Die englische Küche ist besser als ihr Ruf. Und sie hat mehr zu bieten als Marmite und Baked Beans: Eine Hassliebe

Ja, auch bei Spinat, Milchreis oder Innereien scheiden sich die Geister. Aber alles ist nur ein müdes Zucken gegen das, was Marmite bei unseren Nachbarn auf den britischen Inseln auslöst. "Love it or hate it" gehört noch zu den harmlosesten Bekundungen im Zusammenhang mit der schwarzbraunen, klebrigen Paste, die in ihrem Geschmack an den von Brühwürfeln erinnert. Im Internet existieren unzählige Diskussionsforen, in denen sich die Liebhaber und Hasser des würzigen Brotaufstrichs gegenseitig unfeine Beleidigungen um die Ohren hauen. Sie sehen es eher sportlich, denn dass es vor allem um den Spaß am Schlagabtausch als um die tiefe Kränkung geht, wissen alle, die die Mentalität der Briten und ihren speziellen Humor kennen.Was aber ist denn nun Marmite, das man übrigens auch in Berlin im KaDeWe oder in dem kleinen englischen Lebensmittelgeschäft "Broken English" in Kreuzberg (Körtestr. 10, www.brokenenglish.de) kaufen kann. Im Jahre 1902 wurde die vegetarische Hefepaste, die neben Bierhefe noch Zucker, Salz, Weizenkeim-Extrakt, Mineralsalze, Kräuter und Gewürze enthält, erstmals hergestellt. Die "Marmite Food Company Limited" in Burton-on-Trent wollte einen Hefe-Brotaufstrich für die allgemeine Bevölkerung produzieren, der einen herzhaften Geschmack besitzt und leicht aufs Brot zu streichen ist. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis sich die "Zielgruppe" mit dem speziellen Geschmack anfreunden konnte. Dass es überhaupt dazu kam, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Briten allen Vorurteilen zum Trotz beim Essen doch ab und an auf die Inhaltsstoffe achten: Marmite, so stellte sich heraus, verfügt über zahlreiche gesunde Inhaltsstoffe, unter anderem die Vitamine Niacin, Thiamin und Riboflavin. Bis in die frühen 50er Jahre hinein wurde Marmite auch als diätisches Lebensmittel im Gesundheitswesen genutzt. Und die Britische Armee verteilte Marmite an ihre Soldaten, um Vitamin-Mangel-Erscheinungen vorzubeugen.Heute sieht das Glas beinahe noch genauso aus wie vor hundert Jahren. Tradition wird groß geschrieben im Land von Baked Beans, Walkers Crisps und Cadbury Chocolates. Auch bei jenen, die in den vergangenen Jahren zunehmend dafür gesorgt haben, dass die Küche Großbritanniens nicht mehr automatisch als "ungenießbar" beschrieben wird. In London, so kann man lesen, lässt es sich inzwischen besser speisen als in Paris - vor allem aufregender und vielfältiger. Junge Köche sorgen für frischen Wind in verstaubten Küchen. Einige von ihnen stellen wir kurz auf dieser Seite vor. Es lohnt sich, das zu vertiefen.------------------------------SPEZIALITÄTEN // Chutney: Die Basis des Chutneys bilden süße Früchte wie Mangos, Äpfel, Aprikosen, Kürbisse oder Melonen. Diese Basis wird mit Essig, Ingwer, Chili, Zimt und weiteren Gewürzen abgeschmeckt. Chutneys passen sehr gut zu Fleisch, Geflügel und Eiern. Fast alle Zutaten stammen aus den ehemals von den Engländern besetzten indischen Gebieten, allerdings gibt es heute zahlreiche Varianten, die auf das englische Konto gehen.English Breakfast: Wer damit den Tag beginnt, kann beinahe bis zum Abend durchhalten: Neben Toast, Marmelade und Tee gehören zum "Real English breakfast" baked beans (Bohnen in Tomatensoße), bacon (gebratener Frühstücksspeck), Spiegeleier und nach Bedarf blackpudding (Grützwurst mit Blut), gebratene Würstchen (sausage), Nierchen oder kippers (geräucherte, in Butter gebratene Heringe).Fish'n'Chips: In Teig gebackene Fischfiletstücke, die traditionell in einer zu einer Tüte gedrehten Zeitung verkauft werden. Dazu gibt es Pommes, die mit Salz und Essig besprenkelt zumeist direkt aus der