Hellmuth Karasek war einmal zu Gast in der Prominentenvariante von Günther Jauchs Millionenquiz und sollte die Frage beantworten, welche deutsche Universität die älteste sei. Der in Brünn geborene Karasek setzte, auf seine Lebensgeschichte vertrauend, auf Prag, wurde aber prompt korrigiert, die richtige Antwort, hieß es, laute Heidelberg.Karasek erzählt die Anekdote bei der gestrigen Eröffnung der Ausstellung "Die Gerufenen" im Kronprinzenpalais Unter den Linden, die an 800 Jahre deutsches Leben in Mittel- und Osteuropa, in den Westkarpaten, im Donauraum und Galizien erinnern will. Und erklärte, er habe doch recht gehabt bei Jauch; die Prager Universität wurde 1348 gegründet, Heidelberg erst 38 Jahre später, im Jahr 1386, nur sei das wohl der Wahrnehmung entschwunden. Bezeichnend vielleicht, dass RTL die Sendung nie ausgestrahlt hat.Die Ausstellung stammt vom Zentrum gegen Vertreibungen (ZGV), jener Stiftung, die spätestens seit der Ausstellung "Erzwungene Wege" über Flucht und Vertreibung in Europa vor drei Jahren im Zentrum der geschichtspolitischen Debatten steht. Vor allem aber erregten die erbittert geführten Auseinandersetzungen um die ZGV-Präsidentin Erika Steinbach und ihre Kandidatur für einen Sitz im Rat der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Aufgabe der Stiftung ist die Errichtung eines mehr oder minder regierungsamtlichen Dokumentationszentrums, das unter dem Titel "Sichtbares Zeichen" der Flüchtlingsbewegungen in Europa gedenken soll. Und eben auch der Vertreibung - oder politisch entschärft: der erzwungenen Wege Deutschstämmiger östlich der Oder-Neiße-Linie nach dem 2. Weltkrieg. Nach heftigen Protesten, vor allem aus der SPD und Polen, wo Steinbach, freundlich gesagt, als rotes Tuch gilt, zog diese ihre Kandidatur zurück. Seither haben sich die Gemüter etwas beruhigt, auch wenn der Bund der Vertriebenen (BdV), dem Steinbach auch vorsitzt, darauf verzichtet hat, einen neuen Kandidaten vorzuschlagen und den dem Verband zustehenden Sitz in der Stiftung symbolisch unbesetzt halten will. Auch deswegen: keine Veranstaltung des Zentrums gegen Vertreibungen ohne politischen Verdachtsmoment.Als Erika Steinbach und danach der Kulturstaatsminister Bernd Neumann zur Eröffnung der Ausstellung sprechen, kommen von ihnen all jene politisch korrekten - aber eben auch richtigen - Sätze über Nationalsozialismus, Verbrechen, Schuld und Verantwortung Deutschlands, die den Vertreibungen vorausgingen. "Nur ein offener Dialog kann die Wunden der Vergangenheit heilen", sagt Neumann. Von Revisionismus auch bei der BdV-Vorsitzenden Steinbach keine Spur; aller Argwohn führt hier in ein Nichts, das weiter die eigenen Vorurteile pflegen will.Sehr wohl verfolgt Erika Steinbach auch diesmal ein politisches Ziel. "Nicht wenige Menschen in Deutschland glauben, dass die heute hier lebenden Vertriebenen mit Feuer, Schwert oder Hitlers Panzern ihre Heimat gewaltsam erobert haben", sagt sie. Die deutsche Siedlung gen Osten, im Baltikum, Siebenbürgen oder Bessarabien erstreckt sich über Jahrhunderte, vollzog sich zumeist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, war weitgehend frei von nationalistischen Motiven und geschah fast immer friedlich. Die Menschen, die später vertrieben wurden, hatte man einst angelockt - eben daran wollen "Die Gerufenen" erinnern.Das Ergebnis selbst ist, wie so