Ganz klar: Ein fleischiger Sattel, ein riesiger Tank, ein breiter Lenker und ein fetter Hinterreifen - Wild West-Romantik vom Feinsten, beim Anblick dieses Motorrades spulen sich im Kopf schon beinahe selbsttätig Route 66-Fantasien im Cinemascope-Format ab. Nur etwas stimmt nicht. Kurzes Nachdenken, und dann dämmert es dem ergriffenen Motorrad-Fan: Das zweirädrige Monstrum, das hier unter dem markanten Namen Triumph Rocket III einen gewaltigen Schatten wirft, ist eindeutig größer als der Rest der Chrom-Büffel im Cruiser- und Chopper-Segment.Ursache für das unverschämte XXL-Format des britischen Mammut-Bikes? Die Kundenwünsche des riesigen US-Motorradmarktes. Über 70 Prozent aller in den USA verkauften Motorräder gehören ins Segment der Cruiser und Chopper - ein Motorradhersteller der hier mitmischen kann, darf finanzielle Probleme bis auf Weiteres getrost vergessen. Um aber aus dem Windschatten des übermächtigen Favoriten Harley-Davidson herauszutreten, ist mehr als Chrom und Coolness gefragt. Auch die sonst so abgebrühten Cruiser-Fahrer lassen sich gerne von überbordend-motorischem Druck und schierer Größe verwöhnen. Was im Umkehrschluss zum klaren Entwicklungsauftrag für die Ingenieure des englischen Herstellers wird: Maximaler Hubraum, maximale Power, maximale Masse. Das Ganze dann gerne noch fahrbar, glaubhaft, vielseitig.Das Endergebnis kann dann unter diesen Gesichtspunkten nicht nur überzeugen, sondern sogar verblüffen: Mit ihrem 2,3 Liter großen Dreizylindermotor - das unglaublich große Aggregat steht mit massivem Kurbelgehäuse und stolz aufragenden Zylindern im Rahmen wie ein Schiffsdiesel - besitzt die Rocket den weltweit hubraumstärksten Motor aller Serien-Bikes. Stramme 142 PS prügeln das 320 Kilogramm schwere Riesenrad in rund 3,5 Sekunden aus dem Stand auf Landstraßentempo und werden bei 220 km/h Höchstgeschwindigkeit elektronisch abgeregelt - theoretisch ginge mehr. Wer diese Fahrleistungs-Superlative auskosten will, sollte allerdings nicht nur das Herz am rechten Fleck, sondern vor allem einen stählernen Nacken und eiserne Arme besitzen. Ohne schützende Verkleidung und mit cool ausgebreiteten Extremitäten im Sattel der Triumph, mutiert nämlich selbst das laueste Sommersonntagsnachmittagslüftchen zum bösen Orkan.In Kenntnis dieser Umstände stößt der wissende Cruiser-Fahrer denn auch äußerst selten in diese unwirtlichen Highspeed-Regionen vor. Wesentlich unterhaltsamer ist doch gelassenes Dahinrollen, freundliches In-die-Sonne-Blinzeln, und das am Besten ohne jede motorische Aufregung. Die Triumph-Antwort auf diese Wünsche ist eindeutig: 200 Newtonmeter knapp über Standgas drücken das große Motorrad selbst im letzten Gang und bei minimaler Gasgriffbewegung souverän voran, die Bandbreite derartiger motorischer Urgewalt reicht vom versunkenen Wandern auf der sich himmelhoch auftürmenden Drehmomentwoge bis hin zum blitzartigen Inhalieren automobiler Leistungsträger. Wohlgemerkt ohne einmal die höchste Gangstufe zu verlassen, ohne Hektik, ohne Brisanz. Aufziehen - und im Rückspiegel werden Porsche und Co sehr, sehr klein. Wenn nicht alleine die Kenntnis dieses Potenzials Lebensqualität ist?Zum Rasen animiert die Triumph allerdings nie. Obwohl Triumph es geschafft hat, die Leistung, das Gewicht und die enormen Dimensionen der Rocket erstaunlich fahrbar aufzubereiten, zeigen schlechte Fahrbahnen und verwinkelte Kurvenstraßen schnell Grenzen auf: Die eingeschränkte Schräglagen-Freiheit lässt keine hohen Tempi zu und die hart abgestimmte Hinterradfederung verliert auf kurzen Bodenwellen schnell den Fahrbahnkontakt.Trotzdem überzeugen die wirksamen Sportbremsen und die Euro 3-Schadstoffnorm - ersteres eine Wohltat unter den notorisch schlecht gebremsten Cruisern, zweiteres im gesamten Motorradmarkt bemerkenswert.Wer nun aber die erforderlichen 18 000 Euro beim Triumph-Händler investieren möchte, muss allerdings auf die nächste Saison vertröstet werden: Derzeit ist das Deutschland-Kontingent der Triumph Rocket III ausverkauft.------------------------------TECHNIKUltimativer Power-Cruiser // Als erstes Serienmotorrad überwindet der Cruiser Rocket III mit 2 294 Kubik die magische Zweiliter-Hubraum-Barriere. Mit dem Dreh des Zündschlüssels schwingen die Anzeigen im Cockpit nach rechts und die Kontrolllampen leuchten auf. Ein Druck auf den Starter und die Kolben der längs eingebauten drei Zylinder lassen satte 142 PS sprechen. Weitere technische Angaben: Kardanantrieb, maximales Drehmoment 200 Newtonmeter bei 2 500 Umdrehungen, Höchstgeschwindigkeit 220 km/h, Fünfgang-Getriebe, Tankinhalt 25 Liter, Gesamtlänge 2,48 Meter, Sitzhöhe 74 Zentimeter, Leergewicht 320 Kilogramm, Reifen vorn 150/80 VR 17, Reifen hinten 240/50 VR 16. Preis: 18 000 Euro.