Eigentlich ist es zum Verzweifeln. 56 Sitzplätze hat der kleine Schienenbus, der ratternd auf einem Seitengleis des Bahnhofs Pritzwalk wartet. Aber nur acht Passagiere haben es sich auf dem Kunstleder bequem gemacht, so gut es auf den harten Polstern eben geht. Mehr wollen nicht nach Kuhbier, Groß Langerwisch, Jakobsdorf, Laaske und Putlitz. Thomas Becken, der Mann auf dem Führersitz, läßt sich dadurch die Laune nicht verderben. "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", sagt der stämmige Prignitzer. Dann läßt er den Diesel an. 11.24 Uhr - Abfahrt. Der gebürtige Perleberger hat viel gewagt. Sechs Jahre fuhr Becken für die Deutsche Bahn (DB) Züge. Als Beamter war er auf der sicheren Seite. Doch er kündigte: "Ich wollte etwas eigenes machen. Etwas Privates."Das ist ihm fürs erste gelungen. Mit 29 Jahren ist er geschäftsführender Gesellschafter der Prignitzer Eisenbahn-Gesellschaft (PEG), der ersten Privatbahn mit Sitz im Land Brandenburg. Außerdem ist Becken Zugführer, Schlosser, Fahrkartenverkäufer. In Pritzwalk hat der Bahndirektor die Zugfenster geputzt. "Einmal mußte ich sogar Kühe vom Gleis scheuchen. Auf dem Rückweg standen sie schon wieder da. 20 Minuten Verspätung brachte uns das." "Eine Art Heiligtum" Anderswo würde man die PEG ein schlankes Unternehmen nennen. Becken führt die Geschäfte vom ehelichen Wohnzimmer aus. Außer ihm halten drei Menschen die Bahnstrecke Pritzwalk-Putlitz, 17,1 Kilometer lang und ein Jahrhundert alt, seit dem 29. September in Schwung. Für viel mehr reicht das Geld, das der Auftraggeber DB für die Betriebsabwicklung zahlt, auch nicht aus. "Bei uns kann eben jeder fast alles", sagt Becken stolz. Es gibt keine Sekretärin, keine Materialausgabe, keine Personalabteilung, keine Kantine - stattdessen Stulle auf dem Führersitz. Einige Menschen zeigen der kleinen Bahn ganz ohne Gegenleistung ihr Wohlwollen. Elly Zeggel zum Beispiel. 43 Jahre hat sie im Bahnhof Kuhbier gearbeitet, einem blutrot gestrichenen Holzhäuschen. "Ich habe die Schranke heruntergelassen, Fahrkarten verkauft. Wenn die Bauern mit Rüben und Kartoffeln kamen, habe ich den ganzen Tag gewogen", erzählt die zierliche 77jährige.1987 ging die weißhaarige Frau in Pension. Doch von ihrem Bahnhof, zum unbesetzten Haltepunkt degradiert, mag sie nicht lassen: "Morgens mache ich sauber, der Warteraum wird gebohnert. Wenn nur die Jugendlichen nicht alles schmutzig machen würden. Das Dach könnte auch mal wieder geteert werden."40 Menschen haben einst bei der Bahn in Putlitz gearbeitet, heute herrscht dort Leere. "Aber niemand hat etwas kaputt gemacht. Als ob der Bahnhof eine Art Heiligtum wäre", sagt Becken. Hier sieht er das wichtigste Kapital der Linie: "Mehrmals sollte sie schon stillgelegt werden. Doch die Leute haben dagegen gekämpft. Jetzt wollen wir zeigen, daß es möglich ist, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen." Der Geschäftsführer will in Vereinen, Kindergärten und Schulen hausieren gehen. "Wir stellen eine Kiste Brause oder Bier in den Zug und los geht's", hofft er.Auch Kaffee, Zeitungen, Brötchen soll es geben, ein besserer Fahrplan Vergraulte zurückgewinnen. Seit kurzem erreicht der Frühzug Pritzwalk schon um 6.47 Uhr - zu zeitig, sagten Schüler und stiegen auf den Bus um. Ein Niederbayer hilft der PEG bei ihrem Kraftakt: Schienenbus T 1, das einzige Fahrzeug der Firma, 1955 gebaut, 300 PS stark. Becken: "Bis vor kurzem fuhr der Triebwagen noch bei Mühldorf. Dann haben wir ihn gekauft und neu lackiert." Blau die unteren Partien, rot die oberen. Nebenbahnretter, so nannte man die Baureihe 798, mit der in der alten Bundesrepublik vielerorts der unrationelle Dampfzug abgelöst werden konnte. Dieses Exemplar, eines der letzten in Deutschland, soll diesen Kampf nun erneut fechten. Im menschenleeren Nordwesten Brandenburgs, wo oft mehr Rehe am Bahndamm stehen als Fahrgäste. Wo auf alten Schienen und bröselnden Betonschwellen Tempo 50, manchmal Tempo 30, das höchste der Gefühle ist. Keine leichte Aufgabe für T 1. Chance bis Ende Mai "120 Fahrgäste haben wir pro Tag auf der Linie gezählt - angesichts der nötigen Zuschüsse könnten Sie jeden einzeln im Taxi befördern. 1 000 Reisende müßten es sein", sagt DB-Regionalverkehrschef Hans Leister. Ihn ärgert, daß der Landkreis der Bahn durch parallelen Busverkehr Konkurrenz macht. Eine Fahrt Pritzwalk-Putlitz kostet auf der Schiene fünf, auf der Straße 3,20 Mark. Der Bus ist oft genauso leer wie der Zug. Bis Ende Mai 1997 kann die PEG demonstrieren, daß eine rationalisierte und in der Region verwurzelte Bahn überleben kann. Dann wird das neue Kursbuch zeigen, wie das Land über die Strecke entschieden hat. Becken appelliert auch an die Politiker: "Wenn alle, die sich für uns begeistern, mit uns fahren würden, wären wir gerettet." +++