BERLIN, im Juli. Die Vergangenheit lagert neben der Waschküche. Man steigt die Kellertreppe hinab, schwenkt nach rechts, geht durch einen Raum, in dem ein paar Jeans trocknen, und betritt das links angrenzende Zimmer. Eine dunkel furnierte Schrankwand aus volkseigener Produktion erstreckt sich vom Türrahmen bis zum Fenster, gegenüber hängen DDR-Geldscheine unter Glas an der Mauer. Daneben, über der Sitzecke, Urkunden und Fotos eines Sportlerlebens.Birgit Heukrodt kniet nieder und öffnet zielstrebig ganz rechts die unterste Schrankschublade. Aus blauen, roten und weißen Kästchen zieht sie goldene, silberne, bronzene Medaillen, handgroße oder kleinere, an bunten Bändern. Im Fach darüber liegen säuberlich gestapelte Urkunden in weißen gepolsterten Plastemappen, gewidmet dem "verdienten Meister des Sports", der eigentlich eine Meisterin ist. Sie findet eine vergilbte Badekappe mit einer DDR-Flagge auf beiden Seiten. Schließlich bleibt ihr Blick an einem weißen DIN-A4-Umschlag hängen. "Irgendwie makaber", sagt Birgit Heukrodt, "das ist die Angiographie meines Lebertumors."Den haben die Ärzte 1993 nach einer Gelbsucht entdeckt, mit Kontrastmittel sichtbar gemacht und auf diesen Röntgenfilmen festgehalten. Damals war der Tumor zehn Zentimeter groß, gutartig, aber beunruhigend groß. Heute ist sein Umfang auf knapp drei Zentimeter geschrumpft. Dr. med. Birgit Heukrodt nimmt ihr Leiden mit der professionellen Distanz einer Ärztin hin. Das entspricht ihrem Wesen und dient ihrem Interesse. Sie geht mit ihrer Krankheit nicht hausieren, gerade weil es vielen so prächtig ins Bild passen würde.Zwischen 1980 und 1984 gehörte Birgit Heukrodt, damals unter ihrem Mädchennamen Meineke, zu den schnellsten Freistilschwimmerinnen der Welt. Bei den Weltmeisterschaften 1982 in Guayaquil/Ecuador mehrte sie die Bilanz der DDR um drei Medaillen. Ein Jahr später kraulte sie bei den Europameisterschaften in Rom zu fünf Titeln. Viermal erschwamm sie Staffel-Weltrekorde.Doch die Erfolge basierten nicht nicht allein auf hartem Training. Sie waren auch das Ergebnis medizinischer Manipulationen. Seit 1966 mästete die DDR Sportler systematisch mit allen möglichen Substanzen, bevorzugt mit männlichen Hormonen. 1974 wurde das Dopen mit dem "Staatsplan 14.25" quasi zum übergeordneten nationalen Interesse erhoben. Junge Mädchen waren bevorzugte Versuchsobjekte, weil sich bei ihnen besonders schnell eine Leistungssteigerung einstellte. Verbunden mit schwersten körperlichen und psychischen Schäden.Manfred Höppner, seinerzeit stellvertretender Leiter des Sportmedizinischen Dienstes der DDR, der auch die Dopinggaben steuerte, erklärte in einem Bericht für die Stasi die Folgen der Vermännlichung so: "Daß speziell bei den weiblichen Aktiven derartige Nachwirkungen auftreten, hat seine Ursache darin, daß durch die Anwendung von Anabolen männliche Hormone dem Körper zugeführt werden und quasi Schein-Zwitter erzeugt werden."Ein Verbrechen, begangen an gutgläubigen, minderjährigen Sportlerinnen. Im juristischen Sinne vorsätzliche Körperverletzung. So jedenfalls lautet die Anklage im Pilotprozeß vor dem Berliner Landgericht gegen vier Schwimmtrainer und zwei Sportärzte des SC Dynamo Berlin, darunter Heukrodts ehemaliger Coach Rolf Gläser. Am 18. März hat die 34. Große Strafkammer das Verfahren aufgenommen, geurteilt wird nach DDR-Recht. Den Angeklagten drohen Haftstrafen bis zu drei Jahren. Am gestrigen Montag ging der Prozeß