Manchmal hält Olympia noch wundersame Geschichten bereit. So ist zu erfahren, daß es in Irland kein einziges 50 Meter langes Schwimmbassin gibt. Und trotzdem besitzt Irland seit Sonnabend eine Schwimm-Olympiasiegerin. Eine Abtrünnige, die wegen der Beckenflaute auf der grünen Insel in der Nähe von Rotterdam lebt und trainiert. Michelle Smith, die mit 26 schon ein reiferes Schwimmalter erreicht hat, beeindruckte am ersten Tag der Wettbewerbe über 400 m Lagen mit einem exorbitanten Endspurt. Sie schlug die viermalige Olympiasiegerin und haushohe Favoritin Krisztina Egerszegi aus Ungarn. Freudig erregt reckte Michelle Smith ihre kräftige Faust.Zweimal hatte sie sich bisher vergeblich um olympischen Lorbeer bemüht. Die beste Plazierung erreichte die Irin 1988 in Seoul mit einem 17. Platz, vor vier Jahren in Barcelona langte es nur zum 26. Rang. Aus Barcelona schied sie zwar sportlich enttäuscht, doch war der Aufenthalt erquicklich aus einem anderen Grund: Sie entschied sich dort für den Diskuswerfer Erik de Bruin aus den Niederlanden.Heute heißt die Olympiasiegerin Smith eigentlich de Bruin, und sie wird von ihrem Ehemann trainiert. "Eric wußte bis vor kurzem nichts übers Schwimmen", sagt Goldfisch Michelle, "doch er wußte alles übers Training im allgemeinen." Sie habe mehr mit Gewichten hantiert und leichtathletische Übungen absolviert, kurzum: Sie habe einfach härter und cleverer trainiert. Vielleicht sollte man an dieser Stelle anmerken, daß Herr de Bruin im August 1993 wegen Anabolikadopings mit einer vierjährigen Sperre belangt wurde.Wundersam sind manchmal die Wege des Herrn, erstaunlich die Leistungssprünge. Über 400 m Freistil etwa wurde Michelle Smith bis zum 8. Juli 1996 mit einer Bestzeit von 4:26 Minuten geführt, als sie ihren Hausrekord auf 4:08 Minuten pulverisierte. Damit führt sie nun die Weltbestenliste vor Olympiasiegerin Dagmar Hase an, und die Magdeburgerin erhielt für den Wettbewerb in der Nacht zum Dienstag noch eine starke Konkurrentin. Als Michelle Smith ihre Weltjahresbestzeit schwamm, war das Meldedatum für Atlanta bereits abgelaufen, doch der irische NOK-Präsident Pat Hickey erlangte beim IOC eine Ausnahmeregelung.Gut möglich, daß sich Michelle Smith, die neben 400 m Kraul auch noch über 200 m Lagen und 200 m Schmetterling startet, mit der Chinesin Jingyi Le um den Titel der erfolgreichsten Schwimmerin streitet. Jingyi Le gewann die 100 m Freistil, die erste Entscheidung im olympischen Schwimmstadion, vor der Hamburgerin Sandra Völker.Die Irin und die Chinesin eint nicht nur Olympiagold. Auch Jingyi Le muß sich wiederholt unangenehmen Fragen stellen. Vor anderthalb Jahren war sie in einem Interview auch einmal von Franziska van Almsick attackiert worden. Doch nach Atlanta hat die vierfache Weltmeisterin Argumente mitgebracht: Viermal pro Woche sei sie zuletzt zu Dopingproben gebeten worden, deshalb hat sie "all diese Verdächtigungen und Verleumdungen" satt. Solange der Weltschwimmverband FINA im bevölkerungsreichsten Land der Erde, und keinesfalls nur dort, nicht tatsächlich umfangreiche Trainingskontrollen durchführt, bleibt das Mißtrauen bestehen. Von der FINA sollen im vorigen Jahr in China 22 Proben genommen worden sein - in einem Land wohlgemerkt, das bei den Weltmeisterschaften 1994 in Rom zwölf der 16 Frauenwettbewerbe gewann, in dem seit 1991 bei internationalen Kontrollen 19 Aktive überführt worden sind. "Was da läuft, ist ein Witz", sagt John Leonard, der Generalsekretär der Vereinigung internationaler Schwimmtrainer (WSCA). Dieser Verband stellt auf der Grundlage einer Mitgliederbefragung die von der FINA angegeben Zahlen in Zweifel. Insgesamt will die Weltföderation 1995 weltweit 593 Trainingstests genommen haben - die WSCA geht von mindestens zweihundert Dopingproben weniger aus. Die FINA bezieht in ihre Trainingskontrollen nur die ersten 50 der Weltbestenlisten des jeweils vorangegangenen Jahres ein - laut Leonard waren allerdings 87 Prozent der chinesischen Olympiastarter 1995 nicht unter den ersten 50 plaziert: "Die haben noch so viele neue Schwimmer, über die niemand etwas weiß."Als Goodwill-Zeichen hat der FINA-Kongreß in Atlanta nun den Dopingstrafkatalog verschärft. Für Anabolikasünder bleibt entgegen einer Empfehlung des IOC, das zwei Jahre favorisiert, eine Vierjahressperre gültig. Augenwischerei - sagt die WSCA, die in 62 Ländern 1 300 Mitglieder hat. "Allein durch viele tausend zusätzliche Kontrollen kann Sauberkeit einziehen", glaubt WSCA-Prasident Peter Daland: "Die Kontrolleure müssen einfach ums Haus gehen und sofort um Flaschen bitten." +++