Die "German Angst" ist wieder da. Sie mag ein lächerliches Gefühl sein, doch selten war sie nützlicher als heute: Fürchtet euch!

Angst. Das ist derzeit das Schlüsselwort. In Deutschland, weil man nichts zu haben scheint als sie, und in Japan, weil man sie nicht zu haben scheint. Darum ist auch wieder von der "German Angst" die Rede. Die Deutschen pflegten ein besonders enges Verhältnis zur Angst, sie kultivierten sie geradezu. Sie liebten es, sich in ihr zu suhlen. Sie sähen in neuen Entwicklungen immer nur die Gefahr und nie die Chance. Darum zittere man im Augenblick mehr in Deutschland als in Japan.Das ist etwas vorschnell gedacht. Wir tun gut daran, die Angst in Deutschland nicht ganz so ernst zu nehmen. Das Gleiche gilt sicher auch für die scheinbare Angstlosigkeit in Japan. Es geht in beiden Fällen mehr um die Frage des öffentlichen Umgangs mit einer emotionalen Gemengelage. In Deutschland gehört es zum guten Ton, Angst zu zeigen - selbst dann, wenn man sie nicht hat. In Japan dagegen gilt: Angst wird - unter keinen Umständen - gezeigt. Beides sagt wenig darüber, wie groß die Angst ist, die man wirklich hat.Bei der Freudigkeit, mit der man sich in Deutschland zur Angst bekennt, handelt es sich nicht um einen tief verankerten Zug des Nationalcharakters. Im Kanon der preußischen Tugenden spielt die Angstbereitschaft wirklich keine Rolle. "Kerls, wollt Ihr ewig leben!", soll Friedrich II. 1757 in der Schlacht bei Kolin seine fliehenden Soldaten angeherrscht haben. Die "German Angst" ist eine junge Errungenschaft. Ein Produkt der Nachkriegszeit. Der Begriff ist noch jünger. Er entstand aus der tiefen Verwunderung der Angelsachsen darüber, dass die Deutschen, die noch eine Generation zuvor ganz Europa unterwarfen, nun, da man sie darum bittet, ihre bewährte Kampfkraft einzusetzen für die gemeinsame Sache, so sehr zögern, Truppen bereitzustellen. Der Begriff diente dazu, sich lustig zu machen über die, die vom Planeten Venus waren, wo sie doch endlich wieder zu den Marsianern gehören durften.So durchsichtig die Genese und die politische Instrumentalisierung dieses Begriffes auch sein mag - tatsächlich ist aber wohl doch etwas an der Sache dran. In Deutschland spricht es sich leichter von der Angst als anderswo. Das liegt nicht an dem Siegeslauf des Psycho-Slangs der Betroffenheit. Den gab es in den USA eher noch stärker. Die Rede von der Angst hat in Deutschland einen sehr spezifischen Grund.Angst unterscheidet sich von Furcht. Man fürchtet etwas. Angst hat man. Die Furcht weiß, wovor sie sich fürchtet. Sie kann nach Gegenmitteln Ausschau halten. Sie kann sich rüsten. Die Angst kann das nicht. Die Angst weiß nicht, woher sie kommt. Sie weiß nicht, wie ihr zu begegnen ist. Die Angst ist das Gefühl des hilflos Ausgeliefertseins. Ein Gefühl, das Menschen wahrscheinlich überall auf der Welt immer wieder haben und hatten. Was also ist deutsch daran?Die Verwandlung der Angstgefühle in eine bekämpfbare Furcht ist wahrscheinlich eine der wesentlichen Aufgaben der Vergesellschaftung. Seit wir in Horden bei- einander sitzen, geht es immer auch darum, der diffusen, unkontrollierbaren Angst zu Leibe zu rücken, indem man ihr Ziele bietet, gegen die wir uns austoben können. Das gelingt immer wieder grandios. Nach den terroristischen Überfällen des 11. September 2001 bot die Bush-Regierung einer bis in die Tiefen ihres Selbstverständnisses getroffenen Nation sehr schnell einen Feind an, der zwar nichts mit den Anschlägen zu tun hatte, dafür aber desto leichter greifbar war. Ein in seiner Vaterrolle zutiefst angeschlagener Thilo Sarrazin analysiert nicht sich und wie es dazu kam, dass er und