KUWALK/BERLIN. Die zur "Fahndung" ausgeschriebenen Bilder liegen in der Dachkammer eines Gehöfts, das einsam in der menschenleeren Weite der Prignitz steht. Kuwalk heißt dieser Ort ganz im Norden Brandenburgs, der auf keiner Karte verzeichnet ist. Er ist lediglich über Feldwege zu erreichen und besteht nur aus einem einzigen Hof. Zwei Menschen leben hier: die Tochter des Berliner Malers Otto Nagel (1894 bis 1967), Sibylle Schallenberg, und ihr Mann Götz.In dem Kämmerchen unterm Dach liegen jene 16 Zeichnungen, Pastelle und Gemälde aus dem Frühwerk Nagels, die die "Stiftung Stadtmuseum Berlin" von dem Paar zurückfordert. Die Stiftung, die mehr als ein Dutzend Museen in der Hauptstadt betreut, hält sich für den Eigentümer der Bilder. Das bestreitet die Tochter des Malers, der Ehrenbürger Berlins ist und nach dem Straßen, Schulen und Galerien benannt sind. Die 59-Jährige will die Bilder nicht an die Stiftung herausgeben. "Ich bin die rechtmäßige Erbin", sagt sie. Die Stiftung reklamiert die Bilder für sich, weil sie in Inventarlisten des Märkischen Museums auftauchen. "Ich verbrenne die Bilder"Am 6. Februar will das Landgericht Neuruppin eine Entscheidung in dem Rechtsstreit verkünden, der vor gut zwei Jahren begann. "Ich verbrenne die Bilder meines Vaters, wenn man sie mir wegnehmen will", zitierte eine Boulevard-Zeitung die Nagel-Tochter. Sibylle Schallenberg hat an dem Artikel nichts auszusetzen - aber sie mag nicht wiederholen, dass sie die Bilder verbrennen wird, wenn sie den Rechtsstreit verlieren sollte. "Meine Mutter wäre zu so etwas in der Lage gewesen, aber ich bin nicht sie", sagt Sibylle Schallenberg. Verbrennen wäre kontraproduktiv: Sie wolle schließlich, dass die Bilder ihres Vaters wieder mehr ausgestellt werden und nicht, wie in den vergangenen Jahren, unbeachtet in Museumsdepots herumliegen, "bis die Farbe von der Leinwand platzt". Etwa 40 der schätzungsweise 2 000 Bilder, die der hauptsächlich in der DDR populäre Otto Nagel gemalt hat, befinden sich heute im Besitz der Schallenbergs. "Ein kläglicher Rest", sagen sie. Denn als Walentina Nagel, die Ehefrau des Künstlers, 1983 starb, taxierte eine Staatskommission den Wert des Nachlasses auf 2,5 Millionen DDR-Mark und forderte von der Erbin 1,6 Millionen als Vermögen- und Erbschaftsteuer. Zähneknirschend übereignete Sibylle Schallenberg deshalb dem Staat ihr Elternhaus in Berlin-Biesdorf sowie 261 Bilder und Zeichnungen. Nach 1990 versuchten die Schallenbergs, für diese "Erpressung" entschädigt zu werden, unterlagen jedoch in der ersten Instanz. Für die zweite fehlte das Geld. Die beiden leben heute von Erwerbsunfähigkeitsrenten. Das Haus in der Otto-Nagel-Straße, in dem der Maler mit seiner Familie einst lebte und das später als Künstler-Heim genutzt wurde, ist nach 1990 verkauft worden - angeblich für mehrere Millionen Mark.Darüber sind die Schallenbergs verbittert. Ebenso darüber, dass der Senat das Ehrengrab Nagels in Berlin-Friedrichsfelde ohne Absprache mit ihnen umgestaltete. "Seither", sagt Sibylle Schallenberg, "gehe ich nicht mehr hin." Im Streit hatten die beiden auch Berlin gen Kuwalk verlassen: 1980 - als das offizielle Interesse an Nagel bereits abgekühlt war - legten sie "aus Protest gegen die Kulturpolitik der DDR" ihre Posten im Otto-Nagel-Haus nieder, das Götz Schallenberg seit 1973 geleitet hatte und in dem Sibylle Schallenberg als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Das Otto-Nagel-Haus wurde 1994 geschlossen.Die vielen Rechtsstreite haben ihre Spuren hinterlassen in der Sprache der Schallenbergs. Wenn sie von den 16 Werken sprechen, die die Stiftung zurückfordert, sagen sie "die streitbewehrten Bilder". Zwei von ihnen sollten zurzeit eigentlich im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum zu sehen sein. Doch die Museums-Stiftung habe diese Bilder auf eine "schwarze Liste" gesetzt und gedroht, sie beschlagnahmen zu lassen, falls sie ausgestellt würden, sagt zumindest Sibylle Schallenberg. Deshalb liegt die Zeichnung "Onkel Paul lesend" noch immer in der Dachkammer von Kuwalk. "Aber was nutzen uns die Bilder dort?", fragen sich die Schallenbergs. Aber würden sie die Bilder der Stiftung geben, so befürchten sie, "stehen sie eh nur in Depots".Kollwitz-Museum zeigt derzeit Nagel-Bilder // Der Maler: Otto Nagel, 1894 in Berlin-Wedding geboren, war zunächst als Arbeiter bei Borsig beschäftigt. Das Malen brachte er sich selbst bei. Die Nazis belegten ihn mit Atelierverbot. In der DDR wurde das Schaffen des einstigen KPD-Mitglieds berühmt, Nagel übernahm viele offizielle Funktionen - z. B. Präsident der Akademie der Künste (1956 bis 62). Er starb 1967.Die Ausstellung: Noch bis zum 10. März sind im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum (Fasanenstraße 24) etwa 70 Werke Nagels zu sehen.Das Archiv: Des Malers Tochter Sibylle Schallenberg baut seit 1996 ein Otto-Nagel-Archiv in Kuwalk auf.BERLINER ZEITUNG/LUKAS PUSCH Kuwalk, ein einsames Gehöft, liegt ganz im Norden Brandenburgs.BERLINER ZEITUNG/SUSANNE ROST In einer Dachkammer bewahrt Götz Schallenberg, der Schwiegersohn Otto Nagels, die Gemälde des Künstlers auf.