Auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass Anneliese Brost, die zweite Frau des WAZ-Mitbegründers Erich Brost, im Alter von 90 Jahren gestorben ist. Ihr zu Ehren findet sich am heutigen Donnerstag auf Schloss Landsberg bei Essen-Kettwig ein kleiner Kreis Nachgeborener zusammen, um der Patriarchin zu gedenken.Auf dem im 13. Jahrhundert erbauten und 1903 vom Großindustriellen August Thyssen erworbenen Schloss wird aber nicht nur der Vergangenheit gehuldigt. Der WAZ, mit zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften einer der größten Medienkonzerne Deutschlands, stehen folgenreiche Veränderungen im Gesellschafterkreis bevor. Seitdem bekannt ist, dass Mitbesitzerin Petra Grotkamp andere Anteilseigner aus dem Verlag herauskaufen und sich so eine komfortable Mehrheit sichern will, herrscht Unruhe im Zeitungshaus.Doch das ist nicht das Einzige, was die Konzern-Eigentümer derzeit bewegt: An eben diesem Donnerstag könnte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe in einem Rechtsstreit über die vor einigen Jahren verkauften WAZ-Anteile an der RTL-Gruppe einen Beschluss fällen, der für die Essener Unternehmensgruppe weitreichende Folgen haben dürfte. Denn bei der WAZ galt zwischen den Gesellschafterstämmen der Brost-Erben auf der einen und den Erben des zweiten Mitbegründers Jakob Funke auf der anderen Seite stets, dass Entscheidungen einstimmig zu fällen sind. Ob dieses Prinzip auch innerhalb der Funke-Familie gilt, stand zuletzt auf der Kippe. Zwei der drei Funke-Abkömmlinge, Renate Schubries und die von Stephan Holthoff-Pförtner vertretenen Erben der vor Kurzem gestorbenen Gisela Holthoff, finden, eine einfache Mehrheit reiche aus. Anders Petra Grotkamp, die fürchtet, überstimmt zu werden. Ihr Pochen auf diesem Simultaneitäts-Prinzip könnte ihr nun zum Verhängnis werden.Petra Grotkamp hat der Brost-Seite ein Kaufangebot über 500 Millionen Euro für deren 50 Prozent an der WAZ-Gruppe unterbreitet. Dem muss nun der Testamentsvollstrecker der Brost-Erben zustimmen. Doch selbst dann hätten Petra Grotkamp und ihr Mann, der langjährige WAZ-Geschäftsführer Günther Grotkamp, nicht das komplette Sagen im Konzern. Klaus Schubries, der Sprecher des Funke-Stamms, wies bereits darauf hin, dass Petra Grotkamp gerne die 50 Prozent übernehmen könne, sie diese allerdings nicht einfach zu ihren durchgerechnet 16,7 Prozent addieren könne: "Die bisherigen Abstimmungsquoren blieben davon unberührt. Das ist in den Verträgen der Funke-Familiengesellschaft so festgelegt."Kenner des Konzerns spekulieren, dass Schubries und Holthoff über kurz oder lang selbst verkaufswillig wären und mit dem Hinweis, Grotkamp bei künftigen Abstimmungen zu behindern, womöglich schon einmal den Kaufpreis hochtreiben wollen. Dann läge der Konzern allein in den Händen der Grotkamps. Ein Zukunftsszenario, das in den Augen der Mitarbeiter zumindest zwei Vorteile hätte: Die ewigen Streitereien, die schon in der Vergangenheit Strategierunde um Strategierunde ergebnislos verlaufen ließen, hätten ein Ende. Und: Die Gefahr, dass ein Finanzinvestor einsteigen könnte, ist gebannt.Dass die Brost-Erben kein Interesse haben und nicht ans Zeitungsgeschäft glauben, zeigte sich nicht erst bei deren langem Widerstand gegen den Neubau einer Druckerei in Braunschweig. Andere Zeitungsverlage kamen indes nicht infrage: Springer hat zuletzt alle Beteiligungen an Regionalzeitungen verkauft, die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck