten das Eis in Bewegung", erläutert der Meteorologe und Klimaforscher Wolfgang Dorn. Er analysiert die Klimaentwicklung der Region am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Potsdam mit Computermodellen. Bis die Simulationen der Eisdrift so aussehen wie die Wirklichkeit, gibt es seiner Ansicht nach noch viel zu verbessern. Besonders die Wolken und die komplizierten Vorgänge beim Zufrieren des Ozeans bereiten dem Fachmann Kopfzerbrechen.Die Computermodelle lassen zwar noch zu wünschen übrig - doch einige Forscher von der US-Raumfahrtbehörde Nasa versuchen trotz dieser Unsicherheiten, den Eisrückgang zu erklären. Sie sind der Ansicht, dass in den vergangenen beiden Jahren heftige Stürme das Eis aus der Arktis hinausgeschoben haben. Nun seien aber Anzeichen dafür zu erkennen, dass sich die Windverhältnisse künftig umkehren. Falls diese Vorhersage stimmt, würde sich die Eisdecke wieder ausdehnen.Die genauen Ursachen des Eisschwundes liegen noch im Dunkeln. Das räumt auch Igor Polyakov von der University of Alaska in Fairbanks ein. Der Arktisexperte zweifelt an der These von dem windbedingten Rückgang. Die Ursache für den seit Jahren anhaltenden Trend seien Ozeanströmungen im Atlantik. "Das ist die vernünftigste Erklärung", sagt er.Polyakov beruft sich auf Messdaten aus dem Arktischen Ozean, die er zusammen mit einem internationalen Team ausgewertet hat. Diese Daten stammen von einem Beobachtungssystem, das in den vergangenen Jahren installiert wurde: An mehreren Stellen im Arktischen Ozean werden mit Sensoren, die am Boden verankert sind, die Wassereigenschaften gemessen - etwa Temperatur, Strömung und Salzgehalt. Vor kurzem berichteten die Forscher um Polyakov über ihre Ergebnisse im Magazin Eos der American Geophysical Union.Demnach dringt seit 2004 warmes Wasser aus der Norwegensee in den Arktischen Ozean ein. Seit den Achtzigerjahren habe die Temperatur dieser Strömung um ein bis zwei Grad Celsius zugenommen, schreiben die Autoren um Polyakov. Deshalb schmölzen jetzt die Schollen. Und weil die Entwicklung anhalte, schrumpfe die Eisdecke der Arktis weiter.Die Ursache der warmen Ozeanströmungen liegt vermutlich im Nordatlantik. Es gibt Anzeichen dafür, dass sich dort vor ein paar Jahren die ozeanische Zirkulation umgestellt hat. Aus diesem Grund sei immer mehr warmes Wasser aus dem Atlantik über die Norwegensee in den Arktischen Ozean geströmt, glauben Polyakov und sein Team. Indizien für diese These haben sie zum Beispiel im Meer nördlich von Schottland entdeckt, wo das warme Wasser hindurchströmt. Auch dort liegen die Temperaturen zurzeit höher als in den vergangenen hundert Jahren - vielleicht sogar seit noch längerer Zeit. Der durch Treibhausgase bedingte Klimawandel erwärmt das Wasser zusätzlich.Eines Tages wollen Arktisforscher die Eisbedeckung zuverlässig vorhersagen können. Heute geht das noch nicht. Denn dazu benötigen sie mehr und genauere Messdaten aus dem hohen Norden. Zu diesem Zweck wollen Polyakov und seine Kollegen zusammen mit anderen Forschergruppen das Beobachtungssystem im Arktischen Ozean ausbauen. Künftig sollen zum Beispiel automatisch gesteuerte Sonden unter das Meereis und wieder zurück tauchen. Mit solchen Hilfsmitteln hoffen die Forscher, eines Tages genauer vorhersagen zu können, ob die Eisdecke am Nordpol wachsen oder schrumpfen wird. Dafür interessieren sich mittlerweile auch Reedereien: Sie wüssten gern, ob sie ihre Schiffe in jedem Sommer durch die Nordwestpassage schicken können.Eos, Bd. 88, S. 398------------------------------Grafik: Im Jahresverlauf ändert sich die Eisbedeckung des Polarmeeres beträchtlich: Im März hat die Polkappe alljährlich ihre größte Ausdehnung; im September nach der Tauperiode ist sie besonders klein.------------------------------Foto: Tauwetter auch auf Grönland: Das Foto von der weitgehend eisfreien Südostküste der Insel wurde im Juli aufgenommen.