Die Geburt des modernen Comics aus dem Zeitungskrieg - mit dem "Yellow Kid" erfindet der Karikaturist Richard F. Outcault 1896 ein neues Genre: Ein gelber Junge erobert New York

Der Typ ist doch kein Mann, sondern ein Mädchen!" - "Er sollte sich erstmal ein richtiges Leben zulegen!" Der Ton ist schroff zwischen den beiden Verlegern, die gegenwärtig um die Herrschaft auf dem New Yorker Zeitungsmarkt kämpfen. Auf der einen Seite: Arthur Ochs Sulzberger, Jr., jüngster Spross in der Verlegerdynastie der New York Times; auf der anderen Seite: Rupert Murdoch, international operierender Medienmogul, der 2007 das Wall Street Journal gekauft hat und nun mit einem neuen New Yorker Lokalteil die altehrwürdige Times vom Thron zu stoßen versucht.Dabei geht es natürlich vor allem darum, welcher Zeitungsverleger die besseren Ideen und Geschäftsmodelle für die Ära der Digitalisierung entwickelt. Auch in dieser Hinsicht hat der Zeitungskrieg zwischen Sulzberger und Murdoch ein historisches Vorbild: Schon einmal stand ein erbitterter Wettstreit zwischen zwei New Yorker Pressemogulen am Beginn einer neuen Zeitungs-Epoche. Die Ära der Boulevardpresse, der sensationsheischenden und wesentlich vom Anzeigenverkauf lebenden Zeitungen begann in den 1890er-Jahren mit dem Zeitungskrieg zwischen Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst.Pulitzer hatte 1883 die defizitäre New York World gekauft und zu einem - für damalige Verhältnisse - ungewöhnlich schrillen, sensationsheischenden Blatt gemacht. Der aufstrebende Pressezar Hearst, der zuvor den San Francisco Chronicle verlegt hatte, erscheint 1895 plötzlich auf dem New Yorker Markt, kauft das New York Journal und versucht fortan, der Konkurrenz mit noch grellerer Aufmachung, spektakuläreren Schlagzeilen und dubioseren Geschichten das Publikum abspenstig zu machen.Und mit einem eigenen Unterhaltungsteil. Anders als bislang, erscheinen die neuen Zeitungen zum Teil in Farbe; eine Qualität, die am besten in den sonntäglichen "Entertainment Features" zur Geltung gelangt, wo man neben den üblichen Skandalgeschichten auch eine Vielfalt farbiger Witzbilder und Karikaturen findet. Die meisten von ihnen schildern Szenen aus dem Leben der gerade erst in New York eingetroffenen europäischen Einwanderer; so auch die in der New York World erscheinende Serie "Down Hogan's Alley", in der der Karikaturist Richard F. Outcault Kinderstreiche in einem irisch geprägten Einwanderer-Slum zeigt.In der Hogan's Alley scheint es keine Erwachsenen zu geben, dafür ist sie von Horden von Kindern bevölkert, die die Gepflogenheiten und Riten der Erwachsenenwelt parodieren. So wird eine "Hundeschau" abgehalten, bei der sich natürlich keine Rassegeschöpfe, sondern räudige Straßenköter präsentieren; es gibt Modenschauen und anarchistische Golfturniere in viel zu engen Slum-Hinterhöfen.Immer wieder taucht dabei im Gewimmel der Kinder ein glatzköpfiger kleiner Junge mit Segelohren auf, der in einem viel zu großen Nachthemd steckt. Mal ist es grün, mal hellblau mit Punkten: Anfangs wechseln die Farben des Nachthemds noch wöchentlich; am 16. Februar 1896 sieht man es zum ersten Mal in der Farbe Gelb, in der es dann zum Markenzeichen der New York World werden soll.Ein gelber Junge: Das ist geradezu eine Sensation. Gelbe Farbe gab es in Zeitungen bis dahin nur selten zu sehen, denn bei der Entwicklung des Vierfarbdrucks erwies sich das Gelb als besonders widerspenstig. Es trocknet schlechter als andere Farben und verläuft auf dem