Das Messer war scharf und zerschlitzte im Nu die Leinwand. Rembrandts "Nachtwache" schien am Mittag des 6. September 1975 heillos zerstört, das Personal des Rijksmuseums war fassungslos: Ein arbeitsloser Lehrer aus Haarlem hatte das Bild Rembrandts - 1642 auf der Höhe seines Ruhmes für die Amsterdamer Schützengilde gemalt - mit dem Küchenwerkzeug traktiert. Als die Polizei den Attentäter festnahm, schrie er, Christus habe ihn gesandt. Restauratoren brauchten zwei Jahre, um das Meisterwerk zu rekonstruieren.Religiösen Wahn attestierten auch Münchner Psychologen einem Mann, der im Herbst 1959 Rubens Monumentalgemälde "Höllensturz der Verdammten" in der Alten Pinakothek mit einer Abbeizlösung zu Leibe gerückt war. Er bezeichnete sich nach der Verhaftung als Gottesgesandter, der die Geißel des Krieges von der Menschheit nehmen wollte. Der Mensch liebe es, so Dostojewski, schöpferisch tätig zu sein und Wege anzulegen. "Wie kommt es, dass er auch Zerstörung und Chaos so leidenschaftlich liebt?" Über Anschläge auf Kunst berichten lange Kapitel der Ikonoklastie (Bilderstürmerei), durchzogen von Spuren der Verwüstung, sei es durch individuellen Terror, sei es durch religiös oder politisch legitimierte Zerstörungssystematik. Einzelne Psychopathen und Fanatiker, die mit dem Angriff einen Akt der Selbst- oder Welterlösung verbinden, haben im antiken Kunstzerstörer Herostratos ein Vorbild ihrer Taten. Im Jahr 356 vor Christus soll der Mann den Artemis-Tempel in Ephesus - eines der Weltwunder des Altertums - in Brand gesteckt haben. Die Überlieferung bezeichnet ihn als einen Verwirrten, der sich als Gelehrter ausgab und Prominenz erheischte. Die moderne Psychologie behauptet, solche Untaten verschafften den Attentätern Genugtuung und Entspannung. Bilder, Skulpturen und Objekte seien für die Täter so etwas wie Personen, an denen sie sich vergehen oder stellvertretend für etwas rächen würden.Das Panoptikum der Sendungsbewussten ist breit gefächert: So kippte vor zwölf Jahren in der Alten Pinakothek ein Mann Säure über drei Dürer-Gemälde. Der Täter wollte "Zeichen setzen" in der Rentenpolitik. Vor einigen Jahren ging ein Mann im Petersdom zu Rom vor den Augen der Besucher auf Michelangelos marmorne Pietà mit Hammer und Fäusten los. Er behauptete, der "neue Jesus" zu sein und bezeichnete die kindliche Madonna als Teufelswerk. Im MoMA New York schrieb ein Fanatiker 1974 mit roter Farbe "Kill All Lies" über eine Vorarbeit zu Picassos "Guernica" und begründete den Angriff auf das wohl politischste Motiv des Künstlers als "revolutionäre Tat". Damals glaubten Kunstwissenschaftler, der Attentäter habe im Museum als säkularisierter Kirche, wo die Wirkung politischer Kunst immunisiert oder nur als "Gesinnungsdevotionalie für den Postershop" benutzt werde, eine Liturgie aufbrechen wollen. Nicht selten bekennen Attentäter besonders enge Beziehungen zum Objekt ihres Wahns: Als ein Medizin-Student 1982 in der Neuen Nationalgalerie zu Berlin auf Newmans "Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?" mit einem Rohr einschlug, will er das aus Angst ge- tan haben. Er hat- te die Provokation des Farbfeldmalers wörtlich genommen.Nur vier Jahre später schnitt ein Mann in Amsterdam die Version Nr. 3 des Newman-Werkes in Streifen. Der Psychopath wurde zwar behandelt, aber als er 1997 freikam, attackierte er im Stedelijk Museum Newmans blaue "Cathedra". Aus Versehen, wie sich herausstellte, eigentlich galt sein abermaliger Angriff dem schon einmal zerstörten, aber restaurierten Gemälde. Er hatte es nur nicht gefunden. So sehr sich die Motive der Angriffe auch gleichen mögen, es sind Einzelfälle. Kunstzerstörung "in höherer Mission" gab es jedoch bereits in der Antike, im alten Byzanz, im Römischen Reich und während der christlichen Kreuzzüge. Die Quellen berichten vom Bildersturm der Wiedertäufer und Calvinisten und von rauschhaften Vandalenakten der französischen Kommunarden in den königlichen Schlössern. Die Bilderstürme der Geschichte dienten zur Legitimation oder Definition der jeweiligen Macht. Die Annullierung der prägenden Bilder beglaubigt den Machtwechsel. Ein Verfahren, das mit der Aktion "Entartete Kunst" und mit der Bücherverbrennung im Dritten Reich ihre exzessivste, zugleich systematischste Form erlangte.Wird ein Kunstwerk als Machtsymbol oder Objekt religiöser Normierung interpretiert, scheint die Möglichkeit eines Angriffes zu gegebener Zeit beinahe legitimiert. Ist die Symbolik durch die neuen politischen Verhältnisse überholt, wird sie gekippt, entstellt, zerstört und entsorgt, wie das Berliner Stadtschloss, das Ulbricht vor 50 Jahren sprengen ließ. Als jüngeres Beispiel dient der Abriss der Granitstatue Lenins auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen im Berliner Osten nach der Wende. Die Skulptur wurde damals zerlegt und im märkischen Sand verbuddelt, als müsse ein böser Geist entsorgt werden. Derartige Zerstörungen gab es schon im Altertum, noch aus dem Mittelalter sind Vorfälle bekannt, wo Köpfe von Herrscherstatuen vergraben wurden. Sie dienten als Ersatz für den Angriff auf bestimmte Personen, die man so zu beerdigen glaubte.Inzwischen gibt es Tendenzen in der Kunstgeschichte, solches Vorgehen nach heutigen Wertmustern nicht mehr als puren Vandalismus zu sehen, sondern als Bekenntnis zur Verwerfung, zur Bruchfläche, zum Fragment. Wenn Lucio Fontana seine Leinwände zerstach, Rauschenberg eine Zeichnung von de Kooning ausradierte oder Arnulf Rainer Bilder anderer Künstler übermalte, waren das kalkulierte ästhetische Demonstrationen. Neuzeitliche Ikonoklastie kommt jedoch auch als Populismus oder Tölpelei daher: In Kassel wurde soeben die documenta-Treppe abgerissen, weil sie Bürgern und Stadtvätern zwar vor Jahren teuer, mittlerweile aber ein Dorn im Auge war. Als unfreiwilliger Witz kursiert jener Vorfall, wo Museums-Putzfrauen Beuys-Arbeiten pflichteifrig als Müll entsorgten.Wie verhält es sich aber mit einer besonderen Spezies von Attentätern, die ihre Anschläge frappierend intellektuell erklären. "Um Kommunikation mit Malewitsch" ging es angeblich jenem Mann, der 1997 in Moskau das Bild "Suprematismus" mit einem Dollarzeichen besprühte. Die Psychiater hatten es mit einem überraschend klar denkenden Patienten zu tun, der seine Tat begründete als "Akt des Dekonstruktivismus", sich auf Vorbilder berief - eben auf Malewitsch, der "alle Stile brennen lassen" wollte, "als wären sie ein Leichnam". