Die "Faust I"-Inszenierung im Hamburger Schauspielhaus zeigt auch, wozu Publikum gut sein kann: Mir wird so licht!

Eine Woche nach Michael Thalheimers Premiere am Deutschen Theater in Berlin, kam "Faust I" nun auch am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg heraus, dort in der Regie von Jan Bosse. Das Publikum war hier wie dort aus dem Häuschen, wiewohl das Applausometer in Hamburg noch einen Tick höher ausschlug. Darüber hinaus sind keine Ähnlichkeiten zwischen den Inszenierungen feststellbar. Dafür zeigen sich Aufschluss gebende Gegensätze: Während bei Thalheimer die Figuren zu austauschbaren Prinzipien verallgemeinert wurden, die mit virtuoser Brillantine vornehm-depressive Rituale auf die Zuschauerköpfe herunterleiden, erheben sich die Figuren bei Bosse nicht über die Leute im Publikum, sondern verbünden sich mit ihnen, verstehen sich als Exemplare derselben Gattung mit denselben Problemen und Fragen, auch unlösbaren. Thalheimer schliff das Sperrige, Ungetümliche des Stückes ab, präparierte es als eine Schussfahrtpiste und sauste, jeden Grübler, jeden Zweifler überholend (unter anderem natürlich auch Goethe, der sich vom Slalom der Dialektik bremsen ließ) in die unwiderlegbare Bedeutungslosigkeit hinab. Bosse sah von solchem Kräftemessen ab, es ging ihm nicht darum, Goethe zu widerlegen oder zu überbieten - nicht darum, als erster anzukommen, er wollte herausfinden, wie weit man Goethe heute folgen kann, bis man aus den Kurven fliegt. Methodisch kontrolliertes Kunstzagen bei Thalheimer, ungezügelte Selbstironie bis an die Tränen bei Bosse. Während sich Thalheimer daran machte, die Welt ein für alle mal zu erklären, seine Nullrunden-Wahrheit als Gipfel und Endpunkt des Menschenmöglichen dem geneigten Publikum zur Verfügung zu stellen, macht Bosse klar: wir Schauspieler und Zuschauer sind hier im Theater, um zu feiern und daran zu verzweifeln, dass schon das Theater nicht dazu da ist, verstanden zu werden, womit etwas über die Welt gelernt ist.Der Bühnenbildner Stéphane Laimé hat, wo eigentlich die Bühne des Schauspielhauses ist, weitere ansteigende Zuschauer-Stuhlreihen aufstellen lassen, die verschnörkelten Ränge schließen sich - die vierte Wand als Spiegelfläche - zum Oval, und in der Mitte, auf einem Plattenteller mit fünf bis sieben Metern Durchmesser, im Schnittpunkt der Scheinwerfer und der Zuschauerblicke, dreht sich die Faust-Bühne. Die Faust-Welt aber reicht und greift herüber ins Publikum. Edgar Selge sitzt zwischen den Leuten und spült sich den Mund gründlich mit Mineralwasser aus, bevor ihn sein Faust aus dem Polster reißt. So wird eine gleichberechtigte Dialogsituation zwischen Spielern und Zuschauern suggeriert, die letztere zur gedanklichen Beteiligung geradezu zwingt. Das fängt ganz leicht und locker an, indem Selge erst mit Goethe "Bin ich ein Gott?" fragt und das nicht etwa verneint, sondern ein paar Augenblicke später, über die Rangballustrade balancierend, mit eigenen Worten präzisiert: "Ich bin Schauspieler, Faust-Spieler". In der Tat ist ja ein Schauspieler Schöpfer und Geschöpf in einem Körper. Selge dreht seine Runden durchs Publikum und fragt hier und da auch mal Text ab. Er plappert drauflos, steigert sich in Schwärmereien und in Meckereien hinein, formuliert frappierende Gedankenblitze, die ihm der Augenblick und auch unsere Wenigkeit, das Publikum des Abends, einzugeben scheinen - und die man erst im Echo als Faust-Zitate erkennt. Fast hätte man vergessen, sich zu wundern, als auf Fausts Geisterbeschwörung: "Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist. / Enthülle dich! / Ha! Wie's in meinem Herzen reißt!" - sich die Zuschauer im Chore flüsternd melden: "Wer ruft mir?"Jan Bosse macht das Gegenteil eines Geheimnises aus der Tatsache, dass wir hier im Theater sind. Es flüstern da natürlich nicht Zuschauer, sondern im Publikum verteilte Kleindarsteller. Das weiß man, aber fühlt und versteht es anders. Auch später, wenn aus den eigenen Reihen die Osterlieder klingen oder das Requiem auf Gretchen oder das Backround-Schubidu im Auerbachskeller oder das Hecheln des Höllenhundes Mephisto (Joachim Meyerhoff). Bosse braucht keinen pseudometaphysisch aufgeblasenen Zinnober, um die Zuschauer über das Böse erschrecken lassen. Er zeigt es als ein Gedankenspiel, stellt es als mephistophelischen Theatertrick auf die Bühne. Als Beispiel die Szene, in der Faust zum Totschläger an Gretchens Bruder wird: Mephisto schnipst, und Faust und Valentin erstarren im Kampf. Mephisto drückt Faust ein Messer in die Hand, stellt ihn so auf die Drehbühne, dass Faust - wach aber bewegungsunfähig - fast eine ganze, langsame Umdrehung auf Valentin zufährt und ihm die Klinge in den Leib schiebt. Faust will ihn nicht erstechen, er schreit und fleht, kann es aber nicht verhindern. Er müsste sich davonstehlen, die Spielabmachung brechen, also die Inszenierung verraten und Goethe. Weil das nichts brächte, muss Valentin sterben. Nur so bekommt dieser seinen großen Abgang, den er nutzt, um Gretchen mit Hass zu beladen. Und nur so vermag Gretchen die ganze Portion Liebe der Zuschauer auf sich zu versammeln, wenn sie, die auf einen Schlag Mutter, Bruder, Kind und Heinrich verlor, vereinsamt aufsteigt, der Sonne, also einem Tageslichtscheinwerfer, entgegen.Wenn Maja Schöne sich als Gretchen um Trost an die Schmerzensreiche wendet, weint sie einer Zuschauerin in den Hals, als hätte sie ihre Mutter wieder gefunden. Sie küsst einen Zuschauer, den sie für Heinrich hält, nimmt die Hand eines anderen für Heinrichs. Als sie, endlich für einen letzten Moment, den richtigen Heinrich erkennt - da graut es ihr. Da ist einem, als sacke man durchs Theater in die Welt.------------------------------Faust I in Hamburg // Regie Jan BosseBühne Stéphane LaiméKostüme Kathrin PlathMusik Lieven Brunckhorst und Hans-Peter GerrietsDramaturgie Gabriella BussackerBesetzung Edgar Selge (Faust), Joachim Meyerhoff (Mephisto), Maja Schöne (Gretchen), Regina Stötzel (Marthe), Tillbert Strahl-Schäfer (Wagner), Jörg Ratjen (Valentin)Nächste Vorstellungen 28. Oktober, 2./5./6./13. November, jeweils 20 Uhr im Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Telefon: (040) 24 87 13------------------------------Foto: Richtig bedient, taugt die Nebelmaschine im Theater zum Erkenntnisapparat. Edgar Selge als Faust.