Die Firma Narus liefert Technik zur Bespitzelung von US-Bürgern. Auch T-Mobile ist Kunde: Die Big-Brother-Maschine

Der Raum in der Folsom Street in San Francisco ist klein. Hinein führen eine schmale Tür sowie Glasfaser-Leitungen, die Lichtwellen direkt vom zentralen Welt-Internet-Leitstand des US-Telekommunikationskonzerns AT&T in der kalifornischen Metropole anliefern. Zutritt zu dem Verschlag haben nur Agenten des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA) sowie ausgewählte AT&T-Mitarbeiter. Was in dem Raum passiert, ist geheim.Seit dem 6. April ist etwas Licht in den Verschlag in der Folsom Street gefallen. An diesem Tag gab der inzwischen pensionierte AT&T-Techniker Mark Klein eine Eidesstattliche Erklärung vor einem Bundesgericht in San Francisco ab. Kleins Statement, das erst jetzt vollständig zur Veröffentlichung frei gegeben wurde, dient als Beweisstück in einem Prozess, den die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) angestrengt hat. Wegen Verletzung der Privatsphäre von möglicherweise Millionen von Kunden solle AT&T Schadenersatz in Milliardenhöhe zahlen, fordert die Gruppe.AT&T in ErklärungsnotDie Erklärung des AT&T-Pensionärs, nicht nur in San Francisco sondern auch in den Westküsten-Städten San Diego, San José, Los Angeles und Seattle sei der gesamte Daten- und Telefonverkehr von AT&T abgehört worden, bringt keineswegs nur den Telefon-Konzern in die Bredouille. Sie zeigt auch, wie weit fortgeschritten die Überwachung von Telefon und Internet durch Geheimdienste ist. Und welcher monströsen Technologien sich die amerikanischen Sicherheitskräfte bedienen, um damit die gesamte Bevölkerung zu bespitzeln. Die Enthüllungen nagen nun an der Macht von George W. Bush. Schließlich hat der US-Präsident zugegeben, ausgerechnet für die Bespitzelungsaktionen bei AT&T seine Rückendeckung gegeben zu haben - obwohl nach US-Recht Abhöraktionen der NSA vorab gerichtlich genehmigt werden und sich auf Auslands-Ziele beschränken müssen.Herzstück des geheimen Raumes bei AT&T in San Francisco, gab Klein zu Protokoll, sei ein Computer gewesen, auf dem ein so genannter Semantic Traffic Analyser installiert gewesen sei. Die Software stammt von der kalifornischen Firma Narus, die ihren Namen von dem lateinischen Wort Gnarus ("kundig") herleitet. Kenntnisreich sind die Nutzer des Produktes aus dem Silicon-Valley-Ort Mountain View in der Tat: Von Computerexperten wurde das aktuelle Nachfolge-Modell Narus Insight kurz und knapp "Big-Brother-Maschine" getauft. "Das ist ein verdammt leistungsstarker Apparat, einer der leistungsstärksten, von dem ich in 25 Jahren in der Informationstechnologie-Industrie gehört habe", schreibt der IT-Experte Bruce Ewert in einem Beitrag für den US-Web-Fachdienst Daily Kos.Die Daten, die Narus für sein Abhör- und Analyseprodukt angibt, sind eindrucksvoll: Eine einzige der Big-Brother-Maschinen ist in der Lage, bis zu zehn Milliarden Datenimpulse (Bits) pro Sekunde zu untersuchen. Das reicht aus, um 20 000 herkömmliche DSL-Internetzugänge lückenlos zu überwachen. Festgestellt wird dabei nicht nur, welche Daten von wem wo und wohin versandt oder empfangen werden. Hinzu kommen Mitschneidefunktionen etwa für Internet-Telefongespräche sowie für jene Datenpakete, die zum Beispiel über Musikbörsen wie Kazaa oder Gnutella ausgetauscht werden. Wie gut verdrahtet Narus mit den beamteten US-Schnüfflern ist, zeigt