BerlinDa drüben war neulich Roland Kaiser zu sehen. Auf diesem schwarzgelben Ding, das mitten in der Lagerhalle thront wie ein Fels. Links und rechts reichen Regalreihen meterhoch bis unter die Decke. Sie sind mit schwarzen Kisten angefüllt. „Cases“ nennt Marcel Fery die metallbeschlagenen Quader auf Rollen. Seine Cases sind das, es ist auch seine Lagerhalle, seine Firma: die TSE AG, Technik und Service für Events. Fery schaut die Reihen entlang. Gut verpackt schlummern dort nun schon seit Monaten Lampen, Lautsprecher, Mischpulte. 

Wie das schwarzgelbe Gebilde, das vor Kurzem noch zusammenmontiert eine Videowand war. In der Waldbühne hat sie Anfang September gestanden und den Schlagersänger Roland Kaiser groß gemacht für 5000 Menschen auf den Rängen. Das Konzert war ein Anfang in der Corona-Krise, ein Hauch von Hoffnung auf Normalität inmitten der Pandemie. So dachten Fery und sein Team. Sie haben sich getäuscht.

Die Zahl der Infizierten steigt bedrohlich an. Ein zweiter Lockdown ist nicht ausgeschlossen. „Die Lage für die gesamte Eventbranche ist mittlerweile hochdramatisch“, sagt Marcel Fery. Zwischen all den Regalen und Kisten sieht der Firmenchef aus wie ein Symbol dafür. Die TSE AG mit Sitz Berlin-Neukölln ist ein mittelständisches Unternehmen. Es beschäftigt rund 100 Angestellte und 30 Auszubildende. Es ist weitgehend zur Untätigkeit verdammt. Es steht für das Dilemma der Branche. Die befindet sich auf dem Weg in den Ruin. Vor aller Augen und doch nahezu unbemerkt.

Dabei handelt es sich um den sechstgrößten Wirtschaftszweig hierzulande mit einem Jahresumsatz von 130 Milliarden Euro. Mehr als eine Million Menschen in 300.000 Unternehmen hat das Eventgewerbe bis vor gut einem halben Jahr noch ernährt, weitere 900.000 Menschen profitierten in Hotellerie und Gastronomie, in den Bereichen Transport, Verkehr und Einzelhandel. Doch dann kam das Coronavirus, kam der erste Lockdown, der Stillstand.

Ende Februar ist das gewesen. Fery kann sich noch sehr genau erinnern. „Die Internationale Tourismus-Börse stand kurz bevor, die ITB hier in Berlin. Wir sollten im City Cube die Eröffnungsveranstaltung machen, außerdem einen Fünf-Sterne-Pavillon für Saudi-Arabien und etliche Konferenzen.“ Fünf Tage vor dem geplanten Beginn wurde die Messe abgesagt. „Von da an wurde weiter abgesagt, abgesagt, abgesagt.“

Die Eventbranche, die in normalen Zeiten mit einer Auslastung von 150 Prozent und damit weit über dem Limit arbeitete, weil qualifiziertes Personal knapp und die Nachfrage groß war, fuhr von einem Tag auf den anderen runter auf null. „Jetzt sind wir bei einem Umsatzeinbruch von 80 bis 95 Prozent.“ Mit „wir“ meint Fery den gesamten Wirtschaftszweig. Und weil er gerade bei Prozenten ist, klärt der Firmenchef noch ein Missverständnis auf.

„Event klingt nach Spaß“, sagt er. „Klar, es geht auch um Musik, Festivals, Tanzen, Party, aber das macht nur zehn Prozent aus.“ 88 Prozent der Veranstaltungen sind Messen, Kongresse, knallhartes Business. „Ohne das könnte die hiesige Industrie ihre Maschinen, Fahrzeuge, ihre gesamten Exportgüter nicht so verkaufen, wie sie es bisher konnte“, meint Fery. Deutschland ist der drittgrößte Standort weltweit für derartige Megamarkttage. „Es steht viel auf dem Spiel.“

Am Mittwoch gehen sie auf die Straße

Heiß diskutiert werden in der Öffentlichkeit derweil die Nöte der Profiklubs im Fußball, Spiele vor Zuschauern, vor vollen oder halbvollen Rängen, Vorstöße des 1. FC Union aus Köpenick. Die Bundesliga wird zur Eventbranche gerechnet, macht mit ihrem Programm ein Prozent des Gesamtvolumens aus, hat allerdings eine starke Lobby: die Deutsche Fußball-Liga, flankiert vom Deutschen Fußball-Bund, dem größten Spartenverband im Weltsport.