seine Frau einen Hartz-IV-Empfänger heranzogen, sondern er schlägt ein auf die Ausländer, die samt ihren Nachkommen dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegen.Die Angst wurde erfolgreich in eine Furcht verwandelt. Wir tun das ganz privat, und wir tun das organisiert. Wir tun das meist mit großem Erfolg. Nicht, was die Lösung der Probleme angeht, aber wir entgehen so der Angststarre: der Unfähigkeit, angesichts des erwarteten Schreckens überhaupt noch irgendetwas zu tun. Je größer die Angst, desto wichtiger scheint es, überhaupt etwas zu tun. Irgendetwas. Das galt immer und gilt überall. Was ist es also mit der "German Angst"?Die Deutschen haben erlebt, dass der wahre Schrecken nicht die anderen, sondern sie selbst sind. Sie haben das nicht nur erlebt. Das tun Menschen aller Nationen jeden Tag auf der Welt. Sie haben lernen müssen, das zu akzeptieren. Sie wehrten sich lange dagegen. Bis sie merkten, dass es ihr Schaden nicht war, anderen und vor allem auch sich einzugestehen, dass das Schlimmste am Zweiten Weltkrieg nicht die Bombennächte waren, sondern der von Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg selbst. Was deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg taten, was die SS tat, waren Taten, die im Einzelnen nicht schlimmer gewesen sein mögen als die Taten in anderen Kriegen oder in anderen Umständen. In Deutschland aber waren sie System. Jeder war Teil einer Mordmaschine. Er musste nicht morden dafür.Das ist das Eine. Das Andere, Wichtigere noch, ist die Erfahrung, dass aus jedem Menschen ein Ungeheuer werden kann. Nein, nicht aus jedem. Manche sind es auch in den schlimmsten Situationen nicht geworden. Aber man konnte lernen, dass man nicht weiß, wie der andere sich verhalten wird. Dass man - das vor allem - nicht weiß, wie man selbst sich verhalten wird.Dieses Wissen hat man nicht, weil man die Erfahrung gemacht hat. Dieses Wissen hat man, weil über die Erfahrung nachgedacht, weil man mit ihr konfrontiert wurde, weil man - das zuerst - nicht massakriert wurde, wie man selbst massakriert hatte, sondern weil man am Leben gelassen wurde und einem die Chance, die berühmte zweite Chance gegeben wurde. Dieses Wissen erwirbt man nicht beim Lesen auf der Couch. Es wird nicht dankbar aufgenommen, sondern unter Schmerzen erworben. Von denen, die in den Spiegel sehen und in sich den jungen Mann wiedererkennen, der seine Kraft einsetzte für die Vernichtungsfeldzüge der Nazis. Aber auch von deren Kindern, die lernen mussten, dass die geliebten Eltern, der verständnisvoll im Polstersessel sitzende, Kreuzworträtsel lösende Onkel, der stets Zeit hatte für den kleinen Neffen, einst begeisterter Gauleiter war.Die "German Angst" ist nichts anderes als das Wissen darum, dass die Gefahr, die von draußen drohen mag, nicht die einzige, ganz sicher nicht die wesentliche ist. Die "German Angst" ist das sichere Gefühl, dass die wirkliche Gefahr von innen kommt. Sie ist unbeherrschbar. Denn sie zu beherrschen setzte voraus, dass wir uns im Griff hätten, und die Angst rührt ja gerade daher, dass wir die Gewissheit haben, dass uns das zwar immer wieder einmal gelingen mag, dass es aber darauf ankäme, dass es uns immer gelänge. Das aber, wissen wir, ist unmöglichDass wir das wissen, ist glücklichen Umständen zu verdanken. Japan zum Beispiel, das ja auch einer reeducation unterworfen wurde, hatte diese Möglichkeit nicht. Hiroshima hinderte Japan daran. Aus dem Täter wurde ein Opfer. Nicht nur in den eigenen Augen, sondern auch in den Augen der anderen. Auch in Deutschland hat es nicht an Versuchen gefehlt, die Geschichte vom Ende umzuschreiben. Die Vernichtung deutscher Städte durch die Bomber der Alliierten oder die Vertreibung von Hunderttausenden sollten immer wieder dazu herhalten, die Deutschen als die wahren Opfer des Zweiten Weltkrieges darzustellen. Das gelang nicht. Das lag sicher nicht an den Deutschen. Das lag am Druck der Völker der Welt.Die größte Gefahr für die Menschheit war von Deutschland ausgegangen. Natürlich ist der Tod kein Meister aus Deutschland. Aber für einen welthistorischen Augenblick lang, für ein paar mörderische Jahre, sah es so aus. