Frankfurt ist die europäische Hochhausstadt schlechthin, keine andere Kommune hat ihr städtebauliches Schicksal so eng mit diesem Bautypus verbunden wie diese. Kaum verwunderlich also, dass der größte Teil der fast 300 zum Wettbewerb für das neue Hauptquartier der Europäischen Zentralbank (EZB) eingesandten Arbeiten ebenfalls Türme vorschlug und dass das Wiener Büro Coop Himmelb(l)au nun den Zuschlag erhielt. Die Hamburger Architektengemeinschaft ASP Schweger erhielt den zweiten Preis und das in Darmstadt und im malaysischen Selangor ansässige Team 54f Architekten mit Hamzah & Yeang den dritten. Wer bauen soll, wird demnächst entschieden.Bisher entstanden die Hochhäuser Frankfurts im Westen der Altstadt. Der EZB-Turm hingegen wird einsam im Osten gebaut werden, soll sich 150 Meter hoch recken über die grandiose, 1928 von Martin Elssaesser errichtete Großmarkthalle. Sie ist mit ihren zarten Betongewölben der Anker, der die erst 1998 gegründete EZB in die Frankfurter Geschichte einbindet. Vor allem aber ist auf ihrem Grundstück für alle absehbare Zukunft genug Platz für Erweiterungsbauten. Offenbar rechnet man in der Euro-Zentrale damit, dass bei jedem Wachstum des Euro-Raumes auch die Verwaltung wächst. Und schließlich können hier - im Gegensatz zur dichtbebauten Innenstadt - breite Sicherheitsstreifen eingerichtet werden. Man fürchet wohl Demonstrationen etwa von Euro- oder Globalisierungs-Gegnern. Deswegen haben die Grünplanungen und Sicherheitsabschnitte etwas von einer frühmittelalterlichen Festung mit zentralem Doyon-Turm, Mauerkränzen und übersichtlichem Verteidigungsrayon.Coop Himmelb(l)au will, wie kürzlich eine Ausstellung des Frankfurter Architekturmuseums zeigte, zwei leicht in sich gedrehte, an den Fassaden zinkmetallern schimmernde und gegeneinander geneigte Hochhäuser neben der Großmarkthalle errichten, die auf ganzer Höhe durch eine gläserne Halle miteinander verbunden sind. Dramatisch recken sich Rolltreppen durch die Luft dieser Halle. Eigentlich ist es also eine Baumasse, die sich da aus einem flachgestreckten Bauteil winden soll, das parallel zur Großmarkthalle geplant ist. ASP und Schweger hingegen schlagen eine Versammlung von fünf rechteckigen Glastürmen vor, die um eine streng rechteckige Plaza stehen und in den obersten beiden Geschossen verbunden sind. Das erinnert an Tatlins konstruktivistischen "Wolkenbügel" aus den zwanziger Jahren. Immerhin ist hier die Aufgabe in verschiedene, auf Abstand gestellte Baukörper aufgelöst und nicht wie bei Coop Himmelb(l)au zu einer Monumentalform zusammengefasst. So luftig wie auf den Zeichungen wird aber auch diese Glasmasse nicht werden.Offenbar legte die Bank Wert auf die eine, symbolisch trotz der Distanz bis in die Innenstadt wirksame Großform. Deswegen erhielten 54f Architekten mit Hamzah & Yeang nur den dritten Preis, obgleich sie als einzige mit vier dreieckig zueinander strebenden Hochäusern die geforderte Baumasse ein wenig lockerer wirken lassen, den Blick auf den Main offen halten. Wie in vielen Entwürfen findet man auch hier Wintergärten in luftiger Höhe - seit Norman Fosters Commerzbank-Hochhaus von 1997 sind sie Mode. Absurd ist allerdings bei 54f Architekten, dass ausgerechnet das prägende architektonische Element der Großmarkthalle, das Dach aus vielen hintereinander gestellten Tonnengewölben, im Mittelteil durch Glastonnen ersetzt werden soll. Doch wird die Stadt Frankfurt selbst solche Verballhornung eines ihrer bedeutendsten Denkmäler in Kauf nehmen. Denn das ist das politisch Auffällige an dem ästhetisch und konzeptionell wenig aufregenden Wettbewerb: Die Stadt, durch die Ansiedlung von tausenden von Arbeitsplätzen mit all ihrem Folgeverkehr, ökologischen und sozialen Veränderung schwer betroffen, ist praktisch ausgeschlossen von den Entscheidungsabläufen. Der Investor EZB hat sie nicht einmal in der Jury berücksichtigt. Dabei steht schon der Bau eines Hochhauses direkt neben den Wohngebieten - deren bisher eher mittelständisch geprägte Bevölkerung bereits unter dem Druck steigender Mieten gerät - gegen die Planung der Stadt, eigentlich nur noch die Innenstadt zu verdichten. Verteidigt wird solche Ignoranz, der Soziologe Klaus Ronneberger wies darauf hin, mit den Erfordernissen der Globalisierung, die Rücksichtnahme auf städtische Belange nicht mehr erlaube. Tatsächlich verhält sich die Zentralbank, obgleich sie per se ohne Konkurrenz ist, städtebaupolitisch wie eine Privatbank. Widerstand gibt es kaum. Frankfurt kann kaum noch seine Angestellten bezahlen, da zählt jeder Arbeitsplatz. Vorbei sind die Zeiten, als die Investoren am Berliner Postdamer Platz 1993 Richard Rogers einluden, neben dem offiziellen Wettbewerb ein eigenes Modell zu entwickeln - und damit provozierten, dass sich die Stadtverwaltung in den folgenden Jahren legitimiert sah, penible Gestaltungsvorschriften für quasi jedes innerstätdische Grundstück zu entwickeln. So etwas ist für Frankfurt kaum zu hoffen. Hier bestimmt die Bank. Deswegen gab es auch praktisch keinen einzigen Vorschlag, die EZB wirklich zu einem Teil der Stadt werden zu lassen, etwa durch die Einbindung in ein neues Wohn- und Geschäftsviertel, das sich in der Höhe und den Außmaßen dem so genannten "europäischen" Stadtbild verpflichtet. Für die neue EZB ist aber nicht das planungsbesessene New York Modell, sondern eher China - wo die Investoren frei von allen demokratischen Verpflichtungen sind. Wie einst die im Suff hilflosen Seeleute auf die Schiffe zwangsverpflichtet wurden, wird nun die Stadt von den Investoren shanghait.Foto. Einsam steht ein Turm vor Frankfurt: der Entwurf von Coop Himmelb(l)au für die neue Europäische Zentralbank.