nach 22 Verhandlungstagen in die Sommerpause, ein Urteil ist nicht vor Ende September zu erwarten.Alles ist notiertEin Verbrechen? "Als so etwas kann ich das nicht empfinden", sagt Birgit Heukrodt. Sie sitzt am Eßzimmertisch, richtet den Blick an die Decke und sucht nach dem richtigen Wort. "Als eine Schweinerei, aber nicht als Verbrechen. Wir sind hintergangen worden, unsere Gesundheit ist aufs Spiel gesetzt worden. Aber Verbrechen ist für mich zu hoch gegriffen." Dabei hätte sie allen Grund, ihre Betreuer von einst zu verurteilen. Vier Jahre lang hat sie männliche Hormone konsumiert. Den Verdacht hegte sie schon länger, seit dem 19. Februar 1997 weiß sie es sicher. Während ihrer Vernehmung bei der Zentralen Ermittlungsstelle für Vereinigungs- und Regierungskriminalität legten die Ermittler ihr die Akten vor. Alle haben es gewußt, alles ist notiert, die Mittel, die Dosierungen, die Nebenwirkungen. "Das war schon ein Schocker", sagt Birgit Heukrodt, "du bist mit der ganzen Wahrheit konfrontiert worden, mitten ins Gesicht. Mir ging es danach richtig schlecht." Doch sie zeigte Gläser nicht an, sie suchte das Gespräch. Wie schon einmal 1993, als ihr Lebertumor diagnostiziert worden war. Damals wich Gläser aus, diesmal zeigte er Reue. Birgit Heukrodt sagt: "Wir beide haben das für uns geklärt, so, daß wir uns in die Augen gucken können." Eine fragile Harmonie, auch ein Selbstschutz: "Als der Sport abgeschlossen war, war das ein positiver Lebensabschnitt. An dieser schönen heilen Welt bröckelt jetzt der Putz." Birgit Heukrodt, 1,82 Meter groß, sportlich-schlank, hat auch nach dem Schwimmen Karriere gemacht. Seit 1992 arbeitet sie im Klinikum Buch als Chirurgin. 1994 bezog sie mit ihrem Ehemann, dem einstigen Kanu-Olympiasieger und heutigen NOK-Mitglied Olaf Heukrodt und ihrem Sohn Tobias ein Eigenheim 30 Kilometer vor der Stadtgrenze Berlins im Grünen. Birgit Heukrodt ist niemand, der sich von wilhelminischen Prachtbauten wie dem Landgericht Moabit, der düsteren Atmosphäre eines mit Panzerglas gesicherten Saals oder einem aufbrausenden Richter beeindrucken ließe. Jedenfalls nicht äußerlich. Jede Aussage ein GeständnisSie bleibt bei ihrer Linie, sagt, sie vermute, die Hormonpillen seien im Tee aufgelöst gewesen. Sie berichtet von den Spritzen, wohl Testosteron, schildert die Nebenwirkungen, die tiefe Stimme, die Akne, den Leberschaden. Sie ist distanziert und äußerst sachlich. Dankbar nutzt sie die Gelegenheit, die ihr Gläsers Verteidigung liefert, um ihren ehemaligen Trainer in bestem Licht zu schildern. Gläser sei für sie "ein Ersatzvater" gewesen. Weil sie aber auch glaubt, was in den Akten steht, spricht sie von einer "gewissen Zerrissenheit".Kaum eine Zeugin hinterläßt bei der Verhandlung den Eindruck, ausschließlich der Wahrheit zu dienen. Der Prozeß verlangt von den Frauen nicht nur eine Aussage, sondern auch eine Art Geständnis. Sie sollen öffentlich bekennen, die vielleicht größte Leistung ihres Lebens nicht allein aus eigener Kraft erbracht zu haben. Noch aktive Sportlerinnen werden von uneinsichtigen Funktionären des Weltschwimm-Verbandes gar mit einer Sperre bedroht, wenn diese aussagen, gedopt worden zu sein. Ermutigung haben die Dopingopfer von keiner Seite zu erwarten; was immer sie tun, ist verkehrt. Stellen sie sich unwissend, trägt ihnen das hämische Kommentare in den meisten Medien ein. Erinnern sie sich umfassend und konkret, versuchen die Verteidiger der Angeklagen