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis dieses Wissen Eingang fand in das Selbstverständnis der zweiten deutschen Republik. Je stärker der Kampf um dieses Selbstverständnis wurde, desto stärker wuchs die deutsche Angst.Das Ausland nahm es gerne als eine neue Spielart der deutschen Hysterien wahr. Die größten Kriegstreiber gaben sich jetzt als jede Untat hinzunehmen bereite Pazifisten. Die Deutschen fürchten die Kernenergie, die in Japan als Heilsbringer begrüßt wird. Wir wundern uns darüber. Wir tun das freilich nur, solange wir vergessen, dass Hiroshima für Japan nicht das Menetekel des Atomzeitalters, sondern das eines entfesselten Krieges ist. In Japan geht es nicht um das Atom, sondern um die Bombe. Sie kommt von außen. Sie ist in Japan das, was der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, ihr 1957 attestierte: die Weiterentwicklung der Artillerie.In Deutschland kommt das Atom nicht von außen. Es hat uns ja auch nicht als Bombe erreicht. Es ist vielmehr die radikalste Form des Bösen in uns. Wir bestehen aus Atomen. Wir glauben zu ahnen, welche verhängnisvollen Energien freigesetzt werden, wenn wir die spalten. Wir haben nicht erst Angst vor der Bombe. Uns langt schon die Strahlung. Das ist gewissermaßen bundesrepublikanische Mythologie.Aber es gibt einen rationalen Kern darin, der uns die "German Angst" begrüßen lässt. Wir fürchten etwas, Angst haben wir. Erinnern wir uns an den ehemaligen Verteidigungsminister der USA. Donald Rumsfeld erklärte: "Es gibt bekanntes Bekanntes; es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es bekannte Unbekannte gibt: Das heißt, wir wissen, es gibt Dinge, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte - Dinge also, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen." So sprach Rumsfeld am 12. Februar 2002 auf einer Pressekonferenz, die klären sollte, was es denn mit den nicht auffindbaren Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins, dem vorgeblichen Kriegsgrund, auf sich habe. Die Angst ist die vor den unbekannten Unbekannten. Wir fürchten die bekannten Unbekannten. Gegen sie schützen wir uns mit Jodtabletten, mit Mundschutz, mit "erdbebensicherer" Statik, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln unseres Verstandes, unserer Technik. Das beruhigt.Die "German Angst" ist das, was sich damit nicht beruhigen lässt. Die Erfahrung, dass, wenn wir uns selbst so unbekannt sind wie sich erwiesen hat, wir niemals so tun können, als gäbe es nicht hinter all den bekannten Bekannten und den bekannten Unbekannten nicht doch noch unbekannte Unbekannte. Wir haben nicht nur die Erfahrung gemacht, dass mit uns nicht - und darum mit niemandem und mit nichts - zu rechnen ist. Wir haben diese Erfahrung verinnerlicht, in ein Gefühl überführt, das uns bewahrt vor gar zu großer Gewissheit über den Gang der Geschichte.Bei den meisten unserer Tätigkeiten spielt es keine Rolle, ob es unbekannte Unbekannte gibt. Jeder Arzt hat erlebt, dass Patienten, um die er kämpfte, starben. Manche wissen, dass es in dem einen oder anderen Fall möglich gewesen wäre, den Patienten am Leben zu halten, wenn sie