BONN. Kühl ist es und muffig, nur wenig Licht fällt von draußen in die weiße Marmorhalle. "Einen Moment, bitte", sagt Bashar Sawafer und verschwindet in einem Nebenraum des Hamam, dessen Wasserbecken tief und leer im Boden klaffen. Es ist lange her, dass in diesen Räumen wohltuende Dämpfe aufgestiegen sind, das orientalische Bad wird seit Jahren nicht mehr benutzt. Und trotzdem klettert der 38 Jahre alte Sawaf schnell auf eine Leiter, schraubt eine ausgediente Glühbirne aus ihrem Gewinde und setzt eine neue ein. Golden schimmern die ziselierten Laternen im Untergeschoss der syrischen Botschaft an den Bonner Rheinauen. Erst im Frühjahr 1990 ist die prächtige Immobilie fertiggestellt worden.Mehr als zehn Jahre nach dem Umzug der deutschen Regierung von Bonn nach Berlin stehen 31 ehemalige Staatsimmobilien noch immer leer; die meisten sind längst dem Verfall preisgegeben. Allein für 19 Liegenschaften, so heißt es in einem internen Dokument der Bonner Stadtverwaltung, sind "Vermarktungsbemühungen von deutscher Seite" bekannt. Gerade erst hat die Republik Kongo als letzter Staat die Vertretung am Rhein aufgegeben, zuvor waren Kamerun und Sierra Leone endgültig nach Berlin ungezogen. Mit diesen beiden Schließungen ist die Ära großer Weltpolitik in Bonn endgültig Geschichte.Bashar Sawaf besitzt den Schlüssel zu einem orientalischen Kapitel deutscher Historie. Er hütet eben jenen zum syrischen Palast. Eine Oase mit dem Klima des Orients sollte das Botschaftshaus sein und an die Stadt Damaskus im achten Jahrhundert nach Christus erinnern. Botschafter Suleyman Haddad ließ es im Stile jener Metropole errichten; 40 Künstler haben einst an dieser Illusion mitgearbeitet.Doch die üppigen Blumenmeere sind verschwunden, die Brunnen plätschern nicht mehr, Risse fressen sich durch Marmortafeln. Und Staub bedeckt die ausladenden Kissen in den Empfangsräumen Haddads. Gelegentlich finden hier wenigstens Konzerte oder Lesungen statt. Sawaf ist froh, als letzter Bediensteter in Bonn bleiben zu dürfen: "Berlin ist so groß, so laut. Bonn ist gemütlich", erklärt der Syrier beim Gang durch die riesige Empfangshalle im Erdgeschoss über dem Hamam.Geheimnisse der schwarzen Kladde187 Gebäude dieser Art sind nach Angaben der Stadt Bonn mittlerweile verkauft worden, die meisten davon freilich erst in den vergangenen Jahren - mit Beginn des Aufschwungs in der früheren Hauptstadt, die heute gern als "Boomtown" beschrieben wird. Syrien und China beispielsweise wollen sich von ihren dortigen Kanzleien und Residenzen vorerst nicht trennen, auch wenn sie in diesen Tagen zumeist ungenutzt sind. Der Republik Syrien dient das Haus gelegentlich zur Repräsentation und als Veranstaltungsstätte, während die Chinesen dem Vernehmen nach ein Zentrum für asiatische Medizin planen.Wie viele Immobilien insgesamt einst von anderen Staaten genutzt wurden, das weiß wohl niemand. Der Makler Wieland Münch allerdings reklamiert für sich, die vielleicht ausführlichste Liste solcher Gebäude zu besitzen. Einsehen darf man sie nicht. Münch hütet sie in einer schwarzen Kladde, die er zum Ortstermin in einem schicken Wohnviertel im Bonner Stadtteil Mehlem mitgebracht hat. Und diese Kladde wiederum hält er stets so, dass niemand unberechtigt hineinschauen kann.Wieland Münch ist ein drahtiger Mann, 38 Jahre alt, er wirkt wie jemand, der niemals aufgibt. Er ist der Makler, der sich nach all den Jahren noch mit Botschaften beschäftigt, eine Art Marathon-Makler, er ist ausdauernd und hat einen bestechenden Blick für Details. Vor einem großen Gebäude in Mehlem hält Münch plötzlich inne. "Das Fenster war vor einem halben Jahr noch nicht offen", sagt er und deutet auf