ihre Integrität zu erschüttern. Und jene Altkader, die auf den Zuschauerbänken sitzen und Siegerjustiz am Werke sehen, nennen sie Nestbeschmutzer. Selbst der Prozeßbeobachter des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Knecht, mahnt im NOK-Report "Einfühlung in die Zwangslagen eines diktatorischen Systems" an, in dem "Täter im moralischen Sinne häufig gleichzeitig auch Opfer sind". Birgit Heukrodts mühsam hergestellte innere Balance bleibt im Gerichtssaal intakt, wird aber andernorts auf eine noch härtere Probe gestellt. Als "demütigend" und "furchtbar" empfindet sie die Untersuchung durch den Prozeßgutachter Horst Lübbert im Klinikum Steglitz. Dreieinhalb Stunden lang forscht der Gynäkologe und Endokrinologe nach Abnormitäten, die auf Hormondoping schließen lassen. Weil die Angeklagten bisher mit Ausnahme des einstigen Sektionsarztes Dieter Binus beharrlich schweigen, besteht das Gericht auf diese Untersuchungen. So werden die 19 Opfer, von denen sich nur die drei Nebenklägerinnen geschädigt fühlen, erneut zu Opfern. "Das ist das Schlimmste, was uns die Trainer angetan haben", sagt Birgit Heukrodt. Und sie glaubt zu wissen, was am Ende rauskommen wird: "Nichts."Trotzdem lasten viele von ihnen nur einen Teil der Schuld den Tätern an. Zu eng war die Beziehung zwischen Trainern und Schutzbefohlenen, leicht kann den Opfern Komplizenschaft unterstellt werden. Denn daß die Tabletten und Spritzen, die es nach dem Training und vor den Wettkämpfen gab, nicht nur Vitamine und Mineralien waren, die "unterstützenden Mittel" nicht so harmlos wie behauptet, hatte "der Flurfunk" auch in der Kinder- und Jugendsportschule Werner Seelenbinder längst gemeldet. Wer es wissen wollte, wußte von den männlichen Hormonen. Doch der Erfolg verdrängte die Zweifel. "Mit 16 geht man der Sache nicht weiter nach", sagt Birgit Heukrodt. Und wer doch fragte, wurde belogen: "Das hilft dir, die Trainingsbelastung besser zu verkraften."20 Kilometer täglichDie Mädchen mußten hart arbeiten, in Phasen höchster Belastung sechs bis sieben Stunden im Wasser, zwei Stunden an Land. Nach 20 Kilometer Schwimmen kam das Gewichtestemmen. Es wird von Athletinnen berichtet, die schließlich regelrecht süchtig waren nach den Hormonpillen und Spritzen, denn nur damit war das mörderische Pensum zu bewältigen. Und niemand bot dem Treiben Einhalt. Im Gegenteil, es hagelte Preise und Privilegien, Medaillen und Urkunden. Alle profitierten: Ärzte, Trainer, Athleten, Eltern.Die Zeugin Carola Beraktschjan erinnert sich an Besuche des "guten Onkels vom DTSB". Der Gesandte des Deutschen Turn- und Sportbundes brachte Bares: 3 000 Mark, 6 000, schließlich 10 000. Die Eltern sahen, wie ihre Töchter zunahmen, manchmal zehn Kilogramm in einem Jahr. Sahen, daß sie Muskeln entwickelten wie Möbelpacker und hörten, daß sie sprachen wie Kerle. Die meisten schwiegen, wollten nicht verstehen. "So wie wir die Augen verschlossen haben, haben sie auch die Augen verschlossen", sagt Birgit Heukrodt, "ich hatte ja alles. Geld, ne eigene Wohnung, n Auto, bin viel gereist durch den Sport." Auf dem Eßtisch steht ein prächtiger Rosenstrauß, ein Geburtstagsgeschenk. Am 4. Juli ist Birgit Heukrodt 34 geworden. Ihr Blick ruht auf den rosa Blüten, als sie sagt: "Ob wir alle mit 50 ins Gras beißen, weiß ja niemand." Den endgültigen Preis für die Medaillen und Urkunden kann heute keiner taxieren.

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