besser Bescheid gewusst hätten. Fehler kommen vor. Das Problem bei der Kernenergie - nicht nur dort - ist nicht, dass Fehler vorkommen. Das Problem ist, dass keine Fehler vorkommen dürfen. Denn die Folgen eines Fehlers können hier irreparabel katastrophal sein. Wer sich hinstellt und sagt: Kernenergie ist sicher, der lügt. Er müsste wissen, was die Zukunft bringt. Er müsste es gesellschaftlich und geologisch wissen. Er müsste garantieren können, dass es ein sicheres Endlager gibt, die Zukunft der Welt müsste über die nächsten mindestens einhunderttausend Jahre für ihn ein bekanntes Bekanntes sein. Wenn die "German Angst" Witz hätte, würde sie die, die von Sicherheit reden im Zusammenhang mit Atomkraftwerken, in einem großen Gelächter - spätestens an den Wahlurnen - untergehen lassen.Aber, was reden wir von den nächsten einhunderttausend Jahren. Kernkraftwerke sind nicht nur Technik. Sie setzen eine gesellschaftliche Infrastruktur voraus, einen Stand gesellschaftlicher Kontrolle, den man allenfalls in Spitzenzeiten der Menschheitsentwicklung erreicht. Wer kann denn ernsthaft garantieren, dass wir in fünfzig Jahren - angesichts all unserer Probleme - noch in der Lage sein werden, ein Kernkraftwerk verantwortungsvoll zu führen? Und nun gar Länder, die deutlich bedrohlicher auf der Kippe stehen als das Mutterland der "German Angst"?Die mag ein lächerliches Gefühl sein. Aber sie hat uns geholfen, wach zu sein gegenüber der Tatsache der unbekannten Unbekannten. Eine Gesellschaft, die ihnen nicht Rechnung trägt, bringt sich um. Wir sind nicht darauf geeicht, mit dem unbekannten Unbekannten zu rechnen. Niemand ist das. Gerade darum darf man es nicht darauf ankommen lassen. Wenn das Restrisiko darin besteht, dass wir draufgehen dabei, dann sollten wir einfach die Finger davon lassen und die Leute, die uns in dieses Risiko hineintreiben wollen, zu den Physikern in Dürrenmatts Anstalt stecken.Es ist viel die Rede davon, Japan habe eine neue Sachlage geschaffen. Das ist wahr. In Japan hat es solche Unfälle noch nicht gegeben. Aber wie viel neue Sachlagen brauchen wir noch? Die Lage ist alles andere als kompliziert. Sie ist von archaischer Übersichtlichkeit. Man hat uns eine Technologie aufgedrückt, die - geologisch und historisch - nur in einem sehr engen Korridor funktioniert, die aber über völlig unübersichtliche Zeiträume eine vollkommene Kontrolle voraussetzt. Das ist menschenunmöglich. Für das Jahr 2045 hat Ray Kurzweil vorausgesagt, dass Computer den gesamten Verstand dieses Globus in einer einzigen Singularität zusammenbringen werden. Vielleicht hilft uns - wer ist dann uns? - das noch einmal über ein paar Jahre, aber Verlass ist darauf auch nicht: Rumsfelds unbekannte Unbekannte.Man kann mit dem unbekannten Unbekannten keine Berechnungen anstellen, man kann auch keine Politik damit machen. Es lässt sich nicht manipulieren. Es wählt nicht. Nichts naheliegender also, als die Augen davor zu verschließen, weil sich ja nichts darüber sagen lässt. Das ist aber Selbstmord, wenn man Kapazitäten bereitstellt, die einhundertprozentige Kontrolle voraussetzen. Aber selbst auf die bekannten Unbekannten sind wir nicht eingestellt. Was heißt erdbebensicher, wenn man hinzufügen muss, bis zu welcher Stärke des Erdbebens diese Sicherheit gilt? Das wäre doch nur dann sinnvoll, wenn man wüsste, dass es stärkere Beben nicht geben wird. In diesem Fall war es anders. Jeder Geologe wusste, dass es stärke Beben durchaus geben kann. Die statistische Häufigkeit ist eine Größe für Wettbüros. Wenn es um die Sicherheit geht, hat die Statistik draußen zu bleiben.Sicherheit an erster Stelle, sagt die Kanzlerin. CSU-Chef