Wenn man sich bei den beiden nur nicht immer so unheimlich ertappt vorkommen würde. Da sitzt man im Tipi herum, wird von Kronleuchtern ästhetisch günstig beschienen und vom samtenen Rot der Innenausstattung feierabendmilde gestimmt, nippt am Wein, parliert mit den Nachbarn, fühlt sich mal wieder so richtig soigniert und kultiviert. Bis das neue, nunmehr siebte Programm von Malediva über die Bühne geht und einem vor Augen führt, dass man sowieso und überhaupt eine viel zu hohe Meinung von sich hat, ob es dabei nun um die Einordnung der eigenen Kochkünste geht ("ich wette, Karnickelragout gibt es längst bei Bofrost gekocht aus der Dose", so eine Liedzeile) oder um das Talent zur friedlichen Koexistenz. Oder um dieses grässliche Gerede über den richtigen Wein und die tollste Wohnung.Kurzum: Bei Tetta Müller und Lo Malinke - die traditionell von Florian Ludewig am Flügel begleitet werden - ist man binnen Minuten auf das Beste desillusioniert. Das für die Freunde ausgerichtete Abendessen? Angeberei. Die Sitzordnung und die zu beachtenden Lebensmittelallergien? Schwieriger als Abrüstungsverhandlungen. Die unantastbare eigene Beziehung? Kaum romantischer als das symbiotische Verhältnis von Nilpferd und Putzerfisch, wie es dazu bei diesen beiden heißt, die mit boshaftester Genauigkeit von sich auf andere schließen. Zu viele Designervasen ("sieben Gäste, sieben Vasen / sieben Zwerge, sieben Nasen") hätten schließlich sowohl homo- als auch heterosexuelle Paare irgendwann im Schrank; auch ansonsten seien die Unterschiede vernachlässigbar. Jedoch: "Auch bei uns wird geweint und gelogen / nur sind wir dabei besser angezogen."Um "Die fetten Jahre" dreht es sich diesmal, die bloß noch selten ohne den Zusatz ". sind vorüber" thematisiert werden und folgerichtig auch hier den ergrauten Alltag einer Ehe zum Inhalt haben. Er wird besungen in Liedern, die mal wirken wie Lebkuchenherzen, also zuckergussüberzogen und zugleich steinhart beim Draufbeißen sind - und mal ins schmissige Entertainer-Tempo wechseln; elf neue Songs gibt es insgesamt. In Dialoggewittern - denen man das angestrengt falsche Lächeln (und den Wunsch nach einem Beruhigungsschnaps) geradezu anhört - werden dazwischen Elterneinmischungen in jeglichen Aspekt des Lebens, Backentaschen voll Nudelsalat auf Klassentreffen sowie der Esoterik verfallene Freunde verhandelt; nach den enthusiastischen Publikumsreaktionen bei der Premiere am Freitag zu urteilen, eine generationenübergreifende Erfahrung. Die dann ja auch wieder verbinden kann. Oder, wie es hier so schön heißt: "Als wenn man nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen und sich verachten könnte."Für ihr letztes Programm, "Ungeschminkt", hatten sich Müller und Malinke 2008 nach zehn Jahren als Malediva von ihrem marmorweißen Make-Up verabschiedet und damit auch zugleich von den wie eingefrorenen Schaufensterpuppenbewegungen; für "Die fetten Jahre" - Regie führte Wolfgang Kolneder - sind sie nun auch noch von den Barhockern geklettert, witschen um einen halb eingedeckten Esstisch herum, ziehen sich zum Schmollen an entgegengesetzte Ecken der Tafel zurück und kommen in der Bewegung durch den Raum auf einige der zweifelhaftesten Komplimente überhaupt, wie beispielsweise: "Für dich würde ich mir das Schambein mit Prittstift epilieren." Da geht doch noch was, wenn die fremden Leute wieder weg sind aus der Wohnung. Letztendlich schweißt doch nichts so sehr zusammen wie ein Abendessen, das keinem schmeckt.Bis zum 4. Oktober im Tipi am Kanzleramt, Vorstellungen Di-Sa um 20, So um 19 Uhr. Kartentel.: 0180-3 27 93 58------------------------------Foto: Malinke (l.) und Müller setzen sich zusammen.