Fluxus, was ist das? Und wer war Robert Rehfeldt (1931-1993) aus Berlin-Pankow, von dem es heißt, er sei ein Fluxusmensch gewesen? Ein Fließender, der im Geiste Grenzen ignorierte - künstlerische wie politische. Ein sich in jeder Rolle, die das realsozialistische System ihm aufzwang, unangepasst, aber kreativ Gebärdender. Ein Observierter demzufolge. Und ein sich Verzehrender.Eine exzellent gemachte Ausstellung in der Galerie Parterre versucht, Antwort zu geben. Sie bringt uns den Zeichner und Maler des steinernen, mauerdurchzogenen Berlin nahe, den sprunghaften politischen Grafiker und Collagisten, den scharf und sensibel beobachtenden Fotografen und Filmemacher. Und vor allem den Mail-Artisten, diese rare Spezies in der DDR, deren Intentionen die enge, bornierte, traditionsschwere Kunstauffassung im Land unter der Käseglocke nicht zu folgen imstande war. Rehfeldt war in der engen DDR-Kunstszene ein Begriff, nicht aber für das Kunstausstellungen doch dauerfrequentierende "breite", mitdiskutierende, kollektivierte Publikum. Das nämlich stand eherratlos vor den subversiven Arbeiten dieses verkannten Meisters der Camouflage.Und so war Rehfeldt ein Künstler, der lieber mit Gleichgesinnten in aller Herren Länder auf Postkarten korrespondierte, von der Spree bis an die Weichsel, zur Donau und an die Moskwa, von da bis zum Colorado-Fluss und retour an die Seine. Rehfeldts ganzer schier unversieglicher Fluss von Mail Art quillt nun endlich einmal aus den überbordenden Archivkisten und Mappen des Nachlasses. Diesen bewahren die Familie und die Akademie der Künste.Die bemalten, codiert beschriebenen und gestempelten Postkarten und Briefe in und aus aller Welt geraten unter den von der Galerie-Decke hängenden Folien zu Gesamtkunstwerken. Eine Menge der Karten an Rehfeldt kamen aus Polen, etliche tragen den Absender Vostells, der sich wiederum bei seinem Freund Beuys bedient hatte. Andere schickten Künstlerfreunde wie Joachim John aus Mecklenburg und Oskar Manigk von Usedom. Oder sie alle erhielten Kunstpost von Rehfeldt, wo immer er sich gerade befand. Meistens in Ostberlin. Aber auf den Karten finden sich in großen Lettern Städtenamen wie Amsterdam, Paris, New York, Tokio: Traumziele. Und Provokation für den Observationsdienst der Staatssicherheit. Doch für diesen Fall hatte Rehfeldt auch eulenspiegelhafte Talente. Er begriff sich nicht als innovatives Genie, sondern als Künstler der flexiblen Zwischenformen, der stetig den Ort, die Fronten, die Spielart wechselnden Fluxuskunst. Fluxus (fließend) war 1962 als Kunstbewegung in Westeuropa entstanden, schwappte über den großen Teich, packte in den USA Kreative, Aktionsbereite, die via Kunst die Welt verändern Wollenden wie Emmett Williams, Nam June Paik, Robert Rauschenberg. Und Fluxus wanderte alsbald retour nach Düsseldorf und Westberlin, ergriff Joseph Beuys und Wolf Vostell, infizierte über den Eisernen Vorhang hinweg Künstler in Berlin, Dresden, Halle, Bitterfeld, Warschau, Prag und Moskau.Robert Rehfeldt schien nur auf diesen Bazillus gewartet zu haben. Der Österreicher pommerscher Abstammung war nach dem Krieg mit Idealen in die sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR eingewandert. Die neue Kunstrichtung, die Elemente des guten alten Dada enthielt, gab ihm jene Mittel in die Hand, mit der alsbaldigen Desillusion vom Sozialismus fertig zu werden. Er entwickelte eine Vielzahl von Projekten, wurde freilich, wie auch die Dresdner Mail-Art-Gruppe, die das pazifistische Schießscheiben-Projekt "Mobil ohne Auto" oder "Alles noch beim Alten?" durchführten, zum operativen Vorgang "Feind" der Staatssicherheit. Fluxus wurde für Rehfeldt und ähnlich arbeitende Künstler im Osten - anders als im Westen, wo Fluxus längst den Kunstmarkt bediente - zum Code. Damit zum offenen Versteck, in dem man spontan, mit Witz und Spaß an der Oberfläche spielte und so die Zensoren austrickste - und schließlich doch in einer Ausstellung landete. Zur Freude der Anhängerschaft, vor allem junger Künstler in der DDR, die seit den Siebzigern enthusiastisch begannen, Happenings und Performances abzuhalten und Mail Art zu betreiben.Die Gefahr für die eigene Existenz und den Aufwand an Energie können Fluxus-Exponate heute freilich kaum mehr sichtbar machen. Wohl aber den intellektuellen Witz, den Sarkasmus, die Wut und das Lachen. Und - immer wieder, in jedem Bild, in Wort und Stempel - die Utopie, die bei Rehfeldt lautete: "Deine Idee fördert meine Idee, unsere Ideen fördern andere Ideen."Galerie Parterre, Danziger Str. 101, bis 24. 2. Mi-So 14-20 Uhr. Am 7. 2., 19 Uhr: Weggefährten im Gespräch über Robert Rehfeldt, Moderation Thea Herold. Am 21. 2. 19 Uhr: Film über "Wir wären so gerne Helden gewesen", anschließend Gespräch mit Regisseurin Barbara Metselaar-Berthold und Friedrich Dieckmann.------------------------------Foto: Satirisches Selbstporträt in Kampfuniform, R.R. 1981.------------------------------Foto: (2) Rechts: Mail Art mit codierten Botschaften nach und aus Ostberlin, Brasilien, Schweden, Polen, Frankreich, Collage/Postkarte aus dem Archiv Rehfeldt.Links: Rehfeldtscher Neujahrsgruß an den Künstlerfreund Joachim John in Mecklenburg, Montage 1965, Objekt aus dem AdK-Archiv.