holzhaltigen Papier in schwer zu kontrollierender Weise. Jahrelang haben die Drucktechniker mit den verschiedensten Mischungen und Stoffen experimentiert; Zwischenerfolge wurden regelmäßig von den immer höheren Anforderungen der neuen Rotationsmaschinen zunichtegemacht.Erst 1896 gelingt den Ingenieuren der New York World der Durchbruch: Mit einer spezifischen Talgmischung bringen sie das Gelb verlässlich in Form. Das Nachthemd von Outcaults kahlköpfigem Knaben wird nun wöchentlich in die neue Sensationsfarbe getunkt und verleiht dem bis dahin noch namenlosen Charakter eine ebenso sensationelle Identität: Als "stehende Figur" verbindet der Knabe die bislang disparaten Karikaturen zu einer Fortsetzungs-Serie; als "Yellow Kid" - "gelber Junge" - wird es zum Liebling des Publikums. Binnen weniger Monate erhebt Verleger Pulitzer es zu seinem Maskottchen: zur Identifikationsfigur und zum Pop-Star der Zeitung. Auf Plakaten und Reklametafeln wirbt das Yellow Kid für die Sonntagsausgabe der World, es werden Yellow-Kid-Puppen und Yellow-Kid-Spiele hergestellt. Das moderne Popkultur-Merchandising ist geboren; und es ist kein Zufall, dass die neue Boulevardpresse bald den Spitznamen "Yellow Press" erhält.Auch die erbitterte Konkurrenz der Konzerne um die besten Kaufanreize beginnt: Schon im Herbst des Jahres 1896 wird Zeichner Outcault von William Randolph Hearst für sein New York Journal abgeworben; fortan erlebt das "Yellow Kid" seine Abenteuer dort in einem Wohnviertel namens McFadden's Flats. Der verlassene Pulitzer heuert kurzerhand einen anderen Zeichner an, den jungen Karikaturisten George B. Luks, und lässt ihn die Abenteuer des gelben Jungen nahtlos in der New York World weiterzeichnen. Damit beginnt auch der erste Urheberrechtsstreit in der modernen Mediengeschichte: Ein New Yorker Gericht muss sich umgehend mit der Frage befassen, ob die Rechte an der Figur beim Künstler oder beim Verleger liegen - und entscheidet mit der in solchen Problemen bis heute vorherrschenden Ratlosigkeit: Die Rechte am Yellow Kid werden beiden Parteien zugesprochen, sodass bis in den Herbst 1898 zwei Inkarnationen des Knaben in verschiedenen Zeitungen verschiedene Abenteuer erleben.So löst der Zeitungskrieg zwischen Pulitzer und Hearst schließlich auch eine künstlerische Entwicklung aus, die bis in die Gegenwart reicht: Mit Richard F. Outcault und dem Yellow Kid beginnt die Geschichte des modernen Comic. "So etwas" wie das Yellow Kid - diese neue, in Serien dargebotene Form der visuellen Unterhaltung - wollen nun alle Boulevardzeitungen haben, am besten noch bunter und noch lustiger, und noch viel mehr davon. Die erfolgreichste Idee hat wiederum Hearst: Er beauftragt den deutschstämmigen Zeichner Rudolphe Dirks, eine Serie nach dem Vorbild von Wilhelm Buschs "Max und Moritz" zu entwickeln. Am 12. Dezember 1897 erscheint im Sunday Journal die erste Folge der "Katzenjammer-Kids": Sie handeln von zwei minderjährigen Rüpeln, die brutalen Unfug anstellen; beide tragen Holzbotten, der eine ist hager, der andere rund.Doch so unübersehbar Dirks seine Motive bei "Max und Moritz" abkupfert - so deutlich sind auch die Unterschiede zwischen den alten deutschen Lausbuben und ihren neuen amerikanischen Nachfolgern. In den Bildergeschichten von Busch werden zwar Bilder gereiht und mit geschriebenen Texten versehen. Doch bleiben die beiden Sorten von Zeichen stets voneinander getrennt. Im amerikanischen Comic rückt die Schrift hingegen dauerhaft in das Bild hinein: In