BERLIN, 29. April. Es hat eine Weile gedauert, bis Wolfgang Schoppe den Schock verdaut hatte. Dabei kam die Nachricht für den Vizepräsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) nicht überraschend. Schließlich hatte es sich abgezeichnet, dass die Friedensfahrt in diesem Jahr wegen finanzieller Probleme ausfällt, zum ersten Mal seit ihrer ersten Auflage 1948. "Das ist ein Tod auf Raten", sagt Schoppe. Der Leipziger hegt schlimmste Befürchtungen. Sollte das traditionsreiche Etappenrennen auch im nächsten Jahr ausfallen, sagt er, "dann war's das". Organisatoren anderer Rennen würden dann den Termin in Beschlag nehmen.Um das Aus der Friedensfahrt abzuwenden, wollen sich nun Vertreter des BDR mit Verantwortlichen des tschechischen Verbandes zusammensetzen. Dessen Sprecher Jaroslav Cicha sagt: "Im Mai 2006 soll wieder gefahren werden." Er sagt aber auch: "Natürlich besteht ein Risiko." Wenn es den Organisatoren nicht gelingt, Sponsoren zu gewinnen, wird die Friedensfahrt auch 2006 nicht durch Polen, Tschechien und Deutschland rollen. "Wir müssen langfristig planen", sagt Schoppe: "Und wir dürfen damit nicht erst im Herbst beginnen, sondern sofort." Denn potenzielle Sponsoren brauchen die frühzeitige Gewissheit, dass sie mit ihren Investitionen auch die gewünschten Zielgruppen erreichen. "Wir müssen deshalb die Streckenführung festlegen", sagt Schoppe. Mögliche Etappenorte müssen angesprochen werden.Vor allem aber gilt es, Kontakte zur werbenden Wirtschaft zu knüpfen. In der Vergangenheit hat diese Aufgabe Jörg Strenger übernommen. Der ehemalige Stasi-Major verfügt über gute Verbindungen, insbesondere zur Lebensmittelindustrie. Er erschloss für die Tour des Ostens überlebenswichtige Geldquellen. Doch der tschechische Friedensfahrt-Direktor Pavel Dolezel brach mit dem Leipziger. Die beiden waren über die Schutzmarke "Friedensfahrt" in Streit geraten, die Strenger sich gesichert hatte. Nun betreibt der Cottbuser Gerd Müller das Marketing in Deutschland. Dabei war dem einstigen Trainer von Bahnrad-Olympiasieger Lutz Heßlich bislang offenbar ebenso wenig Erfolg beschieden wie seinen Kollegen in Polen und Tschechien. Zunächst musste der traditionelle Mai-Termin abgesagt und nun auch die ins Auge gefasste Verschiebung des Rennens in den Spätsommer verworfen werden.Innerhalb der nächsten drei Wochen wollen nun tschechische und deutsche Funktionäre über die weiteren Schritte entscheiden. An dem Treffen soll neben Schoppe auch BDR-Generalsekretär Karsten Schütze teilnehmen. "Ich hoffe, dass auch tschechische Verbandsvertreter dabei sind und nicht nur Pavel Dolezel", sagt Schoppe: "Es soll hoch offiziell zugehen, denn es steht viel auf dem Spiel." Schon die Absage für dieses Jahr, sagt der BDR-Funktionär, "ist eine Katastrophe für den Osten Deutschlands."Die Friedenfahrt ist tief verwurzelt in der ehemaligen DDR. Sie war einst das weltweit größte Etappenrennen für Amateure und im Osten Europas so bedeutsam wie die Tour de France im Westen. Ihre Sieger sind Legende: Täve Schur oder später Olaf Ludwig etwa wurden durch die Friedensfahrt zu Stars.Es mochte deshalb nicht überraschen, dass das Rennen sogar eine Krise nach der Wende überstand und schnell wieder gesundete. Zwar war es nun deutlich kürzer als zur Blütezeit, doch nicht weniger populär, was die Zuschauer-Resonanz entlang der Strecke belegte. Sogar von einer Bewerbung für die ProTour, jenen Kreis der Eliterennen, war schon die Rede: ehrgeizige Pläne aus einer besseren Zeit.Mittlerweile geht es für die Friedensfahrt ums nackte Überleben. Beispiele anderer Rennen zeigen, dass ein Comeback sehr schwer werden dürfte. Schoppe sagt deshalb: "Wir dürfen da jetzt keine Luft ranlassen." Die Zeit drängt.------------------------------"Das ist eine Katastrophe für den Osten."Wolfgang Schoppe, BDR-Vizepräsident------------------------------Foto: Faszination Friedensfahrt: Die Steile Wand von Meerane hat stets große Anziehungskraft auf Radsportfans ausgeübt.