Wenn taz-Redakteure Dienstreisen ins Ausland unternehmen, dann landen sie gewöhnlich auf Mururoa, in Kurdistan, Indonesien oder sonstigen Krisengebieten. Sie landen nicht auf Ibiza. Als Klaudia Brunst vor drei Jahren gemeinsam mit Dutzenden Medienjournalisten als Statistin der Sat-1-Pressekonferenz-Show die Mittelmeer-Insel besuchte, war ihre dortige Mission in der taz umstritten. Keine schöne Vorstellung, die alternative Kollegin an der Seite von Uschi Glas und Günter Strack im mediterranen Gegenlicht wandeln zu sehen. Mit kurzen Hosen und ohne kritische Distanz. Klaudia Brunst, damals Medienredakteurin, machte aus der publizistischen Not einen Fotoroman. Ihre Bildergeschichte "Ich und die Stars" mit Schnappschüssen von der Pressereise füllte in der Tageszeitung eine Doppelseite und sorgte für großes Amüsement in der Branche.Der besondere Blick Die Ibiza-Reise hat sich gelohnt. Am 23. Oktober bekommt Klaudia Brunst in Marl den diesjährigen Bert Donnepp Preis für Medienpublizistik, und es ist klar, daß diese Auszeichnung auch etwas mit ihrem besonderen Blick auf das Fernsehen zu tun hat. In der Jury-Begründung heißt es: "Klaudia Brunst ist mit dem Fernsehen aufgewachsen, man merkt ihr die Liebe zum Medium an. Mit ihrem lebhaften Interesse am Fernsehen und seinen Figuren und mit ihrer hohen journalistischen Professionalität hat sie eine eigene Art der TV-Kritik entwickelt" Der Preis gilt als der bedeutendste für Medienpublizistik. Zur Zeit hat Klaudia Brunst andere Sorgen, als sich um Uschi Glas zu kümmern. Seit anderthalb Jahren amtiert sie mit Michael Rediske als ChefredakteurIn der taz. Eigentlich war ihr Ehrendienst an der Spitze der Zeitung nur für vier Monate geplant, als Zwischenlösung. Hält diese Zwischenlösung noch ein paar Wochen, wäre das taz-Rekord. Bisher hat noch keine Chefredaktion zwei Winter im Amt überlebt. Für Klaudia Brunst hätte die Ablösung aus der Führungsposition durchaus ihre Vorteile. Sie fühlt sich momentan als "eingefrorene Fernsehkritikerin" und könnte dann endlich wieder auftauen. Bei welcher Zeitung das dann auch sein wird. Ehemalige taz-Chefs haben überall die besten Chancen. Noch ist es aber nicht soweit. Gerade ist die Blattreform der Tageszeitung gelungen. Das Duo Brunst/Rediske ist im Hause gut gelitten, so gut es eben geht bei der taz.Klaudia Brunsts Berufung zur Kritikerin zeichnete sich früh ab. "Ich bin auf die Welt gekommen, um über Fernsehen zu schreiben", erklärt sie. Die denkwürdige Geburt vollzog sich 1964 im Rheinland. Bevor die geborene Kritikerin über das Fernsehen schreiben konnte, mußte sie viel Fernsehen gucken. Erst die Praxis, dann die Theorie. Die Praxis hieß "Fury", "Flipper" und "Bonanza". Aus "eher kleinbürgerlichem Elternhaus" stammend, boten ihr das vierbändige Lexikon und der Fernseher die wichtigsten Bildungserlebnisse ihrer Jugend.Die frühkindliche Prägung wirkt bis heute nach. Klaudia Brunst beobachtet an sich einen "Hang zu Geschichtlichem, zu Serien und Soap-operas". Für sie ist Fernsehen auch in seiner Unterhaltungsfunktion keine Kultur-Katastrophe, sondern angenehmer Zeitvertreib. "Wer behauptet, daß Fernsehen Teufelszeug ist, der sollte mal vier Wochen mit einem gebrochenen Bein zu Hause auf dem Sofa liegen." Von dieser Sofa-Sicht leben ihre Texte. Die Kritikerin akzeptiert das Medium wie es ist. "Man sollte nicht über Fernsehen schreiben, wenn man es haßt und lieber in die Oper geht."Nahtloser Übergang Wenn sie sich in ihren Artikeln mit täglichen Talkshows und täglichen Serien beschäftigt, dann tut sie es mit einer gewissen Seriosität und dem "pädagogischen Impuls zu sagen, daß Daily Soaps nicht per se doof sind. Ich hätte jeden Tag ,Flipper geguckt, wenn es möglich gewesen wäre."Die Theorie holte sich Klaudia Brunst beim Studium in Köln und Berlin. Ihre Magisterarbeit schrieb sie 1992 beim "Kritikerpapst" Knut Hicketier über Spielshows im deutschen Fernsehen. Das Glücksrad-Fluidum sagte ihr derart zu, daß sie ihre berufliche Laufbahn beim Kandidaten-Casting starten wollte. Eine Freundin holte sie zur taz. Der Übergang klappte nahtlos, Freitag die letzte Prüfung, Montag der erste taz-Tag. Nach einem Jahr in Lokalredaktion und Feuilleton wechselte sie 1994 gemeinsam mit ihrem Huskie-Mischling Tilmann ins Medien-Ressort. Tilmann und sein Frauchen sind unzertrennlich, auch im Büro. Wobei Klaudia Brunst als kampferprobte Feministin der Titel "Frauchen" nicht gefallen würde.Wenn es gilt, die Frauenfrage zu diskutieren, wird die taz-lerin gern eingeladen. Zu den diesjährigen Mainzer Tagen der Fernsehkritik sollte sich Klaudia Brunst zum Thema "WeibsBilder und TeleVisionen" Gedanken machen und eine Woche lang das Programm "aus Frauensicht" beobachten. "Eine blöde Idee", wie sie fand. Trotzdem legte sie einen "glänzenden Auftritt" hin, wie der Organisator der Veranstaltung Peter Christian Hall einschätzt. Sie habe mit ihrem Vortrag "die Herzen im Sturm genommen".Ihre Kolumne spaltet Leserschaft Die Gefahr, daß sie demnächst noch den Rosamunde-Pilcher-Preis erhält, ist gering. Zum Herzenssturm im Auditorium dürften Erkenntnisse wie diese beigetragen haben: "Überhaupt ­ Männer! Ist Ihnen schon mal aufgefallen, daß Ulrich Meyer besser mit den Augen klimpern kann als Barbara Eligmann? Und daß Roger Willemsen offensichtlich mehr von Schwangerschaftsnarben weiß, als Hera Lind je zugeben würde?" Ihr Fazit ist erschütternd: "Die TV-Männer stehen heute kaum noch ihren Mann." Das sind Thesen, die das Theoriegebäude der Fernsehwissenschaft nicht zum Einsturz bringen, die aber einiges über das Medium und seine Wahrnehmung erzählen.Das wahre Leben ist nicht jedermanns Sache. Mit ihrer Kolumne aus der Wohnküche eines lesbischen Paares plus Hund hat Klaudia Brunst Kollegium wie Leserschaft der taz gespalten. Die einen lieben diese Miniaturen aus der Welt der Jogginghosen, Corsa-Reparaturen und schnurlosen Telefone, die anderen hassen sie. "Der normale, bürgerliche Alltag kommt in der taz relativ selten vor", rechtfertigt die Autorin ihre Idee, die wie alle guten Ideen zufällig geboren wurde. "Es gibt ein Leben im kleinen, und das beschreibe ich eben." So einfach kann guter Journalismus sein.

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