Zwei Achtzehnjährige haben Streit. Plötzlich zieht einer der Jugendlichen eine Schreckschußpistole, preßt sie auf die Brust seines Freundes und drückt ab. Innerhalb weniger Minuten verblutet der Angeschossene. Eine Kugel können die Gerichtsmediziner im Brustkorb des Opfers nicht entdecken. Die Schreckschußwaffe wurde also nicht manipuliert. Dennoch: Eine tiefe Wunde klafft in der Haut des Achtzehnjährigen. Sein Herzmuskel ist zerrissen.Diesen Unfall und 48 weitere tödliche Verletzungen durch Schreckschußwaffen hat der Rechtsmediziner Markus Rothschild im Rahmen seiner Habilitation an der Freien Universität Berlin dokumentiert. Mit zahlreichen physikalischen Experimenten zeigte er, warum die freiverkäuflichen Pistolen und Revolver solch schwere Verletzungen hervorrufen können.Jedes Jahr stellt die Berliner Polizei nach Angaben des Landeskriminalamtes rund 2 500 Schußwaffen sicher. Darunter sind tausend Schreckschußpistolen. Wieviele insgesamt auf den Straßen von Berlin getragen werden, weiß niemand. Denn in Deutschland kann jeder Volljährige eine Schreckschußwaffe kaufen. Weder der Name des Käufers noch der Waffentyp wird registriert. Schreckschußwaffen wurden Ende des 19. Jahrhunderts entwikkelt. Damals hießen sie "Scheintod-Pistolen". Heute sehen sie scharfen Handfeuerwaffen zum Verwechseln ähnlich. Es gibt zwei winzige Unterschiede, die nur aus nächster Nähe erkennbar sind: Seitlich an der Waffe ist ein spezielles Zulassungszeichen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt gestanzt. Zudem ist im Lauf eine kleine Sperre zu sehen, die verhindert, daß ein Projektil abgefeuert werden kann. Als Munition werden Knall- oder Tränengaskartuschen verwendet, die das Treibmittel Nitrozellulose enthalten. Wird es gezündet, verbrennt es mit lautem Knall zu Gas. Dabei entsteht enormer Druck, der sich in Form eines Gasstrahls entlädt. Wird die Waffe aus wenigen Zentimetern Entfernung abgefeuert, wirkt dieser Strahl wie ein Geschoß. Weiches Gewebe wie die Herzkammerwand des Achtzehnjährigen kann er leicht durchschlagen. Dabei brechen zuweilen auch Rippenknochen. Sogar der Schädel kann vom Druck des Gasstrahles aufgesprengt werden. Besonders gefährdet ist der nur drei Millimeter dünne Schläfenbereich.Häufig erleiden die Opfer starke Verbrennungen. Sie rühren von dem Mündungsfeuer der Schreckschußwaffe her. Wie der Rechtsmediziner herausfand, kann dieses bis zu dreitausend Grad Celsius heiß werden und 27 Zentimeter weit reichen. Das Treibmittel Nitrozellulose verbrennt beim Zünden nicht vollständig. Pulverreste werden mit Überschallgeschwindigkeit aus dem Lauf herausgeschleudert. Ist die Waffe nah am Körper, können sie die Haut durchsieben. Ein Schuß in Augennähe, und das Opfer ist blind. Die unverbrannten Reste des Treibmittels befördern noch eine andere gefährliche Fracht. Rothschild entdeckte in der Nitrozellulose Bakterien der Art Bacillus cereus. Diese mit dem Erreger des Wundstarrkrampfes verwandten Mikroben verzögern das Abheilen von Schußwunden. Und die schließen sich, im Vergleich zu anderen Wunden, ohnehin nur langsam.Auch der laute Knall, der eigentlich Angreifer in die Flucht schlagen soll, ist nicht ungefährlich. Rothschilds Mikrofontests belegten, daß alle in Deutschland verkauften Waffen sehr laut sind. Den Messungen zufolge kann ein aus 25 Zentimeter Entfernung abgegebener Schuß mit 180 Dezibel auf das Ohr des Opfers treffen. "Von 145 Dezibel an läßt die Bundeswehr nur mit Gehörschutz schießen", sagt Rothschild. Der Grenzwert, von dem an Hörschäden auftreten, liegt bei 160 Dezibel. Schon ein einziger Lärmimpuls darüber reizt die Sinneszellen so sehr, daß das Innenohr dauerhaft geschädigt wird. Noch aus zwei Metern Abstand in Schußrichtung lagen fast alle Waffen in der Berliner Untersuchung über diesem Wert."Schreckschußpistolen sind nach vorne lauter als zum Schützen hin", berichtet Markus Rothschild. Das erklärt, warum Angeschossene häufiger ein Knalltrauma erleiden, als der Täter. Bisher wurden Opfer vor Gericht häufig als Simulanten hingestellt, die nur auf Schmerzensgeld aus sind. Die eigentliche Brisanz der Schreckschußpistolen liegt nach Ansicht des Rechtsmediziners allerdings darin, daß sie den scharfen Waffen täuschend ähnlich sehen: "In Berlin werden bei Überfällen durchschnittlich zwei Menschen im Jahr von der Polizei erschossen, die mit ihrer Schreckschußpistole eigentlich nur drohen wollten. Die Polizisten haben die Waffe einfach nicht als Nachbildung erkannt."