Geld, so pflegte Andy Warhol zu sagen, ist verdächtig: "Die Leute denken immer, man hat es nicht verdient, selbst wenn man es hat." Als jemand, der sich in seiner künstlerischen Arbeit für die Ikonen und Fetische der Konsumkultur interessierte, baute der 1987 gestorbene Pop-Art-Künstler auch die Dollar-Note in seine Kunst ein. Wie man heute sieht, mit großem Erfolg. Seine "200 One Dollar Bills" erreichten bei einer New Yorker Versteigerung im Winter 2009 rund 43 Millionen Dollar.Das Verhältnis zwischen Kunst und Geld ist seit den Sechziger Jahren, als Warhol seine Dollarnoten-Bilder produzierte, nicht entspannter geworden. Im Gegenteil. Immer heftiger kreist das Geschäft des Kunstmarktes um diesen, seinen dunklen Kern. Das Geld-Haben oder Geld-Nicht-Haben beschäftigt alle - gesprochen wird darüber aber nur ungern und wenn, dann meist nur hinter vorgehaltener Hand.Ökonomischer ImperativSo sind die Finanzen also ein doppeltes Thema für die Kunst: Einmal strukturell, im ganz grundlegend ökonomischen Sinn, müssen doch auch Künstler und Galeristen ihre Rechnungen und die Miete bezahlen. Und einmal als übergeordnetes, alles durchdringendes Medium, als ökonomischer Imperativ, dem immer mehr Lebensbereiche in der spätkapitalistischen Gesellschaft untergeordnet werden. Dem zu entfliehen scheint unmöglich."Geld" so schrieben es unlängst die Brüder Ralph und Stefan Heidenreich, "ist das alltäglichste, das uns bei jeder Gelegenheit, bei fast allem, was wir tun, umgebende Dispositiv."Wo aber fing alles an? Diese Frage schwingt in einer der ersten künstlerischen Arbeiten mit, die man in der Reception Galerie in der thematischen Geld-Ausstellung sehen kann. Die in Berlin lebende Künstlerin Lin May, geboren 1973, hat in der Art eines anthropologischen Schaubildes ("Neolith", 2010) die Genese des kapitalistischen Menschen entlang eines verschlungenen Zeitstrahls nachgezeichnet. Zunächst ist da der Sammler, dann kommt der Jäger, gefolgt von der Anwendung erster landwirtschaftlicher Techniken. In der Bildlogik des Digitaldrucks, der auf eine großformatige Scherenschnitt-Arbeit zurückgeht, tritt der "erste Kapitalist" als jemand ins Bild, der die Tiere versklavt und sie vor den Pflug spannt.Wie als Äquivalent für die fünf Weltreligionen hat May am linken Bildrand ebenso viele Währungszeichen angeordnet: ein US-Dollarzeichen, den chinesischen Yen, das englische Pfund, den neuen Schekel, den südkoreanischen Won und die bengalische Rupie: Kapitalismus als Religion, die alle kulturellen Unterschiede zu überbrücken vermag. An der rechten Seite klettern Statistik-Kurven empor: Auch an das ewige Wachstum wird mit religiöser Inbrunst geglaubt.Wie es mit dem kapitalistischen Menschen weitergeht, ist Mays Bild leider nicht zu entnehmen, doch dass das alles wie in einem Trichter nach unten sackt, wirkt zumindest bedrohlich.Fast heiter erscheinen hingegen mehrere ausgestellte Werke der 1973 in Karlsruhe geborenen und ebenfalls in Berlin lebenden Künstlerin Heike Bollig. In der Form eines Ziergestecks kommt die Installation "Zwei siebenundvierzig" (2009) daher: Aus einem mit Sand gefüllten Kupfertopf ragen dünne Metallstäbe, an denen wie bei Pflanzenstengeln kleine Blättchen nach unten hängen, die sich bei näherem Hinschauen als durch Löcher - wie bei einer Kette - verbundene kupferlegierte Euro-Cent-Stücke erweisen. Bolligs Arbeiten spielen mit der materiellen Qualität des Geldes ebenso wie der Realität der kleinen Beträge in der Berliner Ökonomie.Geistig verwandt ist ihr da der Dollarnoten-Übermaler Murad Khan Mumtaz, geboren 1980 und in Lahore und New York lebend. Mal schwärzt Mumtaz alle Flächen der symbolisch aufgeladenen Scheine bis auf die vielen verschnörkelten Rahmen. Mal behandelt er den Dollar so, dass wie auf geisterhafte Weise das Wasserzeichen sichtbar wird, bei einem nächsten Bild fügt er ein Stück Himmel ein, was dem Ganzen eine unerwartet heitere Note verleiht: Geld ist nicht heilig. Hört also bitte auf, es zu vergötzen.Gute Kunst kaufen!Im Büro der Galeristin lauert schließlich eine Edition des im kalifornischen Santa Monica lebenden John Baldessari auf dem Sockel: "I will not buy any more Boring Art" - "Ich werde keine langweilige Kunst mehr kaufen" steht in goldener Prägung auf dem Leder einer Geldtasche geschrieben. Wäre die Welt eine besserer Ort, wenn die Sammler sich daran halten würden? Diese Frage stellt sich. Zu der Geschichte gehören aber nicht nur Kunstkäufer, sondern auch diejenigen die sie produzieren und vertreiben.Hier zumindest stößt die Allmacht des Geldes - so scheint es - an ihre Grenzen. Solange man Geschmack nicht kaufen kann, wird es wohl Leute geben, die von Kunst etwas mehr verstehen als andere.------------------------------Kapital und künstlerische StrategienGalerie Reception, Kurfürstenstraße 5/5a (Schöneberg), Mittwoch bis Samstag von 11 bis 18 Uhr.Die von Christine Heidemann zusammengestellte Ausstellung versucht eine Annäherung an das Verhältnis von Kunst und Geld. Und versucht Antworten auf die Fragen: Wie gehen Künstler mit dem Geld um? Auf welche Weise integrieren sie ökonomische Zwänge in ihre Arbeiten? Wer spricht über die Finanzen und wer schweigt?Die Schau versammelt Arbeiten von Ian Anüll, Lin May, John Baldessari, Stephan Balkenhol, Heike Bollig, Georg Herold, Murad Khan Mumtaz, Katya Sander, Jens Ullrich und Annette Weisser.Die Ausstellung "Geld" läuft noch bis zum 5. März.------------------------------Foto: Hoheitszeichen: ein Geldstück von Stephan Balkenhol.Foto: Die Pyramide wird zum Wigwam: Der Künstler Murad Khan Mumtaz verändert mit seinen Tusche-Übermalungen den Zeichengehalt des Dollars.