Ich denke an das Motto aus der Kinderzeit: Die Menschen schlafen, und wenn sie sterben, erwachen sie. Und ich glaube an ein Erwachen, das wir nicht beschreiben, uns nicht vorstellen können, bis im Anschaun ew ger Liebe/ wir verschweben, wir verschwinden." So endet die Autobiografie, deren Erscheinen Annemarie Schimmel kaum ein halbes Jahr überlebte. Das Buch der großen Orientalistin im Rückblick als Vermächtnis zu lesen, liegt also nahe - wäre da nicht der anekdotenhafte Plauderton, die selbst gedichteten Limericks. Diese Lebenserinnerungen einer Forscherin, deren Leidenschaft von Anfang an der Mystik galt, wollen nicht Quell der Erbauung oder gar der Erleuchtung sein. Ebenso wenig aber gewähren sie Einblicke ins Private. Auch die Enttäuschungen und Rückschläge, die einen Lebenslauf notwendig säumen, bleiben ungesagt. Stattdessen sieht sich der Leser auf den arabischen Sinnspruch verwiesen, den Schimmel nicht ohne Koketterie dem Buch voranstellt: "Nicht jeder, der sich bemüht,/ kann eine Gazelle erjagen,/ doch wer die Gazelle erjagt,/ der hat sich sicher bemüht." Wer mit neunzehn Jahren in Arabistik und Islamwissenschaften promoviert, sich mit dreiundzwanzig habilitiert, mit zweiunddreißig Jahren die erste ordentliche Professur in Ankara antritt, fünfundzwanzig Jahre in Harvard lehrt, fast jedes Jahr ein Buch veröffentlicht und aus zehn Sprachen übersetzt, der hat sich sicher bemüht. Eine Gelehrtenbiografie also hat die Autorin geschrieben; wie sie sie aber geschrieben hat, verrät mehr von ihren Denk- und Lebenswelten als jedes Enthüllen privater Geheimnisse. Die Geschichte ist durchzogen von roten Fäden eines tieferen Sinns. Das beginnt schon mit der Beschreibung ihres Initiationserlebnisses als Siebenjährige: als sie bei der Lektüre eines indisch-arabischen Märchens auf den Satz vom Schlaf der Menschen und ihrem Erwachen im Tod gestoßen sei, habe es sie "wie ein Blitz" getroffen: "In diesem Moment wußte ich - vielleicht noch nicht in konkreter Form -, daß hier mein Weg war: Der Orient war das Ziel, der Orient der mystischen Weisheit." Ihr Weg führt Annemarie Schimmel quer über die Kontinente. Sie hält Vorträge im Nahen und Mittleren Osten, Pakistan und Indien, begegnet dabei allen, die in Politik und Wissenschaft Rang und Namen haben und pflegt mit vielen enge Freundschaften. Doch letztlich sind all diese Reisen Rückkehr zu einem Ursprung. "Tradition" ist das Schlüsselwort des Buches. Wo Traditionen nicht lebendig sind, sucht man Annemarie Schimmel vergeblich. Auf ihren "Wanderungen durch den Orient" durchstreift sie ausschließlich Altstädte und geschichtsgesättigte Landstriche oder verfolgt den authentischen Ritus tanzender Derwische. All dies steht für sie in denselben unabgeschlossenen Traditionszusammenhängen wie ihre wissenschaftlichen Gegenstände, islamische Mystik, arabische Kalligrafie, persische Lyrik. Wo historische Kontinuitäten unterbrochen werden - etwa durch die Einführung des lateinischen Alphabets in der Türkei 1928 - sieht die Orientalistin auch die Verbindung zu den großen Zusammenhängen gekappt und findet keinen Zugang. Ihr wissenschaftliches Verstehen war immer unmittelbar, ihre Methode der Einfühlung in den "Geist" einer Kultur und Zeit nie distanziert-analytisch. Wer Schimmels Autobiografie liest, blickt in ein Universum transhistorischer und transkultureller Bezüge, das weder Differenzen noch Brüche kennt und eben deshalb so ungeheuer groß ist. Und so steht am Ende der Lektüre die erstaunte Einsicht: Diese Wissenschaftlerin hat Goethes Morphologie nicht nur gedacht, sondern sie tatsächlich gelebt. Bei aller Faszination ist das schon ein bisschen unheimlich.Annemarie Schimmel: Morgenland und Abendland. Mein west-östliches Leben. C. H. Beck, München 2002. 320 S. , 24,90 Euro.

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