Nach der Premiere ist erst mal Schluss: Wenn morgen Abend nach Bulgakows "Meister und Margarita" der Vorhang fällt, verlassen die Schauspieler für sieben Wochen das wohl ungewöhnlichste Theater Berlins: die Friedhofskapelle an der Boxhagener Straße 99. Bis Mitte September wird das Gebäude saniert. Seit einem Jahr gibt es in der Kapelle, die der Parochialkirchengemeinde gehört, außer den wöchentlichen Begräbnis-Trauerfeiern auch Theateraufführungen. Das neu gegründete Ostend Theater, eine 25-köpfige Truppe um den Puppenspieler Dietmar Blume, hat die Kapelle mit der hölzernen Bühne und den knapp hundert Sitzen gemietet. Die Gemeinde, sagt Pfarrer Wolf Mankiewicz, beobachte seit Jahren den Verfall ihrer denkmalgeschützten Kapelle mit Sorge. Für eine Sanierung, die gut zwei Millionen Mark kosten würde, habe sie aber kein Geld. Daher sei man auf diese nicht alltägliche Kooperation verfallen, für die nach anfänglicher Kritik jetzt die Mehrzahl der Friedhofsbesucher Verständnis zeige."Dank der Mitnutzung durch das Theater konnte jetzt Geld aus Fördertöpfen locker gemacht werden, an die wir nie herangekommen wären", sagt auch Friedhofsverwalter Uwe Folgner. 750 000 Mark stellten EU, Senat und das Arbeitsamt für die erste Etappe bereit. Damit werde bis zum Jahresende der Keller trocken gelegt, die Fassade gereinigt und ausgebessert, der Eingangsbereich erneuert und das Dach mit Schieferschindeln gedeckt. Danach soll die Kapelle äußerlich wieder so aussehen wie 1879, als sie erbaut wurde. Und die Friedhofsverwaltung, die in einem Schuppen arbeitet, erhält einen Neubau, für den sie selbst auch Geld beisteuert.Dass sich etwas tut, ist seit einigen Tagen augenfällig: Die Mauer zwischen Kapelle und dem Fußweg zur Boxhagener Straße ist weg. "Die Kapelle soll nicht mehr so abgetrennt da stehen, sondern Passanten zum Näherkommen einladen", sagt Tilo Tragsdorf vom Quartiersmanagement am Boxhagener Platz. Deshalb werde vor dem Eingang auch ein kleiner Platz entstehen, auf dem man sich bei schönem Wetter trifft. Ein neuer Zaun wird dann die Grabstätten abtrennen. Im ehemaligen Leichenkeller, in dem neben einer Kleinkunstbühne auch Umkleideräume und Toiletten entstehen, ist schon der Putz abgeschlagen und ein Teil des Bodens ausgehoben - das Werk von Lehrlingen sowie 15 Langzeitarbeitslosen, die von der Firma Dämmstatt GmbH angeleitet werden. Sie werden ab kommender Woche auch die Hausfassade reinigen - ganz konventionell mit Bürste, Seifenlauge und viel Körperkraft. Im Quartiersmanagement arbeitet man derweil an den Förderanträgen für die Sanierung im Innern: Geplant sind unter anderem eine belastbarere Bühne in der Feierhalle und der Einbau eines Fahrstuhls. Die Kosten: über eine Million Mark.Die erste Aufführung nach der Sanierungspause ist für den 21. September geplant. Dann reitet Don Quichotte durch die Friedhofskapelle. "Wir werden bis zum Jahresende mit den Bauarbeiten leben müssen, aber das ist eine eher produktive Störung", sagt Theatermann Dietmar Blume.Ältestes Haus im Kietz // Die Kapelle am Friedhof der Evangelischen Parochialgemeinde an der Boxhagener Straße 99 wurde im Jahr 1879 erbaut. Das denkmalgeschützte Gebäude gilt als ältestes Haus im Kiez, die umliegenden Wohnhäuser entstanden erst um die Jahrhundertwende.Bis zum Wendejahr 1989 fanden in der Kapelle regelmäßig Gottesdienste statt. Seither ist sie nur noch ein Ort für Trauerfeiern: Der knapp hundert Menschen fassende Raum wurde nur zwei- bis viermal monatlich genutzt.Seit Juni 2000 vermietet die Kirchengemeinde die sanierungsbedürftige Kapelle an das neu gegründete Ostend Theater. Trauerfeiern finden weiterhin statt. Wegen der neuen, öffentlichen Nutzung wurden bislang 750 000 Mark für die Sanierung genehmigt. Im Juli beginnen Arbeiten an Keller, Fassade und Dach.BERLINER ZEITUNG/KAY HERSCHELMANN Vor dem Ostend Theater, das vor allem Friedhofskapelle ist, proben Jule Knaust (l. ) und Karina Mielthing für die letzte Vorstellung vor der Sanierung.