eine Personalie vom September 2004. Da wurde mit William P. Crowell sogar ein einstiger Vize-Chef der NSA Mitglied der Unternehmensführung. Gegründet wurde das Unternehmen 1997 von Ori Cohen. Zu den Geldgebern gehören der Chip-Riese Intel, die Investmentbank JP Morgan sowie Beteiligungsgesellschaften. In Nachbarschaft des US-Suchmaschinenanbieters Google spezialisierte sich Narus anfangs auf Analysesoftware zur Abrechnung von Telekommunikations-Diensten - was sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als ein Glücksfall für die US-Schlapphüte erweisen sollte, denn die Narus-Software ist bei Telefonunternehmen wegen ihrer Steuerungsfunktionen beliebt. So ist es dank Narus Insight möglich, Kunden mit auffällig hohen Datenübertragungsvolumen heraus zu filtern oder bestimmte Nutzungsarten eines Internetanschlusses ganz auszuschalten. Solche Software lässt sich ohne großen Aufwand mit einem Abhörmodul ergänzen.Beliebt bei DespotenBesonders gern Gebrauch von Narus Insight machen Firmen in Staaten mit repressiven Regierungssystemen. So blockieren Saudi Telecom sowie Egypt Telecom mittels der Software aus Kalifornien sämtliche Internet-Telefongespräche. Diese Funktion soll auch beim chinesischen Festnetzbetreiber Shanghai Telecom zum Einsatz kommen. In der Volksrepublik ortet die Narus-Führung um Greg Oslan einen lukrativen Markt. Schließlich versuchen Chinas Machthaber alles, um öffentliche Kritik an ihrem Regime im Internet zu unterbinden. Dissidenten werden mit großem technischen und personellen Aufwand ausgespäht und oft jahrelang hinter Gitter gebracht. Das sind gute Geschäftsgrundlagen für Narus. Seit kurzem verfügen die Kalifornier jedenfalls über ein Büro in Peking.Doch auch europäische Konzerne bedienen sich gerne der Software. So nutzt der niederländische Ex-Monopolist KPN, zu dem der deutsche Mobilfunknetzbetreiber E-Plus gehört, Narus-Programme zur Abrechnung des Handy-Datendienstes i-Mode.Auch die Telekom-Tochter T-Mobile wird von Narus im Internet stolz als guter Kunde angeführt. "Unsere US-Tochterfirma nutzt Narus-Software zu Abrechnungszwecken", bestätigt der Sprecher des Bonner Handynetz-Betreibers, Klaus Czerwinski. Genauere Informationen waren weder von T-Mobile noch von Narus zu erhalten. Die Presseagentur des Schnüffel-Software-Herstellers ließ die Berliner Zeitung nur wissen, dass man "derzeit nicht in der Lage" sei, auf Fragen zu antworten.------------------------------Geheimer Dienst im GlaskastenNSA: Die National Security Agency (NSA) ging aus Spionage-Abteilungen der US-Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg hervor. Der Auslands-Geheimdienst der USA gilt als eine der mächtigsten Organisationen ihrer Art weltweit: Im Jahr 2001 beschäftigte die NSA rund 38 000 Mitarbeiter.Crypto City: Das NSA-Hauptquartier steht in Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland. Zentrum der so genannten Crypto City in der Nähe der US-Bundeshauptstadt Washington ist ein glänzend schwarzer Büro-Glaskasten, in dem das NSA-Operationszentrum untergebracht ist. Crypto City verfügt über eigene Sicherheitsdienste, einen eigenen Fernsehsender sowie eine Autobahn-Auffahrt, die nur von Mitarbeitern benutzt werden darf.Mehr zur NSA sowie zur Software-Firma Narus im Internet: de.wikipedia.org/wiki/NSAwww.narus.com------------------------------Foto: Ein Arbeiter montiert eine Überwachungskamera in Washington.