Um sich auch ohne eine solche Lobby Gehör zu verschaffen, geht der Rest des Wirtschaftszweigs auf die Straße. Für den kommenden Mittwoch ist in Berlin eine große Demonstration angemeldet. Bereits am 9. September haben sie in der Hauptstadt lautstark und zahlreich protestiert. Viel passiert ist seither nicht.

Zwar haben die politischen Parteien die unverschuldete Schieflage der Eventbranche in Corona-Zeiten erkannt. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) zeigte sich verständnisvoll und kooperativ. Schon im März hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) verkündet: „Die Botschaft an all die vielen mittelständischen Unternehmen im Messe- und Gastronomiebereich ist: Wir lassen euch nicht im Stich.“ FDP und Grüne machen sich Forderungen der Branche zu eigen. Dass sie kurz vor dem Kollaps steht, diese Branche, und daher dringend Hilfe braucht, scheint jedoch keine Partei zu begreifen. „Was da kommt“, sagt Fery, „ist super schwammig.“

Mehrere Interessengruppen haben sich daher zu einem Bündnis zusammengeschlossen mit dem programmatischen Namen „Alarmstufe rot“. Sie haben eine 17 Seiten starke „Deklaration“ verfasst und darin Forderungen an die Politik formuliert. Diese zielen vor allem darauf ab, die Branche finanziell flüssig zu halten. Die Laufzeit der staatlichen Kredite auf 15 Jahre auszudehnen, lautet eine der Forderungen. 

Vielen Unternehmen droht eine Überschuldung, weil sie keine Einnahmen, aber hohe Fixkosten haben wie Miete, Zinsen, Ratentilgung. Wenn sie nicht sofort in die Insolvenz gehen müssen, dann eben irgendwann im kommenden Jahr - wegen dieser Last. „Die Eventwirtschaft wird künftig ein anderes Gesicht haben“, sagt Fery. Aus einer Nische dringen Bässe, gedämpft, schroff, Metal-Musik. „Fünf Mitarbeiter sind im Moment hier und zehn Azubis. Wenn mal was anliegt, arbeiten ein paar Leute zwei, drei Tage. Der Rest der Belegschaft befindet sich in Kurzarbeit.“

Die wirtschaftliche Dimension des Absturzes lässt sich ziemlich genau beziffern. Die psychischen Folgen sind kaum abzusehen. Die Monate ohne Beschäftigung nagen an den Nerven. „Die Leute sind alle vollkommen fertig“, sagt Jogi Cappell. „Sie haben ihre Reserven aufgebraucht, haben kein Geld mehr und vor allem keine Perspektive.“ Bei Kollegen beobachtet der Berliner Veranstaltungstechniker, dass die Stimmung kippt. Je nach Mentalität gleitet sie ab in Depression, in Aggression, in Resignation.

Cappell steht auf einem Bahnsteig im Ostbahnhof. Hinter ihm summt der ICE aus Stuttgart wie ein Hornissenschwarm. Kinder toben lärmend aus dem Zug. „Großraumwagen, Ruhebereich, so viel dazu“, sagt Cappell. Darüber kann der Lichtenberger noch lächeln. „Ich bin über die Jahre sehr robust geworden, was Stress angeht“, sagt er. Die Turbulenzen im Job rauben aber auch ihm auf die Dauer den letzten Nerv.

Cappell ist das, was im Wirtschaftsjargon „Soloselbstständiger“ genannt wird. Offiziellen Schätzungen zufolge gibt es davon im Veranstaltungsgewerbe an die 200.000 bundesweit, wahrscheinlich sind es jedoch deutlich mehr. Cappell hat eine eigene Firma, Jogi Productions, mit einem Mitarbeiter: ihm selbst.

