Die Frau an seiner Seite, der Mann im Hintergrund: Monika Diepgen und Günter Stahmer: Acht Umarmungen braucht der Mensch am Tag

Monika Diepgen kennt man, Günter Stahmer kennt man nicht. Die Ehepartner der beiden Bewerber um den Posten des Regierenden im Land Berlin haben sich ihre Rollen gesucht. Und sie füllen sie konsequent aus."Ich passe auf ihn auf", sagt Monika Diepgen und strahlt. Sie ist seit fast 20 Jahren mit Eberhard Diepgen verheiratet. "Sehr glücklich", sagt sie. Und erzählt, wie sie ihn kennengelernt, nein ausgesucht hat, damals, 1972, auf dem CDU-Parteitag. Da mußte der Rechtsreferendar, das junge Mitglied des Landesvorstandes der Berliner CDU, sie nach ihrem Sprung von der Bühne in seine Arme nehmen. Sie, die 17. Ersatzdelegierte, hatte gerufen: "Fang mich mal." Er fing sie.Monika Diepgen sammelt Spenden für UNICEF und die Rheuma-Liga. Sie erzählt Anekdoten, lacht, plaudert von ihren Freunden, von ihrer Familie, von Staatsbesuchen und verschweigt auch die Stunden nicht, in denen ihr der Mann fehlt. Sie läßt sich gern fotografieren. Monika im Strandkorb, im Arm von Eberhard.Günter Stahmer ist seit 30 Jahren mit Ingrid verheiratet.Ingrids Eltern hatten sich eigentlich einen Jungen gewünscht, das Kind sollte Günter heißen. Ingrid war begabt, nicht auf den Mund gefallen, besuchte ein gerade erst für Mädchen geöffnetes Jungengymnasium, machte als einziges Mädchen Abitur. "Es fiel mir schwer, ein Mädchen zu werden", sagt Ingrid Stahmer. Deshalb wohl hatte sie nach der Hochzeit den Ehrgeiz, ihrem acht Jahre älteren Mann jeden Morgen Frühstück zu machen, für ihn gut auszusehen und gutgelaunt zu sein. "Es war schrecklich." Ingrid Stahmer war morgens muffelig, die Laune verdüsterte sich schon in den ersten zwei Ehewochen. Dann das klärende Gespräch. Seitdem kocht Günter Stahmer den Kaffee. Jeden Morgen. Die Küche ist sein Revier, nicht nur, wenn es ums Frühstück geht."Ich bin gern Hausfrau und Mutter." Das Haus im Grunewald ist Monika Diepgens Reich. Dort bestimmt sie. Sie steht jeden Morgen vor ihrem Mann auf, macht das Frühstück. "Wenn er vergißt, seine Vitamine zu nehmen, laufe ich ihm zum Auto nach." Nach Möglichkeit ist sie immer da, wenn die Kinder - Anne, 18 Jahre alt, und der 16jährige Frederik - aus der Schule kommen. Sie geht einkaufen, kocht, und einmal in der Woche kommt eine Putzfrau. Kann Eberhard Diepgen kochen? "Wasser, Kartoffeln und Eier", sagt er. Natürlich könne er sich versorgen. Aber richtig gut schmeckt ihm nur das, was seine Frau zaubert.In der Stahmerschen Wohnung in Charlottenburg standen früher zwei Kinderzimmer bereit. Dann die Erkenntnis, daß die leer bleiben würden. Über die Schmerzen dieser Lebensphase sprechen die beiden nicht. Sie haben Karriere gemacht. Ingrid Stahmer liebt ihren Beruf als Sozialarbeiterin. Als SPD-Politikerin wurde sie Bezirksbürgermeisterin, Sozialsenatorin, Kandidatin für den Posten des Regierenden Bürgermeisters. "Der Wahlkampf könnte ruhig noch weitergehen, mir macht das Spaß." Günter Stahmer aber hat mit der aktiven Politik nichts am Hut. "Als Leiter der Abteilung IV der Senatsverwaltung für Inneres, vor allem mit den Ausländerangelegenheiten bin ich so nah am politischen Geschehen, daß ich parteipolitische Zurückhaltung für unabdingbar halte", sagt Stahmer.Seit 14 Jahren fahren Diepgens in den Sommerferien auf die Insel Fehmarn. Vor sieben Jahren haben sie sich ein Häuschen in der Lüneburger Heide gekauft. Auch dort verbringen sie regelmäßig ihre freien Tage. Diepgen joggt, es wird gespielt, gelesen, kaum ferngesehen. Einmal am Tag telefoniert der Regierende mit seinen Mitarbeitern, ansonsten läßt er Politik Politik sein. In Wahlkampfzeiten aber werden Pressevertreter am Urlaubsort empfangen. Und für die Zeitungen Fotos von der ganzen Familie gemacht.Stahmers lieben die Wachau. Seit 16 Jahren fahren sie jeden Sommer ins österreichische Dürnstein an der Donau, wohnen im Schloßhotel, wo schon Spaniens König Juan Carlos, Fernseh-Kommissar Horst Tappert und Kanzler-Gattin Hannelore Kohl übernachtet haben. Sie genießen die Gegend, gehen wandern und schwimmen, lesen und reden. Die gegenseitige Unterstützung findet in aller Stille statt.Nur in diesem Sommer hat das Ehepaar gemeinsam mit Presseleuten auf der Hotel-Terrasse gefrühstückt. Ingrid Stahmer erzählt, daß sie die hausgemachte Marillen-Marmelade liebt, berichtet, wie sie sich zwei Finger in der Terrassentür geklemmt und gebrochen hat. So schlimm, daß die Ärzte den 30 Jahre alten Ehering zersägen mußten. Günter Stahmer läßt sich nur mit dem Rücken zur Kamera fotografieren."Jeder Mensch braucht am Tag acht Umarmungen", sagt Monika Diepgen. "Wir schaffen das zwar nicht immer, aber wir versuchen es."Ingrid Stahmer, 53, hat in diesem Jahr ihren Geburtstag groß gefeiert. Rund 300 Menschen strömten zum Empfang ins Haus der Kulturen der Welt, das Defilee war lang und prominent. Günter Stahmer war nicht mitgekommen. "Er haßt so was", sagt Ingrid Stahmer. Während sie die Glückwünsche entgegennahm, gedrückt und geküßt wurde und über das ganze Gesicht strahlte, kaufte Günter Stahmer Lebensmittel ein. Jacobsmuscheln und Hummer für den Abend zu zweit. "Nachmittag und Abend gehören uns", sagt Ingrid Stahmer. Den Geburtstagswalzer tanzte sie mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Klaus Böger.Monika Diepgen begleitet ihren Mann. Staatsbesuche, Festveranstaltungen, Bälle - sie ist an seiner Seite. Auch am Wahlabend, wenn er vor die Kameras muß? "Na klar.""Die Position des Mitregenten steht nicht auf meinem Dienstplan", sagt Günter Stahmer. Er ist nicht der "Prinzgemahl". Schon als seine Frau Bezirksbürgermeisterin war, mußte er sich Bemerkungen zu diesem Thema anhören. "Prinzgemahl hieße ja, daß meine Rolle sich aus der Rolle meiner Frau erklärt." Was seine Frau sagt und macht, kommentiert er nicht - jedenfalls nicht öffentlich.Ingrid Stahmer wird am Wahlabend ohne ihn vor die Kameras treten. +++