Wie eine große Welle schlängelt sich das Shell-Haus am Reichpietschufer entlang und folgt dem Lauf des Landwehrkanals. Die cremefarbenen Travertin-Platten an der Fassade sind alle erneuert, am Eingang steht jetzt der Schriftzug "Gasag". Heute übergibt die Bewag als Eigentümerin das Shell-Haus der Gasag, die dort seit Anfang März ihre Unternehmenszentrale eingerichtet hat. Eine fast 20-jährige Debatte um die denkmalgerechte Rekonstruktion des Gebäudes findet damit ihren Abschluss. Um die Fassade originalgetreu zu gestalten, musste der italienische Steinbruch in der Nähe Roms extra wieder geöffnet werden. Liebe zum DetailEtwa 80 Millionen Mark hat die Sanierung gekostet. "Alles wurde mit viel Liebe zum Detail rekonstruiert", sagt Gasag-Sprecher Klaus Haschker. So finden sich auch überall Spuren des alten Shell-Hauses, das von Industriearchitekt Emil Fahrenkamp entworfen und nach 22-monatiger Bauzeit 1932 eröffnet wurde. Fahrenkamp musste damals aus Kostengründen auf die von ihm geplanten Bronzefenster verzichten und Stahlfenster einbauen. Sieben Jahrzehnte später wurde Fahrenkamps ursprünglicher Wunsch nun realisiert. Selbst die verwinkelten Messinggriffe an den Fenstern wurden erhalten oder aber durch Nachbildungen ersetzt.Im Foyer blieben die schwarzen Granitplatten auf dem Boden und der grün-schwarze Marmor an den Wänden erhalten. "Der Boden wirkt leider immer stumpf", sagt Reiner Lehnert. Er sitzt am Empfang, stellt Besucherkarten aus, dirigiert die Handwerker, die noch an vielen Stellen im Haus arbeiten oder begleitet Gäste zum Vorstand, der in der vierten Etage mit Blick auf den Landwehrkanal sitzt. Mehr hat Lehnert am Umbau wirklich nicht zu kritisieren. Er sieht sich als "gute Seele im Haus", ist aber manchmal auch "Prellbock für die Kunden", wie er sagt. Denn im Shell-Haus sitzen nur noch die fast 500 Beschäftigten der Verwaltung wie Rechtsabteilung, Marketing, Vertrieb und Rechnungswesen. Die Kundenbetreuung samt Abrechnungen wird mittlerweile von der Berliner Abrechnungs- und Servicegesellschaft BAS in der Littenstraße organisiert, in der jetzt 200 ehemalige Gasag-Beschäftigte arbeiten. Das wissen noch nicht alle Kunden. Viele reagieren sauer, wenn sie woanders hin müssen, sagt Lehnert. Den schönsten Blick haben die Mitarbeiter der Marketingabteilung in der 9. Etage. Sie schauen aus fast 40 Meter Höhe über den Großen Tiergarten oder hinüber zum Potsdamer Platz. "Der Blick ist super, wenn die Sonne scheint", sagt Susann Hiller. Nach dem Umzug habe sich alles verbessert, von der Ausstattung und Größe der Büros bis hin zur Kantine, sagt die Sekretärin. Zur Kantine mit 200 Plätzen wurde die ehemalige Garage unter dem Shell-Haus umgebaut. Durch den Raum, den die Gasag auch für Veranstaltungen und Vorträge nutzen will, ziehen sich Stahlträger. Ein Glasdach gibt die Sicht in den Innenhof des Komplexes frei. Die Denkmalpfleger legten Wert darauf, dass ein Teil des Stahlbodens mit eingelassenen Glasbausteinen gesichert wird. Der lichtdurchlässige Boden ist nun mit begehbarem Sicherheitsglas abgedeckt. Zur heutigen Übergabefeier erwartet die Gasag etwa 350 bis 400 Ehrengäste, unter ihnen der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, der französische Botschafter Claude Martin sowie der Chef von Gaz de France, Pierre Gadonneix. Gaz de France ist an der Gasag zu rund 31,5 Prozent beteiligt, ebenso wie die Bewag.SHELL-HAUS Vor zwei Jahren begann die Sanierung // Entworfen: Das Shell-Haus wurde von Industriearchitekt Emil Fahrenkamp konstruiert.Erbaut: Am Landwehrkanal wurde das Haus zwischen 1930 bis 1932 für die Rhenania Mineralölwerke aus Hamburg, einer Tochter des Shell-Konzerns, errichtet.Genutzt: Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, wurde das Shell-Haus seit 1946 von der Bewag genutzt und von ihr später gekauft. 1958 wird das Haus unter Denkmalschutz gestellt.Saniert: 1995 zieht die Bewag aus, drei Jahre später beginnt die Sanierung für die Gasag.