oft bei politisch-historischen Schauen, eher leselastig. Viele Texttafeln sind zu bewältigen. Umso dichter drängen sich die Besucher um einige glanzvolle Exponate, die von Vitalität und kulturellem Reichtum deutscher Auswanderer zeugen. Zu sehen sind nordböhmische Trink- und Kurgläser mit Bäderansichten aus dem 19. Jahrhundert. Besonders eindrucksvoll ist das in roten Samt gehüllte, koffergroße "Corporationsbuch der Fraternitas Baltika" des Rigaer Politechnikums. Es findet sich auch Platz für das vielsagend Unauffällige, so das "Theaterprogramm der Liebhaberbühne des deutschen Geselligkeitsvereins Frohsinn" in Lemberg von 1917.Was durch diese Stücke und die zahlreichen Schwarzweiß-Aufnahmen an den Wänden schon allzu offensichtlich wurde, sagt die Ausstellung selbst: "Deutsches Leben in den hier vorgestellten Regionen ist weitestgehend Vergangenheit." Die Erinnerung der Hinterbliebenen daran ist allzu wohlig bittersüß, als dass daraus ein aktives politisches Programm für die Zukunft drohte. Die versammelten Goldrähmchen im Kronprinzenpalais sind sehenswert, bestätigen das aber nur.Der politische Subtext ist in Wahrheit ein ganz anderer, brandaktueller. "Die Gerufenen" gibt es nämlich im politischen und wirtschaftlichen Standortwettbewerb des 21. Jahrhunderts mehr denn je. Es sind die Hochqualifizierten, etwa die sogenannten "Computer-Inder", die Deutschland mit Green Cards anlocken wollte, die aber dann, ähnlich den Auswanderern des 19. Jahrhundert, sich lieber in die USA rufen ließen. Oder die Altenpflegerinnen, die hierzulande fehlen und deswegen aus Polen oder Rumänien von Ost nach West wandern sollen. Andersherum wieder suchen die skandinavischen Länder oder Kanada nach deutschen Handwerkern, versprechen die Schweiz und Österreich deutschen Ärzten bessere Arbeitsbedingungen und höhere Gehälter. "Die Menschen wurden gerufen, angeworben, ja angelockt durch mancherlei Vergünstigungen" sagt Erika Steinbach, bezogen auf Siedlungsbewegungen vor 200 Jahren. Der Satz gilt heute aber nicht minder. In der Europäischen Union wird um die günstigsten Steuertarife für internationale Unternehmen gerangelt, versucht die Politik überall ein "günstiges Investitionsklima" für Arbeitsplätze zu schaffen, ergeht eine Aufforderung nach der anderen: Seid willkommen - wenn ihr etwas mitbringt. Sonst erfolgt der Rückruf, die Abschiebung, nicht minder entschlossen.Die Erinnerung an die "Namen, die keiner mehr kennt", wie ein berühmtes Buch Marion Gräfin Dönhoffs hieß, ist richtig und gut. Die politische Debatte sollte sich auf die Gerufenen und Verstoßenen der Gegenwart konzentrieren.Ausstellung bis zum 30. August im Kronprinzenpalais. Unter den Linden 3, geöffnet tgl. 10-20 Uhr.------------------------------"Deutsches Leben in den hier vorgestellten Regionen ist weitestgehend Vergangenheit." Aus dem Katalog------------------------------Foto: Alltag in den Westkarpaten: das Dorf Cisnadiora bei Sibiu (Hermannstadt).------------------------------KORREKTURDifferierende Ansichten über die älteste Universität Deutschlands trugen der Kritiker Hellmuth Karasek und der Sender RTL nicht im "Prominentenquiz" aus, sondern in der Pilotsendung zur "5-Millionen-SKL-Show". Anders als die Rezension über "Die Gerufenen" vom 16. 7. auf Seite 29 suggeriert, war die Sendung nie zur Ausstrahlung bestimmt, stellt Karasek richtig. (22.07.2009)