"Die Farbe der Ferne": Eine Anthologie zeitgenössischer arabischer Dichtung: Barfuß auf Tränenspitzen

Der Atlas der Poesie weist nach wie vor viele weiße Flecken auf. Dass einer von ihnen nun die "Farbe der Ferne" bekommt, ist das Verdienst von Stefan Weidners Anthologie moderner arabischer Dichtung. Sie stellt 36 Autoren, die zwischen 1917 und 1970 geboren wurden, ausführlicher vor und ergänzt diese Auswahl einleitend mit knapp drei Dutzend Kurzgedichten. Das schließt zwar keinesfalls alle wichtigen oder einflussreichen Dichter ein, ist aber dennoch repräsentativ im Hinblick auf Stile, Formen und Themen.Merkmale von Modernität, wie sie Hugo Friedrich für die europäische Lyrik definierte, oder gar experimentelle Töne sind selten anzutreffen. Moderne arabische Dichtung ist vor allem aus ihrer Emanzipation vom klassischen Formenkanon zu verstehen: im so genannten taf îlah-Stil, einer noch an die Tradition rückgebundenen Variante des freien Verses, wurde das Gedicht als organische Struktur wichtiger als die Prägung prägnanter Zeilen, wie es der klassischen Vorstellung entsprach. Dieses Misstrauen gegen die alten Formen hat viel mit den politischen Entwicklungen zu tun. Die Identitätssuche der Dichter findet ihren Niederschlag in den vielen lyrischen Selbstreflexionen, die die Texte wie ein roter Faden durchziehen. In ihnen spiegelt sich das Bild des Dichters als säkularer Prophet, der zum gesellschaftlichen Umbruch beiträgt. Viele der hier vertretenen Autoren bekamen durch Exil, Gefängnis oder Zensur die politischen Verhältnisse buchstäblich am eigenen Leib zu spüren.Zu bunt und vielgestaltig erscheint die arabische Lyrik, um alle ihre Nuancen auf bemessenem Raum vorzustellen. Von großem Reiz sind insbesondere die kürzeren Texte der Anthologie. Ein Gedicht wie Fuad Rifkas "Gemälde" ("Oktober. / Vögel ziehen fort, / treues Geäst winkt, / seine Blätter im Wind/ sind Tränen") dürfte in seiner Schlichtheit ebenso einprägsam sein wie die Zeilen des Libanesen Paul Shâwûl: "Barfuß / schreitet er / auf seinen Tränenspitzen".Melancholie heißt die vorherrschende Farbe auf der Stimmungspalette: Heimatverlust und Exilerfahrung, der Traum von einem selbstbestimmten "Land der Araber" (Qabbani), neu zu definierende soziale Rollen, aber auch Religiös-Mystisches, das den Dichter in einem hiobsgleichen Hadern mit Gott zeigt. Den hohen Rang der modernen arabischen Poesie bestätigend sind Amal Dunquls sarkastisches Gebet an den "Vater unser in der Staatssicherheit", Nâzik al-Malâ ikas "Liebeslied an die Wörter" oder Mahmûd Darwîshs betörende Elegie "Am letzten Abend auf dieser Erde". Es gibt allerdings auch Texte, denen westliche Leser befremdet gegenüber stehen. Wenn Saniah Sâlih ausruft: "Berühre mich, wie Gott den Lehm berührt hat, / damit ich wie die Menschheit erstehe", dann ist das ein Pathos, das zuweilen dicht am Kitsch vorbeischrammt. Manchmal vermisst der Leser auch das, was ihm als Stringenz vertraut ist, so dass manches Gedicht sich in beliebig wirkenden Wiederholungen des gleichen Gedankens erschöpft. In eine Anthologie, die - ohne zu werten - informieren will, gehören sie dennoch hinein.Besonderes Lob verdient die Übersetzung durch Stefan Weidner: Es ist keineswegs Standard, dass fremdsprachige Lyrik in ihrer deutschen Fassung mehr als nur eine Inhaltsangabe bietet; das literarische Niveau dieser Übersetzung lässt dagegen über weite Strecken die sprachlichen Grenzen fast vergessen. Durch unterschiedliche Schreibungen und Zeichensetzungen wird eine überzeugende Annäherung an Duktus und Personalstil der jeweiligen Dichter versucht. Auch für Reim und Rhythmus finden sich, wo immer es ohne allzu große akademische Strenge möglich war, deutsche Entsprechungen, so dass der Leser, und vielleicht mehr noch der Hörer, zumindest einen Eindruck von der Klangfülle der Originale bekommt. Vergleicht man Weidners an anderer Stelle veröffentlichte, nüchternere Version von Badr Shakir as-Sayyabs berühmter Regenhymne mit dem gereimten und rhythmisch aufgeladenen Lied vom Regen, dann wird der Gewinn an ästhetischem Vergnügen deutlich. Übersetzungen dieser Qualität wünscht man noch öfter auf dem Buchmarkt anzutreffen.Stefan Weidner (Hg.):Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Übersetzt von Stefan Weidner. C. H. Beck Verlag, München 2000, 295 S., 48 Mark.