mutiert zum Internet-Händler, und alle anderen Häuser sind nicht interessiert, zu klein oder mit eigenen Problemen beschäftigt. Insofern sei es gut, dass es ernsthafte und medienerfahrene Investoren gebe, die an die Zukunft von Printmedien glauben, sagte WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach am Dienstag vor Führungskräften des Hauses.Welche Folgen zieht es nach sich, wenn die Erben des Sozialdemokraten Erich Brost aussteigen? Hombach, ehemals Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen, unter Gerhard Schröder Kanzleramtschef und Minister sowie EU-Sonderbeauftragter für Südosteuropa, wird als Brost-Vertreter in der WAZ-Geschäftsführung seine Medienlaufbahn beenden. Allerdings ist er bis zum Ende seines bis 2015 laufenden Vertrags einer der beiden Testamentsvollstrecker von Anneliese Brosts Privatvermögen und zudem stellvertretender Vorsitzender der Brost-Stiftung, in der die Anteile der Enkel gebündelt sind.Um Hombach wird man sich finanziell wie perspektivisch nicht sorgen müssen. Als Moderator des Initiativkreises Ruhr bekam er gerade in diesen Tagen von Evonik-Chef Klaus Engel, RWE-Boss Jürgen Großmann und weiteren NRW-Unternehmern den Rücken gestärkt. Zudem hat er neuerdings eine Lehrtätigkeit am Institut für politische Wissenschaften an der Universität Bonn aufgenommen und ist bei zahlreichen Organisationen in- und außerhalb des Ruhrgebiets aktiv.Neuer starker Mann in der künftigen WAZ-Organisationsform wird wohl Christian Nienhaus werden. Der Zeitungsmanager, dessen seit Juli 2008 laufender Vertrag im kommenden Jahr zur Verlängerung ansteht, wird womöglich als Sprecher der künftigen Geschäftsführung neben sich den früheren Bauer-Manager Manfred Braun und einen für Finanzen zuständigen Geschäftsführer haben. Insbesondere Braun hat mit dem Zeitschriftengeschäft der WAZ für hohe Erträge im mittleren Millionenbereich gesorgt. Mittlerweile ist er auch für die vier NRW-Zeitungen zuständig.Strategisch zeichnet sich - abgesehen von Ungarn - der Rückzug aus Südosteuropa ab. Im Fokus der künftigen WAZ-Gruppe steht das deutsche Zeitungs- und Zeitschriftengeschäft.------------------------------Zwei Familien, ein Konzern und ein umstrittenes GeschäftDie WAZ-Mediengruppe hat ihren Sitz in Essen. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Erich Brost, einem Sozialdemokraten, und dem konservativ ausgerichteten Jakob Funke gegründet.Das Unternehmen gehört auch heute noch zu gleichen Teilen den beiden Familien. 50 Prozent der Anteile gehören der Funke-Familien-Gesellschaft, 50 Prozent der Brost-Holding.Die Brost-Holding war bis zu deren Tod im Besitz der Gründerwitwe Anneliese Brost (30 Prozent) und des Brost-Adoptivsohns Erich Schumann. Schummann starb 2007, Anneliese Brost 2010.Das Brost-Erbe soll 2015 auf drei Brost-Enkel übergehen.Die Funke-Familien-Gesellschaft ist zu nahezu gleichen Teilen im Besitz der Funke-Töchter Petra Grotkamp, Renate Schubries und Gisela Holthoff (samt Sohn). Letztere ist im Juli gestorben.Petra Grotkamp hat den Brost-Enkeln 500 Millionen Euro für die ihnen gehörende Hälfte der WAZ-Gruppe geboten. Kommt es zu diesem Geschäft, besäße sie mit 66,7 Prozent eine Mehrheit an dem Konzern. Der Testamentsvollstrecker des Brost-Erbes muss dem Deal zustimmen.------------------------------Foto: Schloss Landsberg in der Nähe von Essen ist Treffpunkt der Erben von WAZ-Eignerin Anneliese Brost, die vor genau einem Jahr gestorben ist.