Heike Wiese, 45, ist Germanistik-Professorin an der Universität Potsdam. Die Sprachwissenschaftlerin, die in Kreuzberg lebt, forscht über die Jugendsprache in Stadtbezirken, in denen viele Menschen unterschiedlicher Herkunft leben.Frau Professor Wiese, was heißt: "Machst Du rote Ampel."Der Satz stammt aus einer unserer Studien. Dort hatte ihn ein Jugendlicher gesagt, der seinen Freund davor warnte, bei Rot über die Straße zu gehen. Das nenne ich Kiezdeutsch.Was ist Kiezdeutsch für eine Sprache? Ein Jugendslang, der in Berliner Innenstadtbezirken gesprochen wird?Nein, Kiezdeutsch wird nicht nur in Berlin gesprochen, sondern generell in mehrsprachigen Wohngebieten in deutschen Städten. Kiezdeutsch könnte man als neuen deutschen Dialekt bezeichnen, mit dialektalen Eigenarten in Aussprache, Wortschatz, Grammatik. "Ich" wird zum Beispiel häufig zu "isch" wie in "Isch geh jetzt Viktoriapark". Gleichzeitig wird der Wortschatz erweitert, und zwar nicht nur mit Wörtern aus dem Englischen. Ein Satz wird dann mit "wallah" im Sinne von "echt" abgeschlossen. Das kommt aus dem Arabischen und heißt wörtlich "bei Allah", so wie wir "Gott sei Dank" sagen. Oder "lan", das kommt aus dem Türkischen und bedeutet "Kerl". In der Jugendsprache heißt das dann: "Komm mal her, lan!" Aber natürlich auch "Komm mal her, Alter!"Wer spricht Kiezdeutsch?Es ist keine Mischung aus Deutsch und Türkisch. Oder Deutsch und Arabisch. Jugendliche unterschiedlicher Herkunft sprechen das untereinander im gemeinsamen Alltag.Wieso sprechen auch Jugendliche, die ausschließlich Deutsch als Muttersprache haben, diesen seltsamen Dialekt?Diese Jugendlichen leben in mehrsprachigen Wohngebieten, haben dort Freunde. Ich denke nicht, dass türkischstämmige Jugendliche mit Kiezdeutsch angefangen und andere das nachgemacht haben. Das war von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt. Fast alle Jugendlichen, die Kiezdeutsch sprechen, sind in Deutschland geboren. Sie sprechen mit ihren Eltern vielleicht noch zusätzlich Türkisch, Kurdisch oder Arabisch oder eben Deutsch. Mehrsprachige Jugendliche sind offener für Sprachspielereien und sprachliche Veränderungen, deshalb ist Kiezdeutsch so etwas wie ein Turbo-Dialekt, in dem grammatisch besonders viel passiert. Aber dieser neue Dialekt ist fest im Deutschen verankert.Aber dieser neue Dialekt setzt sich über die grammatischen Grundregeln der deutschen Sprache hinweg. Für viele steht Kiezdeutsch vor allem für Sprachverfall.Nein, unsere Sprache verfällt nicht, wenn in ihr ein neuer Dialekt entsteht, Das Spektrum des Deutschen wird reicher. Kiezdeutsch hat eine eigene Dialektgrammatik wie andere Dialekte auch, mit grammatischen Regeln. So, wie sie zum Beispiel im traditionellen Berliner Dialekt "meiner Mutter ihr Hut" sagen können, aber nicht "meiner Mutter sein Hut", so können sie zum Beispiel in Kiezdeutsch sagen "Danach ich treff mich mit Sarah.", aber nicht "Ich danach treff mich mit Sarah."Wird eine Sprache nicht ärmer, wenn man die Artikel oder anderes weglässt?Es stimmt, dass in Kiezdeutsch manchmal kein Artikel steht, wo wir im Standardschriftdeutschen einen verwenden würden. Aber in unserer Umgangssprache lassen wir auch häufig die Artikel weg. "Sie müssen Alexanderplatz umsteigen", sagen wir dann. Oder wir verkürzen den Artikel und sagen, "hast du 'n Handy dabei?" Da ist der Artikel auch kaum noch zu hören. Und auch das sogenannte "Hochdeutsch" ist nur eine Variante, und grammatisch nicht "besser" als Dialekte wie Berlinisch oder Kiezdeutsch. Solche Dialekte und ihre Sprecher werden aber oft negativ bewertet.Wie meinen Sie das?Schon vor knapp 30 Jahren wurde von der Freien Universität die Einstellung der West-Berliner zum Berlinischen untersucht. Da fielen dann so Begriffe wie "Putzfrauen-Sprache" oder "schnodderig". Das wurde als Sprache der Unterschicht verstanden.In Ost-Berlin war das sicher anders.Mag sein. Generell ist in Deutschland das Standarddeutsch - also die Schul- und Schriftsprache - sehr nah am Sprachgebrauch der Mittelschicht. Ein anderer Sprachcode wird dann nicht als