das zweite Stockwerk der Villa.Dort hat früher der Botschafter Nepals gewohnt, offenbar kümmert sich doch noch jemand um das Domizil. In Bestlage verkommen auf einem fast 2 500 Quadratmeter großen Eckgrundstück zwei großzügige Immobilien - die Residenz und die Kanzlei nebenan. Der Blick auf das Siebengebirge ist frei. Und gegenüber, auf der anderen Rheinseite, thront Schloss Drachenburg auf dem Drachenfels von Königswinter. In den Gärten ringsherum wuchern Sträucher und Gräser, das rostige Gerippe einer Schaukel ragt aus dem Grün, unter dem auch noch vage blau ein Swimmingpool schimmert.Nur noch den Grundstückspreis, etwa 650 000 Euro, könnte Münch für das Anwesen berechnen, da die Gebäude abgerissen werden müssten - Sanierung unmöglich. "Die Substanz ist marode, vermutlich im Innern von Schimmel verseucht", erklärt der Makler.Grundstücke wie das nepalesische sind für den Verfall bestimmt: In solchen von Kriegen und Bürgerkriegen zerrütteten Ländern gibt es niemanden mehr, der im Falle eines möglichen Verkaufs die Verhandlungen führen dürfte. "Selbst wenn ich einen Käufer hätte, wem sollte ich dann das Geld geben?", fragt Wieland Münch.Da es für Staaten wie Jugoslawien keinen legitimen Nachfolger gibt, kann die frühere Botschaft nicht veräußert werden. Ähnliches gilt für die Vertretungen Somalias, Äthiopiens oder des Iraks. Diese Grundstücke zu betreten, wäre dennoch eine Straftat: Sie haben auch heute noch den Status exterritorialer Gebiete.An der Bundesstraße 9 in Richtung Koblenz liegt die vielleicht bekannteste Ruine Bonns, die Botschaft Irans. Im Inneren wütet seit neun Jahren der Schimmelpilz. Vor sechs Jahren hat Münch das Gebäude zum letzten Mal in Augenschein genommen: "Mit dickem Mundschutz, alles andere wäre zu gefährlich für die Gesundheit." Regelmäßig, meist alle zwei Jahre, erhält er von der iranischen Regierung den Auftrag, ein neues Gutachten für diesen Bau zu erstellen. "Bald müsste der Anruf aus Teheran wieder kommen", vermutet er.Den Kaufpreis will Münch eigentlich nicht verraten. Es ist jedoch längst bekannt, dass die geforderte Summe bei 3,5 Millionen Euro liegt. Seit zwei Jahren, so verrät Münch, "liegt mir aber ein Kaufangebot von zwei Millionen Euro vor". Genau daran scheitern die meisten Verkaufsgespräche: "Preise werden nicht verhandelt: Sie werden uns von den Staaten diktiert", sagt Wieland Münch. "Und meistens sind sie, wie im Fall der iranischen Immobilie, viel zu hoch. Spielräume gewährt man uns nicht."Schwierig und langwierig verliefen auch die Verhandlungen mit der Regierung Saudi-Arabiens. Münch stand in Dauerkontakt mit dem Finanzministerium in Riad. Ein anstrengendes Bieterverfahren galt es zu bewältigen. "Wir mussten sogar Lebensläufe aller Interessenten hinschicken", erinnert er sich. "Und dann wurde ich nach Berlin in die neue Botschaft bestellt." Dort ließ man den Geschäftsmann stundenlang warten, bevor alles plötzlich ganz schnell ging und eine Entwicklungsgesellschaft den Zuschlag erhielt für die Botschafterresidenz, die 1897 erbaute Villa Stein mit einem mehr als 10 000 Quadratmeter großen Park und einem Zweithaus für Bedienstete.Wehranlage aus StahlbetonIn der ehemaligen saudischen Kanzlei am Rande des Stadtzentrums soll dagegen ein Hotel eröffnen. Soeben sind die Sichtschutzanlagen entfernt worden, Graffiti-Sprayer hatten sich dort an den Mauern ausgetobt. Schon in wenigen Wochen soll die frühere Nutzung nicht mehr zu erkennen sein, wie auch bei der benachbarten Botschaft Japans, in die das Frachtunternehmen der Deutschen Post eingezogen ist.Geradezu als Husarenstück gilt in der Branche der Verkauf der israelischen Botschaft, den die Bonner Maklerin Edith