Mitschurin hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält, drum essen wir auf jeder Reise Marmelade eimerweise ." So haben wir, lang, lang ist's her, im Kinderferienlager gesungen. Damals gab es für die Gemeinschaftsverpflegung ja noch Vierfruchtmarmelade in Pappeimern, ein wirklich scheußliches Zeug. Aber hier soll es ja ums Gärtnern gehen. Konkret: um besagten Iwan Wladimirowitsch Mitschurin, der einst der Gartengott des Ostens war. Geboren im Jahre 1855, zunächst Eisenbahnangestellter, machte er bald sein Hobby, die Gartenkultur, zum Beruf. Mit speziellen Pfropfmethoden wurde er zum wichtigsten russischen Obstbaumzüchter seiner Zeit, mehr als 300 Sorten verdanken sich ihm; viele davon sind, für Russland wichtig, äußerst frosthart. Auch gekreuzt hat er allerlei: Kürbis und Melone, Himbeere und Erdbeere, Mandel und Pfirsich. Die Natur musste sich ihm fügen. 1935 ist er hoch geehrt gestorben.Wenn Mitschurin der Gott war, dann ist Lyssenko sein Prophet gewesen. Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976) war Biologe und bemühte sich vor allem um die Steigerung von Getreideerträgen. Im Jahr 1938, in der Hochzeit des Stalinismus, wurde er der Präsident der Lenin-Akademie für Landwirtschaftswissenschaften und als solcher zum wichtigsten Förderer des Mitschurin-Kultes, der nur einer von vielen war in jener kultreichen Zeit."Unsere Mitschurinsche Wissenschaft", heißt es in einer damaligen Publikation, "ist eine neue Etappe in der Biologie, das Höchste, was jemals menschliches Wissen von der belebten Natur hervorgebracht hat". In den frühen Fünfzigern wurde der Kult auch in der DDR eingeführt: Es gab den Zentralen Mitschurinausschuss beim Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, es gab die Zeitschrift "Mitschurin-Bewegung", es gab Mitschuringärten und -felder, vielleicht auch -wiesen, allerdings keine -wälder.Besonders bemüht hat sich Lyssenko um die Systematisierung und Verbreitung einer irrigen Auffassung Mitschurins, nämlich der Lehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften. Die Genetik lehnte er ab, sie galt ihm als reaktionäre Pseudowissenschaft. Der Staat erzog die Menschen um, weshalb sollte man nicht auch die Natur umerziehen können? Auf einer Akademietagung im August 1948 setzte er mit stalinistischer Rhetorik die Genetiker derart unter Druck, dass sie fast ausnahmslos abschworen.Ein Foto von dieser Tagung zeigt ihn mit Früchten in den Händen - er wirkt wie eine Mischung aus Dompteur und Zauberkünstler. Nach Stalins Tod sank sein Stern allerdings, er verlor das Präsidentenamt und wurde in den Sechzigern vollends degradiert. Die Mitschurinbewegung in der DDR versandete, die gleichnamige Zeitschrift hieß ab 1960 ganz prosaisch "Wissenschaftlich-technischer Fortschritt in der Landwirtschaft".All das soll uns aber nicht daran hindern, das verschlissene Banner der Mitschurinbewegung noch einmal zu entfalten und zu erkunden, was von diesem Erbe uns nützlich sein könnte. Dem einen kompletten Garten zu widmen wäre wohl zu aufwendig, es genügt schon eine kleine Mitschurinecke. Empfohlen wurde von Experten beispielsweise, Raps auf Grünkohl zu pfropfen. Ob die dann entstehenden bizarren Blätter essbar sind, war leider nicht angegeben.Wem es aber strikt um den Nutzen geht, dem sei eher die von Trofim Denissowitsch Lyssenko propagierte Jarowisation des Saatgutes empfohlen - eine vegetationsfördernde Kältebehandlung: Ein Pfund Bohnenkerne an zwei Tagen hintereinander mit je 100 Milliliter Wasser mischen, im Kühlschrank bei drei Grad Celsius ausgebreitet zwölf Tage ruhen lassen, dann aussäen. Der Ertrag stellt sich, heißt es, zehn Tage früher ein als sonst. Noch größer soll der Effekt bei Möhrensamen sein: Ebenfalls mehrmals Wasser zugeben, etwa ein Drittel des Samengewichts, zwei Wochen bei zwei bis fünf Grad Celsius im Kühlschrank lagern, täglich einmal umrühren, fertig. In einem Mitschurin-Garten in Bad Doberan ergab das eine Ertragssteigerung um etwa ein Drittel.Und wenn alles auf den Mitschurinbeeten getan ist, legt man sich ins Gras und schaut in den blauen Himmel. Eine weiße Wolke zieht hoch oben vorbei: Aber das ist ja . ja, natürlich . das ist Stalin, Stalin schmunzelnd. O schöne neue Gartenwelt!

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