Horst Seehofer erklärte gar in seiner Begründung für die Abschaltung von Isar 1, es gehe nicht mehr um die Wahrscheinlichkeit eines terroristischen Angriffs aus der Luft. Allein, dass die Möglichkeit zweifellos vorhanden sei, reiche aus für das Schließen der Anlage. Er hat recht. Aber warum schließt er dann nicht alle Kernkraftwerke? Die Möglichkeit einer Panne, eines Angriffs, einer woher auch immer herrührenden Beeinträchtigung des so anspruchsvollen und absolut nicht fehlertolerablen Betriebs ist überall gegeben. Merkels Sicherheit an erster Stelle und Seehofers Möglichkeit statt Wahrscheinlichkeit sind keine Argumente gegen einzelne Kernkraftwerke. Es sind Argumente gegen die Kernenergie.Es sind keine neuen Argumente. Japan hat eine neue Sachlage präsentiert. Aber keine neuen Erkenntnisse. Auch wem "German Angst" völlig abgeht, konnte diese Argumente seit Jahrzehnten vertreten. Und hat es getan. Die Bundesregierung hat diese Argumente abgelehnt. Sie sprach und spricht von der Sicherheit deutscher Kernkraftwerke. Sie spricht davon, als handele es sich um beliebige technische Anlagen, die nach einer ordentlichen Prüfung durch den TÜV zuzulassen seien, als habe der TÜV Kenntnisse über das, was uns die Zukunft bringt. Auch nach drei Monaten werden das weder der TÜV, noch die Betreiber, noch die Politik, noch wir wissen. Das ist kein Argument gegen uns. Sondern das zentrale Argument gegen diese Technologie. Sie setzt eine Sicherheit voraus, die es in Wahrheit nicht gibt. Es gibt sie prinzipiell nicht.Reden wir noch einmal über die Bombe. Es ist ja nicht so, als ginge von ihr keine Gefahr aus. Als sei nicht vielmehr das Risiko einer atomaren Auseinandersetzung - angesichts der deutlichen Vermehrung der Atommächte - dann doch ebenso unkontrollierbar und von noch viel mehr unbekannten Unbekannten abhängig als die sogenannte friedliche Nutzung der Kernenergie. Man sehe sich einen kleinen Ausschnitt aus einem Interview, das NBC 1965 mit dem Chef des Manhattan-Projekts, mit Robert Oppenheimer, (1904-1967) führte, an: http://www.atomicarchive.com/Movies/Movie8.shtmlOppenheimer beschreibt die Reaktionen der Wissenschaftler, als am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico um halb sechs in der Frühe die erste Atombombe gezündet wurde: "Wir wussten, die Welt würde nicht mehr dieselbe sein. Einige lachten, einige weinten, die meisten waren stumm. Ich erinnerte mich an einen Vers aus der Bhagavadgita, der heiligen Schrift der Hindus. Der Gott Vishnu versucht den Prinzen dazu zu überreden, seine Pflicht zu tun. Um ihn zu beeindrucken, nimmt der Gott seine vielarmige Gestalt an und sagt: 'Nun bin ich der Tod, der Zerstörer der Welten.' So dachten wir mehr oder weniger alle, nehme ich an."Es ist interessant, dass es diese Stelle in der Bhagavadgita nicht gibt. Oppenheimer lässt ein Wort weg, das - wenn man auf die Frage der friedlichen Kernenergie kommt - ganz zentral ist. Im 11. Gesang der Bhagavadgita lautet der 32. Vers: "Der höchste Herr sagte: Zeit bin ich, die Zerstörerin der Welten". Die Atombombe zog die Zeit auf den Bruchteil einer Sekunde zusammen. Oppenheimer hatte ganz recht, sie wegzulassen. Die Bombe zerstört im Augenblick. Die friedliche Kernenergie entfaltet ihre tödliche Wirkung mit der Zeit. Wir mögen sie ein paar Jahre lang kontrollieren können. In Wahrheit aber haben wir keine Kontrolle über sie. Denn die Zeit, die wir nicht haben und über die wir nicht verfügen, ist die Zerstörerin der Welten. Da war die Bhagavadgita klüger als Oppenheimer, der sich einen Augenblick in der Rolle des Weltenherrschers Vishnu sah und daran fast zerbrach. Man muss sich den kleinen Film ansehen. Man sieht, wie Oppenheimer die Stimme versagt, und dann sieht man ihm eine Träne die Wange hinunterlaufen.Die Herren, die heute die Atomkraft in Gang setzen, vergießen keine Tränen. Sie haben auch nicht das Gefühl, ganze Welten zu versenken. