Ende November des letzten Jahres haben 21 Vorstandsvorsitzende großer deutscher Konzerne eine "Selbstverpflichtung" veröffentlicht. Als Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrise einigten sie sich auf ein "Leitbild für verantwortliches Handeln in der Wirtschaft". Der zentrale Satz lautet: "Vertrauen ist die Grundlage, ohne die unsere Wirtschaft dauerhaft nicht funktionieren kann." Entsprechend haben Banken und Konzerne vertrauensbildende Maßnahmen ergriffen; die UBS etwa, einer der entscheidenden Krisen-Mitspieler, hat einen neuen Verhaltens- und Ethikkodex für ihre Mitarbeiter aufgelegt. Das Ziel: das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen.Vertrauen ist eine semifiktionale Glaubenskategorie. Denn Vertrauen bezieht sich auf das Kommende, die Zukunft, braucht es also gerade dort, wo sich das Wissen der Überprüf- und Planbarkeit entzieht. In allen Religionen besetzt sie das Zentrum des Glaubens selbst: als Vertrauen darauf, dass sich das Geglaubte künftig als richtig erweist, dass aus dem Geglaubten Wissenstatsachen werden. Für das Wirtschaften, sei es mit Geld oder Waren, gilt dies genauso. Auch hier ist Vertrauen von systemerhaltender Kraft: Sein Schwinden würde heißen, das angenommene ökonomische Wissen in Zweifel zu ziehen. Das hätte den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems selbst zur Folge. Ökonomien ist deshalb, wie Religionen auch, eine Theodizee, eine Rechtfertigungslehre ihrer Glaubensgrundsätze eigen. Insofern ist die "Selbstverpflichtung" der Konzernchefs systemlogisch: Sie suchen den Glauben in unser Wirtschaftssystem zu erhalten.Allerdings ist diesem Glauben, wie jedem, "eine gewisse Unheimlichkeit" eigen. Das ist der Ausgangspunkt für einen glänzend geschriebenen Essay des Berliner Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl. "Das Gespenst des Kapitals" ist dabei vieles zugleich: Kulturgeschichte des Geldes, Wirtschaftstheorie, politische Philosophie. Billige Bankerschelte oder vorschnelle Kapitalismuskritik aber betreibt Vogl nicht. Er sucht zu verstehen, was "eine ökonomische Wirklichkeit überhaupt" ist, auf welchen Prämissen die moderne Finanztheorie basiert, welche Kräfte die Krise der letzten Jahre herbeigeführt hat. Und er tut dies in bewährter Aufklärungsmanier: Er entzaubert die "Wirtschaftswissenschaft, diese Glaubenslehre unserer Tage", indem er offenlegt, dass ihre basalen Annahmen eben Glaubens- und keine Wissenssätze sind. Das vornehmliche Argumentationsfeld Vogls ist darum die Rechtfertigungslehre der Ökonomie, die "Oikodizee".Es geht dabei um die "alte und unverwüstliche Überzeugung liberaler Ökonomie, dass das Marktgeschehen ein exemplarischer Schauplatz von Ordnung, Integrationsmechanismen, Ausgleich" ist, also einer "gesellschaftlichen Vernunft", die durch Krisen nicht widerlegt, sondern allenfalls kurzfristig gestört wird. Vor allem für diese Überzeugung einer selbstregulierenden, rationalen Marktvernunft werben die Verfechter liberaler Ökonomie um Vertrauen. Und sie ist es auch, die zum allgemeinen Glaubensgrundsatz geworden ist. Geglaubt wird dabei an die Macht einer "unsichtbaren Hand", die aus dem eigennützige Handeln des Einzelnen ein vernünftiges, dem Gemeinwohl der Gesellschaft dienendes Handeln der Vielen macht.Es gehört nun zu den großen Vorzügen von Vogls Essay, dass er dieser Überzeugung nicht mit moralischen Argumenten begegnet. Vogl zeigt vielmehr, dass die Vernunft des Marktes auf irrationalen Vermutungen, Gefühlen und Spekulationen basiert. Entscheidend für diese These ist eine Unterscheidung, die bereits Aristoteles eingeführt hat: die Differenz zwischen einer auf Warentausch basierenden Hauswirtschaft (Ökonomik) und der auf grenzenlose Vermehrung ausgerichteten Geldwirtschaft (Chrematistik). Diese Unterscheidung setzt eine Dynamik frei, die letztlich auch zur Finanzkrise geführt hat. Denn die Logik der Geldwirtschaft erlaubt den Handel mit Geld, das es nur vermuteterweise, nicht aber real gibt.Zwei einschneidende historische Ereignisse macht Vogl für diese Entwicklung fest. Zum einen den 1797 gefassten Beschluss des englischen Parlaments, die Bank of England von der Verpflichtung zu befreien, Banknoten in Münzgeld einzuwechseln. Mit diesem Schritt ins Imaginäre wurde das Vertrauen zur entscheidenden Kategorie: das Vertrauen darauf, dass die bunten Papierscheine auch in Zukunft noch wertvoll sind. Hier beginnt die Spekulation mit Krediten.Das zweite wegweisende Datum fällt auf den März 1973, als das Bretton-Woods-System aufgekündigt wurde. Im amerikanischen Bretton Woods hatte man sich 1944 auf die Bindung des Dollar an den Goldwert geeinigt. Mit dem Wegfall dieser Relation wurde die Finanzmarkt von der Realwirtschaft gelöst. Die Geldwirtschaft verwandelte sich in ein autopoietisches System, in ein "Regime frei flottierender Signifikanten". Das erlaubt den Derivatenhandel, in dem Kreditgeld endgültig kein Warengeld mehr ist, sondern auf reinen Risikokäufen basiert. Das Marktgeschehen wird damit, was sowohl seine Verteidiger als auch seine Kritiker bestätigen, zwangsläufig zum Rätsel, das Geld zum Gespenst, der Börsenhandel zu einer Wette, die dem Kaufverhalten eines Affen gleicht, "der mit verbundenen Augen Dartpfeile auf den Börsenteil der Zeitung wirft". Der Markt produziert folglich "systematisch Unvernunft", und der Kapitalismus tritt so unberechenbar und gespenstig wie ein Kunstwerk auf.Bereits in der ebenso lesenswerten Studie "Kalkül und Leidenschaft" (2002) hat Vogl diese frappierende Parallele zwischen ästhetischen und ökonomischen Logiken herausgearbeitet. Die Sprengkraft seines jetzigen Buches besteht aber darin, dass er die Grundüberzeugungen der Finanzwirtschaft als Glaubenssätze markiert. Er zeigt, dass der Gott der Märkte, das "freie Geld", eine Geschichte hat, die auf den Segen der Unvernunft vertraut.Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals. diaphanes Zürich 2010, 223 S., 14, 90 Euro------------------------------Foto: Reinemachen in der Wirtschaftswissenschaft: Joseph Vogl enzaubert den Finanzmarkt.