Hand gegessen werden.Minzsoße: Sie wird vorzugsweise kalt zu Lamm gegessen. Minzsoße besteht aus Minze, Essig, Zucker, Pfeffer sowie Salz. Der frische Minzgeschmack passt sehr gut zum kräftigen Eigengeschmack des Lamms.Porridge: Hier scheiden sich die Geister: Manche lieben ihn, die meisten hassen ihn. Porridge ist eine Hafersuppe, die aus Hafermehl und Milch oder Wasser zubereitet wird. Man kann sie mit Sahne, Butter, Sirup und anderen Zutaten verfeinern.Pudding: Wer hierbei an einen süßen Nachtisch aus Milch, Zucker und Stärkepulver denkt, wird enttäuscht werden. Der britische Pudding ist ein im Wasserbad gegartes luftiges Gebäck aus Eiern, Mehl, Schmalz oder Butter, das zumeist mit weiteren Zutaten als salzige Beilage verzehrt wird. Der bekannteste Pudding ist der "Yorshire-Pudding", ein süßlicher oder salziger Eier-Mehl-Milch-Teig, der mit Muskat gewürzt ist und in aufgefangenem Fett vom Roastbeef gebraten wird. Ebenfalls gut bekannt ist der "Plum-Pudding", der zu Weihnachten mit kandierten Früchten und Rosinen gegessen wird.Scones: Die kleinen Küchlein aus Mehl, Buttermilch und Backpulver sind besonders in Devonshire beliebt. Sie werden mit clotted cream (eine Art Schlagsahne) und Erdbeermarmelade zum Tee (Cream Tee) gegessen.Worcestersauce: Der vollständige Name lautet "Worcester- shiresauce". Die Soße besteht aus Essig, Soja, Wein, Melasse, Pfefferschoten, Chilis, Ingwer, Knoblauch, manchmal Anchovis und weiteren geheimen Zutaten. Diese Mischung reift jahrelang in Eichenfässern. Die Soße wird zu Pasteten gereicht, schmeckt aber auch zu Fischgerichten, einigen Gemüsesorten und Mixgetränken. Die Original-Worcestersauce stammt von Lea&Perkins.------------------------------REZEPTE //WELSH RAREBITSZutaten: 3 EL Milch, 250 g Schmelzkäse, 1 TL scharfer Senf, 1 Prise Pfeffer, 1/2 TL Worcestersauce, 1/8 l helles Bier, 12 Scheiben Weißbrot.Zubereitung: Variante A: Milch in einem kleinen Topf heiß werden lassen, den in Flöckchen zerteilten Käse zugeben, kurz ziehen lassen und durchrühren, bis der Käse geschmolzen ist. Mit Senf, Pfeffer, Worcestersauce würzen. Zuletzt das Bier hineinrühren, die Masse nochmals heiß werden lassen. Weißbrot in Scheiben schneiden, nach Belieben leicht toasten. Die Brotscheiben auf dem Teller mit der Käsemasse übergießen. Variante B: Der Käsemasse (siehe oben) nur drei EL Bier zugeben, auf getoastete Brotscheiben streichen, im vorgeheizten Backofen oder unter dem Grill etwa 10 Minuten überbacken, bis der Käse cremig zerläuft.SHEPHERDS PIEZutaten: 500 g Kartoffeln, 250 ml Wasser, 250 ml heiße Milch, 1 EL Butter, 1 TL Salz, 1 Zwiebel, 1 EL Butter, 300 g Hackfleisch, 20 g Butter, 20 g Mehl, 250 ml Brühe, 1 TL Tomatenmark, 1 TL Senf, 1 EL Butter, 1 Bund Petersilie.Zubereitung: Kartoffeln mit 250 ml Wasser ankochen und 20 Minuten gar kochen. Kartoffelwasser abgießen und auffangen. Kartoffeln zerstampfen. 1/4 l heiße Milch dazurühren, eventuell Kartoffelwasser mitverwenden. 1 EL Butter und 1 TL Salz dazugeben und den Kartoffelbrei schaumig rühren. Zwiebel in Würfel schneiden. 1 EL Butter erhitzen, Zwiebelwürfel darin andünsten, 300 g Hackfleisch dazugeben und braten. (Tipp: Wer möchte, kann getrocknete oder frische, gehackte Pfefferminze dazugeben). Die Soße: Für die Soße 20 g Butter erhitzen, 20 g Mehl darin andünsten. 250 ml Brühe unter Rühren hinzufügen, je 1 TL Tomatenmark und Senf unterrühren. Fleisch in eine gefettete Auflaufform füllen, Soße darübergießen und den Kartoffelbrei darüberstreichen. Butterflöckchen (aus einem EL Butter) darauf verteilen, in den vorgeheizten Backofen setzen und den Pie 20 bis 30 Minuten bei 225°C backen. Mit gehackter Petersilie bestreuen.------------------------------Foto: Der Hefeextrakt ist nicht jedermanns Geschmack.