Zu sieben Monaten Haft wurde im Juli 1927 der kaum 23-jährige Balte Harry Domela verurteilt. Das Kölner Gericht erkannte auf vierfachen Betrug. Mit seiner aristokratischen Gestalt hatte Domela belanglose Geselligkeiten geschmückt, auf seinen guten Namen Kredit erhalten und sich - untertänigst gebeten - mehrfach in Gästebüchern verewigt. Die bessere Gesellschaft war nur allzu sehr bereit, an die hohe Abkunft des gewandten Jungen zu glauben und hielt sich viel darauf zugute, einen Abend mit dem "ältesten Sohn des ehemaligen preußischen Kronprinzen" verbringen zu dürfen. Zwar lebte man in einer Republik, doch man konnte ja nie wissen, vielleicht würde "Wilhelm, Prinz von Preußen" eines Tages doch noch Kaiser werden.Die Empörung, dass es sich um den Sohn eines Müllers aus Kurland handelte, war groß. Keiner der Betrogenen trat während des Prozesses in den Zeugenstand. Ihre Aussagen wurden aus Vernehmungsprotokollen verlesen. Das milde Urteil des Gerichts bot Domela die lang vermisste Gelegenheit, ein reicher Mann zu werden. Er hatte die Monate der Untersuchungshaft genutzt, sein Leben zu erzählen. Als Fortsetzungsgeschichte erschienen die Abenteuer des "falschen Prinzen" im "8-Uhr-Abendblatt" in Berlin. Von der Buchausgabe des Malik-Verlages konnten mehr als 120 000 Exemplare abgesetzt werden.Jetzt hat der junge Germanist Stephan Porombka Domelas Erinnerungen, um einige Dokumente ergänzt, neu herausgegeben. Noch immer teilt sich die Komik des Geschehens mit. Amüsiert erfährt der Leser, wie die höheren Kreise auf nichts als einen Namen, eine flüchtige Ähnlichkeit und eigentlich selbstverständliche Manieren hereingefallen sind. Domela, durch den Krieg von seiner Familie getrennt, war seit 1918 gezwungen, sich mal als Mitglied der baltischen Landeswehr, mal als Obdachloser oder Gelegenheitsarbeiter durchzuschlagen. Sobald er als Graf von der Recke, Prinz von Lieven oder Baron von Korff auftrat, fiel alles leichter. Der Vagabund wurde wohlwollend aufgenommen, man lud ihn ein, schlug Geschäfte vor. Zu den furiosen, von der Linken der Weimarer Republik gern angeführten Episoden des Buches gehört sein Aufenthalt im feudalen Korps der ständig saufenden, unvorstellbar groben Saxo-Borussen in Heidelberg. Als Domela im November 1926 im "Erfurter Hof" als "Baron von Korff" abstieg, glaubte der Hoteldirektor, in ihm den Prinzen von Preußen zu erkennen. Wenige Wochen konnte er das Leben eines gefragten Gastes genießen, dann floh Domela, meldete sich zur Fremdenlegion und wurde im Augenblick der Abreise verhaftet.Was an seinen Erinnerungen authentisch, was stilisiert oder erfunden ist, lässt sich kaum feststellen. Der Anwalt des falschen Prinzen hatte das Manuskript dem Malik-Verlag angeboten. Als Domela es nach der Haftentlassung las, war er über die Veränderungen seiner Geschichte entsetzt. Gemeinsam mit Wieland Herzfelde machte er sich an die Überarbeitung. Das Buch ist voll von expressionistischem Kitsch, mit dem Domela das entwürdigende Leben auf der Straße beschreibt, von seiner Liebe zum ehemaligen Kadetten Wolf erzählt. Auch finden sich politische Bemerkungen, die gut von Herzfelde stammen könnten. Leider verzichtet die schlampig gedruckte Neuausgabe auf eine präzise Dokumentation des Falls. Stattdessen wird über das Wesen des Hochstaplers orakelt, der bekanntlich mit dem Schein spielt. Domela, mit grauem Anzug und gelben Schuhen notdürftig ausgestattet, hat freilich erfahren müssen, wie wenig Schein und Formen noch galten. Vor infamen Zudringlichkeiten war er auch als Prinz nicht sicher. Behandelt wurde er wie ein Prominenter, ein Star, auf den jeder ein Recht zu besitzen glaubte. Folgerichtig kaufte sich der "falsche Prinz" vom Erlös seines Buches ein Kino, scheiterte aber und lebte wieder als Bohemien. 1936 kämpfte Domela im "Thälmann-Bataillon", wurde anschließend interniert und floh, wahrscheinlich mit Hilfe André Gides, nach Südamerika. Sein Leben gehört zu den farbigen des Jahrhunderts. Schade, dass der Herausgeber sich dafür nicht interessiert hat. Es ging ihm wohl weniger um Domela als um seine Publikationsliste. Das ist dann die zeitgenössische Form der Hochstapelei.Stephan Porombka (Hg. ): Der falsche Prinz. Leben und Abenteuer von Harry Domela. Bostelmann & Siebenhaar Verlag, Berlin 2000. 296 S. , 29,80 Mark.