Die Gebäude des ehemaligen DDR-Rundfunks stehen leer / Alle Pläne für das Gelände sind bisher gescheitert: Vergessenes Land

OBERSCHÖNEWEIDE. Helmut Schärfen liebt sein Atelier. Hier habe er Ruhe zum Arbeiten und es koste nur ein Drittel dessen, was er sonst fürs Atelier bezahlen müsste, sagt der Maler. Seit drei Jahren arbeitet der 62-Jährige auf dem Gelände des ehemaligen DDR-Rundfunks an der Nalepastraße. Als er den knapp 30 Quadratmeter großen Raum mietete, waren die Einbauschränke neben den vergitterten Fenstern voller Aktenordner. "Das waren technische Zeichnungen, die Rundfunktechniker haben wohl West-Anlagen nachgebaut", sagt er. Schärfen ist zwar nicht der Einzige auf dem Rundfunkgelände, dennoch wirkt das gut 13 Hektar große Areal an der Spree wie ausgestorben. Denn die meisten der 40 Gebäude stehen leer. Wo früher 5 000 Menschen arbeiteten, sind es heute knapp 200 - Fotografen, Musiker, Tontechniker, ein Kfz-Mechaniker, ein Schlosser, ein Tischler, eine Friseuse. In einem Studio werden weiter Hörspiele produziert. Hinter einer Stahltür in der vierten Etage des Hauptgebäudes entsteht die Sat-1-Krimiserie "Edel und Stark". Hauptmieter auf dem Gelände ist das Filmorchester Babelsberg. "Das Orchester profitiert von der Qualität unserer Aufnahmesäle", sagt der Verwalter des Geländes, Dietrich Fischer von der Neue Länder Grundstücksverwertung und Verwaltungs GmbH (NLG). Jeder der vier Säle ist für eine andere Musikrichtung ausgerüstet - Sinfonien, Tanzmusik, Bigbands, Kammermusik. Auch Stardirigent Daniel Barenboim ist von der Akustik überzeugt, im großen Saal spielte er Wagners Lohengrin ein.Doch Verwalter Fischer ist unzufrieden. Die 1992 gegründete NLG soll das Areal verkaufen und das gelingt nicht. Es gehört wie alle Liegenschaften des ehemaligen DDR-Rundfunks den neuen Ländern, Berlin ist mit 8,5 Prozent Mitgesellschafter. Fischer: "Wir haben Berlin viele Angebote gemacht, aber die Politik hat alle abgelehnt."Es gab viele Pläne für das Rundfunkgelände: Mitte der 90er-Jahre sollte es eine Ausbildungsstätte der Polizei werden. Jahrelang wurde dafür geplant, dann fehlte plötzlich das Geld. Später sollte die Umweltverwaltung dorthin ziehen. "Als Mitarbeiter bemäkelten, dass es in der Nähe keine Shopping-Möglichkeiten gibt, war das Projekt gestorben", sagt Fischer. Ähnlich unwillig sei die Politik gewesen, als ein Standort für das Landesarchiv gesucht wurde. Oberschöneweide war zu weit weg. Das Archiv wurde in Wittenau angesiedelt, denn dort gibt es einen U-Bahn-Anschluss. Auch der geplante Zentralcampus für die Musikhochschule Hanns Eisler kam nicht zu Stande. Jetzt wird für die Schule ein zweiter, teurer Standort im Marstall in Mitte gebaut. Fischer: "Ich dachte immer, Berlin hat kein Geld, aber ein Zeichen fürs Sparen wird hier nicht gesetzt." In der Senatswirtschaftsverwaltung hält man die Kritik teilweise für gerechtfertigt. "Es ist nicht immer glücklich gelaufen mit dem Gelände", sagt Sprecher Christoph Lang. Aber es sei auch sehr schwer zu vermarkten, weil es mit Bus und Bahn schlecht zu erreichen ist. "Berlin ist eine Großstadt, da sollten ein paar Kilometer keine Rolle spielen, wenn man ein so schönes Areal hat", meint dagegen der Hörspiel-Autor Holger Siemann. Er organisiert das Festival "Nalepasound" am Wochenende im alten Funkhaus. 60 der besten DDR-Hörspiele werden dort präsentiert. Für Ortsunkundige hat Siemann Busse organisiert, die alle halbe Stunde am Hackeschen Markt losfahren: "Wir haben von dort für die Strecke nie länger als 17 Minuten gebraucht.""Ich kann mir hier auch ein Tivoli vorstellen. " Verwalter Dietrich Fischer.Das Funkhaus der DDR // Der Anfang: Seit 1946 wurde auf dem Gelände der ehemaligen Sperrholzfurnier-Fabrik in der Nalepastraße ein Rundfunkzentrum geplant. Dafür wurde das Fabrikgebäude aus den 30er-Jahren umgebaut, aufgestockt und mit einem acht-geschossigen Büroturm komplettiert. Am 31. 12. 1951 wurde die erste Sendung ausgestrahlt. 1952 nahm das Funkhaus seinen Betrieb auf.Die Sender: Der zentrale DDR-Rundfunk bestand aus sechs Sendern: Radio DDR I und II, Berliner Rundfunk, Stimme der DDR, Jugendradio DT 64 und der Auslandssender Radio Berlin International. Auf dem 13,4 Hektar großen Gelände an der Spree waren insgesamt rund 5 000 Menschen in etwa 40 Gebäuden beschäftigt.Das Ende: Am 31. 12. 1991 war der letzte Sendetag des DDR-Rundfunks. Bis zum Herbst 1995 waren auf dem Areal noch Teile des ORB, der privatisierte Berliner Rundfunk und Deutschlandradio Kultur tätig. Seitdem wurden einige der Gebäude abgerissen. Vier Bauten stehen unter Denkmalschutz.Das Überleben: Seit Dezember 2000 hat das Filmorchester Babelsberg in der Nalepastraße seinen Sitz. Eines der beiden Hörspielstudios wird weiter genutzt, der große Sendesaal, der für seine Akustik weltweit bekannt ist, für Orchester-Aufnahmen vermietet. Heute arbeiten etwa 200 Menschen auf dem Gelände. Die Neue Länder Grundstücksverwertung und Verwaltungs GmbH (NLG) sucht nach einem Käufer für den Komplex.Das Festival: Unter dem Motto "Nalepasound" findet am 20. und 21 Juni in den Hörspielstudios im Block B ein Festival statt. Hörspiele aus 40 Jahren DDR werden präsentiert. Informationen unter Tel. 44356750.Im Internet unter www. hoerfestspiele. de.BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF (3) Idylle mit Funkhaus: Hinter dieser Backsteinfassade entstehen Hörspiele und arbeitet das Filmorchester Babelsberg. Manchmal werden dort auch Filme gedreht - die letzten Buchstaben eines fiktiven Gymnasiums blättern gerade ab.Repräsentativ: Vom Foyer mit Säulen und Wendeltreppe kommt man zu den Aufnahmestudios der Musiker.Kreativ: Der Maler Helmut Schärfen in seinem Atelier. Er ist einer von rund 200 Menschen, die auf dem Gelände arbeiten.