eigener Dialekt wahrgenommen, sondern gilt schlicht als falsch. Das ist aber eine soziale Bewertung.In Berlin gibt es generell das Problem, dass jeder achte Neuntklässler Schwierigkeiten hat, deutsche Texte lesend zu erfassen.Wie erfolgreich ein Schüler ist, wird aber nicht davon beeinflusst, ob er im Freundeskreis auch noch Kiezdeutsch spricht. Niemand spricht nur Kiezdeutsch, sondern beherrscht außerdem auch noch andere sprachliche Stile und Varianten - so wie Sie und ich ja jetzt auch anders sprechen als abends beim Bier mit Freunden. Eine Kreuzberger Lehrerin sagte vor Kurzem zu mir: "Manche unserer Schüler sind hervorragend im schriftlichen Ausdruck, andere müssen noch viel lernen. Aber Kiezdeutsch sprechen sie alle." Wir haben viele Anfragen von Lehrern, die sich intensiver mit Kiezdeutsch beschäftigen wollen.Wird Kiezdeutsch auch aus einer Protesthaltung heraus gesprochen? Will man sich abgrenzen?Nein, man will eher zu einer Gruppe von Gleichaltrigen dazugehören. Und natürlich grenzen sich die Jüngeren von den Älteren ab, in dem sie Jugendslang sprechen."Isch mach dich Messer" heißt es im Kiezdeutschen. Wird da nicht ein Gangster-Gehabe auch noch sprachlich artikuliert?In jedem Dialekt können Sie drohen. Wenn man im Berlinischen sagt "Ick stech da ab", oder wenn ein Bayer sagt, "Schleich di, du Saupreiß, sonst fangst oane", dann ist das auch nicht netter. Bei Kiezdeutsch denken aber viele nur an solche Inhalte, die mit Gewalt und Bedrohung zu tun haben. Das hat mit dem Dialekt nichts zu tun, sondern mit den Einstellungen gegenüber den Sprechern und den Erwartungen, die wir von ihnen haben.Wie flirtet man auf Kiezdeutsch?So wie in anderen Dialekten auch. Selbst die Bayern können doch nicht nur "Saupreiß" schreien.Sie haben auch untersucht, ob in Hellersdorf auch eine Form von Kiezdeutsch gesprochen wird.Hellersdorf haben wir ausgesucht, um zu sehen, inwieweit sich Jugendsprache in Wohnvierteln mit hohem und niedrigem Migrantenanteil unterscheidet. In Hellersdorf wird eher der traditionelle Berliner Dialekt gesprochen.Wie sind Sie überhaupt auf dieses Kiezdeutsch aufmerksam geworden?Ich bin vor ein paar Jahren im M29er-Bus die Glogauer Straße in Kreuzberg langgefahren. Da habe ich Jugendliche gehört, die offenbar gerade Schulschluss hatten. Die riefen sich was zu. Als Sprachwissenschaftlerin fand ich das sehr interessant, weil da ganz neue Satzkonstruktionen verwendet wurden.Wird Kiezdeutsch in den Innenstadtbezirken in der Zukunft das Berlinische überlagern?Ich könnte mir vorstellen, dass es sich weiter verbreitet. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, nimmt zu. Ob es allerdings den Status einer Jugendsprache verliert und dann auch im höheren Alter gesprochen wird, kann ich nicht abschätzenDas Gespräch führte Martin Klesmann.------------------------------Flotte SprücheMusstu du hier anhalten.Die hübschesten Frauen kommen von den Schweden. Isch meine so blond so. ("So" vor und nach dem Schlüsselwort)Und da stand und hat mir seine Hand gegeben. Wallah. (Wallah kommt aus dem Arabischen und heißt echt.)Eye, rockst du, lan. (lan kommt aus dem Türkischen und heißt Kerl.)Gibs auch ne Abkürzung? (Gibt es wird zu gibs zusammengezogen.)Isch mach dich Urban. (Androhung von körperlicher Gewalt, die in der Folge einen Aufenthalt im Kreuzberger Urban-Krankenhaus nötig machen könnte)Wir sind jetzt neues Thema.Morgen ich geh Kino. (Satzstellung von Wörtern ist verschoben.)Früher war er so wie uns. (Uns statt wir)Ja, ich aus Wedding. (Das sogenannte Kopulaverb bin fällt weg.)------------------------------Foto: Heike Wiese ist Germanistik-Professorin an der Universität Potsdam. Sie forscht dort am Zentrum "Sprache, Variation, Migration". Derzeit arbeitet Wiese mit der Hector-Peterson-, der Ossietzky- und der Robert-Koch-Oberschule in Kreuzberg an einem Projekt zum Kiezdeutschen, Motto: "Lassma Sprache erforschen". Dadurch sollen Schüler nichtdeutscher Herkunft mit den Variationsmöglichkeiten der deutschen Sprache vertraut gemacht werden und sich womöglich für ein Germanistik-Studium entscheiden.