Kommentartexten, Sprechblasen und Geräuschworten wird die geschriebene Sprache zum Bestandteil der grafischen Darstellung; umgekehrt erscheinen die einzelnen Comic-Szenen - die "Panels" - nunmehr wie Bausteine in einem Bildertext.Auch diese Entwicklung hat bei Outcault begonnen: Erst finden sich in seinen Zeichnungen nur kurze Kommentartexte auf dem Nachthemd des Yellow Kid, dann wuchert die Schrift zusehends über den Bildraum: auf Schildern und Plakaten, als Graffiti an Häuserwänden, aber auch in "unmöglichen" Formen wie beschrifteten Wolken oder Graffiti, die bei einem Strandausflug in eine Welle hineingekritzelt werden. Im Grunde wiederholt sich hier in den Kompositionen der Comic-Bilder, was auch das Layout der "Yellow Press" kennzeichnet: Die - für die europäischen Bildergeschichten und Zeitungen bis dahin gleichermaßen typische - Trennung von Schrift und Bild gilt nicht mehr. Die Buchstaben, die den Leser marktschreierisch anspringen sollen, gewinnen grafische Qualitäten; die Bild-"Unterschriften" wandern Aufmerksamkeit heischend in die Grafik hinein. In seinen späteren "Yellow Kid"-Comics macht Outcault regelmäßigen Gebrauch von der Sprechblase; in den "Katzenjammer-Kids"-Geschichten erfindet Dirks die grafisch ausgeschmückten Geräuschwörter ("Knall", "Bumm"), aber auch Geschwindigkeitslinien und visuelle Metaphern wie Sternchen, die einen brummenden Kopf symbolisieren.Bald finden sich in jeder amerikanischen Zeitung umfangreiche Comic-Beilagen. In der erblühenden amerikanischen Massenkultur stellen die Comics das erste Leitmedium dar; das ändert sich erst, als das Land flächendeckend mit Kinos versorgt ist und - in den 1950er-Jahren - das Fernsehen seinen Siegeszug beginnt. Bis in die 1930er-Jahre bleiben die Comics unzertrennlich mit dem Medium der Tages- und Wochenzeitungen verbunden: Sie erscheinen als großformatige, bunte Seiten in den Sonntagsbeilagen und, ab 1907, dann auch in den Werktagsausgaben als schmale, schwarz-weiße Streifen: "Comic-strips". Schon um die Jahrhundertwende findet man gelegentlich Comic-Hefte, doch sind dies stets Sammlungen von Zeitungs-Comics. Erst die Superhelden-Comics der späten 1930er-Jahre - "Superman", "Batman", "Captain America" - erscheinen von vornherein in Heftform, und erst in den 1970ern kommen Zeichner und Verleger auf die Idee, dass man Comics auch in der überkommenen Form gebundener Bücher herausbringen könnte: als "Graphic Novels".Inzwischen befinden wir uns mitten im nächsten Medienwandel, und immer mehr Comic-Zeichner entdecken nicht nur die Distributionsmöglichkeiten des Internet, sondern auch die ästhetischen Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man sich beim Zeichnen und grafischen Designen, beim Entwerfen von Bildertexten und Comic-Layouts nicht mehr an die Begrenzungen der gedruckten Seite binden muss. Doch egal, wer die kommenden Zeitungs- und Medienkriege gewinnt und wohin sich das Medium Comic noch entwickelt: Das Yellow Kid, der freche kahlknöpfige Knabe aus dem New Yorker Einwanderer-Slum, wird für alle Zeiten sein Ahnherr bleiben.------------------------------Foto: Yellow Kid aus der Comic-Serie "Down Hogan's Alley"Foto: OutcaultIn dem gerade erschienenen Buch "Outcault. Die Erfindung des Comic" erzählen Jens Balzer (Berliner Zeitung) und Lambert Wiesing (Professor für Bildtheorie an der Universität Jena) die Geschichte des "Yellow Kid" und untersuchen die kulturhistorischen Wurzeln der Comics. (Ch. Bachmann Verlag, Bochum/Essen 2010. 103 S., 16 Euro)