Bisher ist Erika Mustermann noch nicht aufgetaucht; es heißt, sie sei von der scheuen Sorte. Dabei müsste sie sich hinter ihrer umfangreichen Sammlung zeitgenössischer Kunst nicht verstecken. Kuratorisch begleitet von Sandra Meisel, Camilla Dahl, Heike Gallmeier und Sabine Groß - zusammen die Künstlerinnengruppe "Der Strich" - präsentiert Erika Mustermann ausgesuchte Werke, die sich vor allem der Konstruktion von Weiblichkeit sowie der Frage nach Geschlechteridentitäten widmen. Jeden Samstag eröffnet die Reihe ein neues Kapitel im Pavillon vor der Volksbühne, einem kaum 20 Quadratmeter fassenden Glaskasten, den der Grüne Salon diesem selbstfinanzierten Projekt zur Verfügung stellt.Obwohl nur an den Samstagabenden offiziell geöffnet, kann man die Ausstellungen jederzeit durch die Glasfront des Pavillons sehen; derzeit werden unter anderem Fotografien von Heike Aumüller, ein mit Videotechnik animiertes Stillleben Arnold von Wedemeyers sowie eine raumgreifende Plastik von Isabel Kerkemeiers gezeigt. Vor allem Letztere bleibt in Erinnerung: ein Arrangement aus Möbelelementen und Wäscheleinen, das einerseits die kulturellen und funktionalen Leistungen eines Stuhls zu würdigen weiß, sich aber auch an einer völlig irrationalen Nutzung des Raumes erfreut. Das Exponat ist untypisch für die Künstlerin, die sonst viel dichtere, bisweilen fast brutale Auseinandersetzungen mit Raum produziert. Wer möchte, kann darin ein geschlechterspezifisches Kunstverständnis entdecken, anders gesagt: Das Werk spielt mit einiger Ironie auf jene Eigenschaften an, die im gängigen Verständnis der sogenannten "Frauenkunst" zugeschrieben werden.Überhaupt steckt viel Doppelsinn hinter der Schau. In der vorangegangenen Woche, bei der vierten Hängung der Reihe, zeigte unter anderem Sandra Meisel ihre Arbeit "erschöpft": Das raumspezifische Werk aus gebogenen, mit schwarzem Gummi bespannten Hartfaserplatten, thematisiert den Zustand des Erschöpftseins. Es sieht ein bißchen so aus, als sei das Material ermüdet, als hätte alles gerade gestanden und wäre an einem heißen Sommertag wie eine schwarze Teersäule in sich zusammengesackt. Über Gummispannungen verbinden sich die skulpturalen Elemente mit einem aus dunklem Beton gegossenen Endstück. Die freien Flächen hat Meisel mit großformatigen Selbstporträts behängt, die mit einer Belichtungszeit von 40 Minuten entstanden sind und die Künstlerin in einem Zustand extremer körperlicher Erschöpfung zeigen. Solche Transformationen oder "Endpunkte", wie Meisel sie nennt, tauchen in ihren Arbeiten immer wieder auf. Es sind Versuche, die Zeit zu dehnen und ihre transformatorische Kraft zu fassen. "Erschöpfungszustände sind in diesem Sinne auch die Anfänge von etwas Neuem", kommentiert es Meisel. Ohne dass auch nur der Hauch einer Beschwerde mitklingt, illustriert Meisel neben ihrem großen Verständnis für Form und Harmonie, dass viele Frauen durch ihre Rollenverstrickungen am Limit des Schaffbaren agieren.Stichwort "Opferrolle": Die vier Mitglieder von "Der Strich" wollen ihre Aktionen keinesfalls als feministische Kampfveranstaltungen verstanden zu wissen. Es geht ihnen darum, weibliches wie männliches Rollenverhalten zu thematisieren. Was die Aktionen der Gruppe eint, ist eine eigene, bisweilen ironische Perspektive auf die Frau. Zum Beispiel beim letztjährigen Gallery Weekend: Da stellte sich "Der Strich" mit einem umgebauten Wohnwagen, dem sogenannten Testosteronwagen, vor die Galerie Haunch of Venison, in der gerade die Damien-Hirst-Schau eröffnet wurde. Fünf Bodybuilder posierten in dem Gefährt, dazu wurden schlaffe Würste als Snack gereicht. "Wir wollten dem Supermacho Hirst etwas gegenüberstellen," erklärt Meisel.Und Erika Mustermann? Erstmals trat sie bei einer Ausstellung namens "Neue feministische Positionen" in Erscheinung, und es ist schon mindestens so genial wie komisch, diesem Platzhalter für Weiblichkeit schlechthin solche Gender-Positionen zuzuschreiben und dadurch das fiktive Konstrukt mit Klischees und Spott anzureichern. Es heißt übrigens, dass Frau Mustermann vor kurzem aus dem Rheinland ins vitale Berlin gezogen sei. Während ihres Business-Class-Fluges las sie im Bordmagazin, dass Lila zur Zeit eine extrem hippe Farbe sei. Sofort war ihr klar, dass bei der Ausstellung im Pavillon alles lila gestrichen sein müsse. Und das sah so schön aus.-----------------------Pavillon vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (Mitte). Noch am 6., 13., 20. August, jeweils 18-22 Uhr.------------------------------Foto: Das alles gehört der "Sammlerin".