BERLIN, 1. Juli. Die kanadische Bark "Lennie" segelte im Sommer 1875 in der Biskaya mit Kurs auf Griechenland. Dort aber sollte sie nie ankommen. Denn die Mannschaft des Seglers meuterte und ermordete dabei kurzerhand ihren Kapitän sowie den Ersten Offizier. Einzig der Schiffsjunge und ein belgischer Steward beteiligten sich nicht am Aufstand.Doch gerade der Steward sollte den Rebellen helfen. Wer schreiben könne, so vermuteten sie, der könne auch navigieren. Also steuerte der Belgier das Schiff in den Ärmelkanal. In einem unbeobachteten Moment nahm er sich ein Stück Papier, notierte kurz die Vorfälle, steckte das Blatt in eine Flasche und warf diese über Bord. Monate später fand ein Engländer die Meerespost, und es dauerte nicht lange, da baumelten die zwölf Meuterer in der Nähe von Southampton am Galgen. Als Lohn erhielt der Briefschreiber 50 Pfund.Weitgereister FlachmannDies ist nur eine von zahlreichen Geschichten, in denen eine Flaschenpost von Abenteuer, Sehnsucht oder Tragik erzählt. Ursprünglich jedoch waren die gläsernen Mitteilungen gar keine Post. Denn Wissenschaftler hofften, durch sie Strömungen besser berechnen zu können. So legte bereits 1839 der französische Hydrograph Pierre Daussy der Pariser Akademie der Wissenschaften eine "Abhandlung über Flaschenposten" vor. In Deutschland gilt der Hamburger Gelehrte Georg Ritter Balthasar von Neumayer als Begründer der deutschen Flaschenpostforschung. Er hatte die Idee, Hamburger Kapitänen leere Flaschen mit einem Daten-Zettel zu geben. Auf einer von ihm bestimmten Position warfen die Schiffsführer diese dann mit dem ausgefüllten Papier über Bord. Darauf bat die Deutsche Seewarte den Finder, die Post nach Hamburg zurück zu schicken. Mit diesen Experimenten waren die Strömungen nur ganz grob festzustellen. Weil, wie Neumayer 1868 in "Mittheilungen aus Justus Perthes Geographischer Anstalt" schrieb, die Fracht es "nur einem Zufall zu danken hat, wenn sie nach langem Kreislauf einer bewohnten Küste zugeführt wird".Das Wissen von gestern nutzt heute den stolzen Findern. Denn die Spezialisten können ihnen erklären, auf welchen Routen die Pullen durch die Meere kreisten. Der norwegische Maler Terje Nicolaisen fand im Mai 2002 am Ufer des Oslofjords einen schmuddligen Flachmann. Dieser entpuppte sich als Post, die eine Japanerin fünf Jahre zuvor von Spitzbergen aus ins Wasser warf. Experten vom Meeresforschungsinstitut Bergen stellten fest, dass die kleine Schnapsflasche von Spitzbergen bis an die kanadische Ostküste gereist war, dann ein Stück Richtung Süden und über den Atlantik wieder zurück nach Norwegen. Noch gefahrvoller schipperte eine Hustensaft-Flasche elf Jahre über die Meere. Ein neunjähriges Kind hatte sie in einen Wassergraben im niederländischen Kampen geworfen. Von dort, so ermittelten Fachleute von der Nordseeinsel Texel, müsse die Post zunächst zahlreiche Schleusen der Ijssel und das Ijsselmeer passiert haben. Dann sei sie mit dem Golfstrom zunächst bis nach Kanada und mit dem Labradorstrom erneut ostwärts bis in den Golf von Biscaya getrieben. Im französischen Biarritz wurde sie schließlich von einer französischen Studentin entdeckt.Als der Fischer Steve Gowan im Mai 1999 in der Themsemündung eine grüne Bierflasche in seinem Netz fand, ahnte er nicht, welche Tragödie dahinter steckte. 1914 setzte der 26-jährige Soldat Thomas Hughes von einem Kriegsschiff eine Flaschenpost in den englischen Kanal aus. Den Finder bat er darin, das Papier seiner Frau Elisabeth weiterzuleiten. Zwölf Tage später fiel Hughes an der Front. Nun konnte der Fischer Gowan der 86 Jahre alten Tochter von Hughes, die in Neuseeland lebt, den letzten Willen ihres Vaters übergeben. "Ich glaube, er wäre sehr stolz", meinte sie, "wenn er wüsste, dass seine Post nun doch angekommen ist."Unter Königin Elisabeth I. konnte es lebensgefährlich sein, eine Flasche zu entdecken. Die Regentin vermutete, in ihnen könnten Staatsgeheimnisse versteckt sein. Und tatsächlich öffnete in der Nähe von Dover ein ahnungsloser Fischer das Siegel einer Flasche. Das hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Denn in der Post informierte die Besatzung eines Kriegsschiffes die britische Admiralität über feindliche Truppen. Zu seinem Glück konnte der Fischer nicht lesen und die Königin begnadigte ihn. Die Insel-Herrscherin bestellte daraufhin eigens einen Hofbeamten als Flaschenpost-Öffner. Der Job des "Official Uncorker of Bottles" bestand immerhin 200 Jahre bis zur Regierungszeit König Georg III. im 18. Jahrhundert.Letzte BotschaftDas Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie besitzt mit rund 600 Flaschenpostbriefen eine weltweit einzigartige Sammlung. Oft waren für Seemänner die schwimmenden Flaschen ihr letzter Gruß an die Welt. So eine Botschaft, die vom Untergang der deutschen Viermastbark "Nomia" in einem Orkan am 16. Juli 1912 berichtete. Ohne diese Nachricht wäre das Schicksal des Schiffes vermutlich für immer im Dunkeln geblieben. Auch die Besatzung des Zerstörers USS "Beatty" warf in den letzten Sekunden ein Flasche über Bord, als sie 1943 von einem deutsche U-Boot vor Gibraltar versenkt wurde. "Unser Schiff sinkt, denken, das ist das Ende. Vielleicht erreicht die Nachricht eines Tages die USA", stand auf dem Zettel. Tatsächlich strandete sie ein Jahr später an der amerikanischen Ostküste.------------------------------Maritime PostilloneEine Flaschenpost kann theoretisch zehn Mal die Erde umrunden, ohne gefunden zu werden, meint der Flaschenpost-Forscher Günter Heise.Abschicken kann man heute eine Flaschenpost, ohne dafür ans Wasser zu müssen. Im Internet bieten Amateur-Postboten ihre Dienste an.Der Service kostet allerdings bis zu 59,90 Dollar. Wer möchte, kann seinen Brief dafür auch vom amerikanischen Indianapolis oder vom brasilianischen Joao Pessoa starten lassen.Flaschen der maritime Postillone haben beachtliche Wege zurückgelegt. Ein Exemplar aus dem italienischen La Spezia etwa schwamm über 300 Kilometer, ehe sie ein Fischer in Südfrankreich fand. Eine andere war drei Monate in der Südsee unterwegs.Post per Internet: www.conwasa.demon.co.uk/miabix.htm------------------------------Foto: Die Wege der Flaschenpost sind schwer zu erforschen. Aber meistens kommt sie irgendwo an.