Bosau, 57, eingefädelt und nach mehr als drei Jahren abgeschlossen hat. "Als sämtliche Schutzvorrichtungen abgerissen waren, stand dort nur noch ein karger Rohbau", erinnert sie sich an den Beginn des Umbaus. Eine Wehranlage aus Stahlbeton hatte zuvor das Allerheiligste abgeschirmt. Deren Abbruch und die Entsorgung des bleiverseuchten Schutts sollen so viel Geld verschlungen haben, wie die Instandsetzung der gesamten Immobilie später gekostet hat. Zahlen aber nennen weder Bosau noch Münch.Ebenso wenig deutet darauf hin, dass eine Seniorenresidenz mitten im Regierungsviertel einst die Niederlassung der Republik Südkorea war. Geblieben sind allein der mächtige Lüster im Foyer und ein freundlicher Eintrag des letzten Botschafters im Gästebuch. Von ihm erzählt Michael Wenzel besonders gern. Wenzel ist Stadtführer und nimmt Schaulustige mit auf kleine Weltreisen quer durch seine Heimatstadt. Seit zwei Jahren organisiert der 47 Jahre alte Bonner in den früheren Regierungsvierteln Rundgänge zu den früheren Botschaften. Und Südkorea ist eine Station auf seinem Weg."Vom höchsten Balkon der Villa Camphausen hat der letzte Botschafter gern Golfbälle in die Parkanlage gedroschen", verrät Wenzel, der in der Diplomatie großgeworden ist: Seine Mutter ist Portugiesin, beide Eltern waren in der Botschaft beschäftigt. Am 1. Mai 1974 hat Wenzel hier die Feiern erlebt, nachdem die friedliche Nelkenrevolution die Diktatur in Portugal zu Fall gebracht hatte. "Da standen plötzlich Leute im Botschaftsgarten, die wir Jugendlichen nur aus dem Fernsehen kannten."1952 war Portugal das erste Land, das nach dem Krieg wieder diplomatische Beziehungen zu Deutschland aufnahm. Der Botschafter bezog Quartier in der herrlichen weißen Villa mit weitem Blick über den Rhein, zwölf weitere Vertreter seines Landes folgten ihm im Lauf der Zeit. "Der dreizehnte aber musste nach Berlin umziehen", sagt Wenzel. Er hofft, dass sich bald auch die Türen der chinesischen Botschaft für ihn auftun: Hinter den Zäunen an der Rigal'schen Wiese mitten in Bad Godesberg erstreckt sich eine ganze Kleinstadt - Gewächshäuser für chinesische Teepflanzen inklusive.Die bislang noch unverkäufliche syrische Botschaft ist ein weiterer Stopp auf Wenzels Touren, die er zu Fuß, mit dem Bus und neuerdings auch mit dem Fahrrad unternimmt. Das Interesse daran sei riesig und wachse stetig: Michael Wenzel begründet dies mit dem wirtschaftlichen Wachstum der Beethovenstadt im vergangenen Jahrzehnt: "Bonn hat durch den Wegzug der Regierung an die Spree keinesfalls verloren." Wer mit ihm unterwegs ist, erlebt die deutsche Geschichte stets von einer sehr persönlichen Seite.Unter den schon früh verkauften Gebäuden ist auch die Kommende in Muffendorf - ein Schloss von 1717, das einst den belgischen Botschafter und seine Staatsgäste beherbergt hat. Verantwortlich für den Handel ist erneut Wieland Münch. Und der erinnert sich prompt an einen etwas skurrilen Interessenten, der nur am Wochenende Zeit für Besichtigungen hatte und dann gestenreich Luxuswohnungen entwarf. "Eigentlich ist es nicht üblich, dass zu diesem Zeitpunkt schon die Bonität eines Klienten geprüft wird", erklärt der Makler. "Doch mussten wir dabei feststellen, dass dieser Mann ein Freigänger war, der nichts als Luftschlösser baute."------------------------------Foto: Für 3,5 Millionen Euro zu haben: die Botschaft der Islamischen Republik Iran im Stadtbezirk Bad Godesberg. Die luftigen Fassaden wahren noch den Schein, doch drinnen wütet der Schimmelpilz.Foto: Orientalische Pracht am Rhein. Die Räume der syrischen Botschaft sind dem Verfall preisgegeben. Aber Damaskus kann sich noch nicht zum Verkauf entschließen.