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Fach und machen dort ihre Arbeit. In den besten Fällen machen sie die, so gut sie können. Jede Kritik wird als Kritik der Ahnungslosen an ihrer Kompetenz abgewehrt. Da unterscheiden sie sich nicht von den Ärztekammern oder Journalistenverbänden. Das eben ist das Gefährliche. Die Kernenergie ist zu wichtig, sie den Spezialisten zu überlassen. Sie ist dazu auch zu gefährlich.Solange wir sagen, Japan habe die Situation total verändert, solange haben wir die Situation nicht verstanden. Wenn in Japan das Schlimmste nicht eintritt, werden wir hören, dass die Kraftwerke etwas dickere Decken brauchen, dass sie auf eine Erdbebenstärke von 9,5 eingestellt werden, dass die Kühlsysteme verbessert werden müssen. Und dass man das alles tue. Wenn dann Wissenschaftler oder Bürgerinitiativen - ein altmodischer Ausdruck, eine altmodische Einrichtung, aber was sind wir froh, dass es sie gibt! - nachrechnen und feststellen, dass die Betreiber dafür Hunderte von Millionen, gar Milliarden Euro ausgeben müssen, und wenn wir dann fragen, ob das denn geschehe, dann wird man uns vertrösten. Bis zur nächsten Katastrophe.Welche Experten überprüfen in den kommenden drei Monaten die Sicherheit der Kraftwerke? Was wird untersucht? Die Pumpen? Schaut man aus nach Rissen? In den Gebäuden oder in der Gesellschaft? Die Techniker sind zuständig für das bekannte Bekannte. Es ist gut, das zu untersuchen. Wird es einen TÜV geben für das Personal? Kann es einen TÜV geben für die Gesellschaft? Nicht jede ist kernanlagentauglich. Wir müssen es aber sein, wenn wir uns einlassen auf die Kernenergie, und wir müssen es die nächsten einhunderttausend Jahre lang sein. Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber dem seit Jahrzehnten gepflegten Mantra von der Sicherheit weiß ich nichts entgegenzusetzen als das Mantra von der Unsicherheit. Die Erfahrung, dass wir uns noch so wappnen können gegen alle Gefahren. Wir wappnen uns stets nur gegen die Gefahren, die wir kennen, und da ist noch die andere Erfahrung, die gravierendste von allen. Die Erfahrung, dass wir uns nicht wappnen können gegen unseren größten Feind, gegen uns selbst. Wir wollen das vergessen. Wir wollen ihn loswerden, den Blick in den Abgrund, der wir selber sind. Robert Oppenheimer aber wusste noch "Ich bin der Tod, der Zerstörer der Welten."Um 1950 herum, erzählt Ian Morris in seinem wunderbaren, soeben auf Deutsch erschienenen Buch "Wer regiert die Welt?", betrachtete der Physiker Enrico Fermi in Los Alamos zusammen mit drei Kollegen amüsiert einen Cartoon im New Yorker, der fliegende Untertassen und ihre Bewohner zeigte. Fermi fragte sich, wo sind die Außerirdischen? Denn selbst, wenn nur ein verschwindender Bruchteil der 250 Milliarden Sterne unserer Galaxie intelligentes Leben hervorbrächte, müsste es, meinte er, wimmeln davon. 1967 beantwortete Carl Sagan Fermis Frage. Es sei ganz einfach, erklärte er, wann immer auf irgendeinem Planeten intelligente Lebewesen in der Lage waren, alles Leben zu vernichten, dann dauerte es keine einhundert Jahre, bis sie es taten.------------------------------Foto: In Deutschland gehört es zum guten Ton, Angst zu zeigen - selbst dann, wenn man sie nicht hat. In Japan dagegen gilt: Angst wird - unter keinen Umständen - gezeigt. Beides sagt wenig darüber, wie groß die Angst ist, die man wirklich hat.