An diesem Abend kommt der Mittfünfziger aus Filderstadt. Er hat dort Plätze für Padel aufgebaut, eine Mischung aus Tennis und Squash, ein Trendsport. Vielleicht eröffnet ihm Padel eine Perspektive, aber so genau weiß  Cappell das noch nicht. „Spätestens am Jahresende werde ich gucken, wie es weitergeht.“ Was er sagen kann, ist, dass Jobs wie der in Filderstadt sein Budget entlasten. „Seit April kam ja kein Geld mehr rein.“

Die ITB im Februar wäre auch für ihn das nächste größere Projekt gewesen. Den Stand von Bolivien hat er unter anderem projektiert und hätte weitere Kunden gehabt. Messen sind ein wichtiges Standbein für Jogi Productions. Dazu kommen große Festivals, die er als technisch Verantwortlicher betreut: „Sonne Mond Sterne“ in Saalburg-Ebersdorf, „Sputnik Spring Break“ in Bitterfeld und „Helene Beach“ in Frankfurt (Oder). Bis zu 40.000 Menschen bevölkern jedes dieser Großevents. „2.000 Menschen arbeiten bei einem Festival. 300 bis 400 muss man für Auf- und Abbau hinzurechnen.“ Viel Verantwortung für Cappell. Und viel Arbeit.

„Bei drei Festivals kommen allein schon 18 Wochen Fulltime zusammen“, sagt er. „Dazu dann die Messejobs. Wenn du also ständig unterwegs bist und kommunizierst und Dinge zusammenbringst und plötzlich ist da nichts mehr, fragst du dich schon: Warum stehe ich morgens eigentlich noch auf?“

Erhöht wird der seelische Stress durch wirtschaftlichen Druck, der bei Soloselbstständigen ungleich höher ist als bei Unternehmen. „Die Überbrückungshilfe geht an den Einzelunternehmern vorbei“, sagt Cappell. Der staatliche Teil darf nicht in Lebenshaltungskosten oder Versicherungen fließen, er ist ausschließlich für Betriebsausgaben gedacht, die ein Soloselbstständiger jedoch kaum hat. Ein großes Firmengebäude oder ein Fuhrpark? „Bestenfalls ein Auto, eine Garage und ein ordentlicher Satz Werkzeug“, sagt Cappell.

„Die Leute sind alle vollkommen fertig“

Ständige Ausgaben hat ein solches Ein-Mann-Unternehmen dagegen jede Menge. Für die private Krankenversicherung etwa. Für die Altersvorsorge sowieso, womöglich in Form von Wohneigentum, auf dem eine Hypothek lastet, die bedient werden will. Das sogenannte Schonvermögen von 60.000 Euro, das beim Abrutschen auf Hartz IV unangetastet bleibt, reicht für eine Rente wohl kaum.

„Um Hartz IV bin ich bisher herumgekommen“, sagt Cappell. Er ist neuerdings bei Facebook, wo sich die Soloselbstständigen zusammengeschlossen haben. „Obwohl ich darauf eigentlich gar keinen Bock habe, aber man muss sich doch vernetzen.“ Durch Facebook ist Cappell auf eine Erosion in seinem Gewerbe aufmerksam geworden. „Immer mehr kehren ihrem Job den Rücken", sagt er. „Kollegen, die Elektriker gelernt haben, gehen in ihren angestammten Beruf zurück. Gelernte Schreiner wechseln in die Baubranche. IT-Experten haben sowieso keine Probleme, unterzukommen.“

Insolvenzen und Abwanderung werden dafür sorgen, dass sich die Veranstaltungswirtschaft in Deutschland stark verändert. Wohin dieser Auflösungsprozess führt, kann derzeit niemand seriös vorhersagen. Dass die Verhältnisse aus der Zeit vor Corona wiederhergestellt werden, glauben jedoch die wenigsten.

Auch Cappell orientiert sich auf dem Arbeitsmarkt. Neulich hat ein Unternehmen für Facility Management jemanden gesucht, der Bestuhlungs- und Raumpläne erstellt. „So etwas könnte ich mir vorübergehend vorstellen.“ Produktionsmanager, Technischer Zeichner, irgendetwas wird sich ergeben, auch wenn es nicht das ist, wofür er brennt, sich ins Zeug legt, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag, wenn es sein muss. So wie es eigentlich alle tun im Eventgeschäft.

Marcel Fery erwähnt dieses besondere Phänomen, als er erzählt, dass seine Firma Equipment und Personal für die Mitgliederversammlung von Hertha BSC im Olympiastadion am Sonntag gestellt hat. Er kommt darüber auf die Eröffnung des Stadions zur Weltmeisterschaft 2006, Fery sagt: „Es gab nur zwei Gewerke, die pünktlich fertig geworden sind: die Dachbauer und uns.“

Und dann formuliert er das Leitmotiv seiner Branche, einen Satz, der gemacht zu sein scheint für die brenzlige Lage: „The show must go on.“ Nebenan in der Halle drehen sie die Musik auf.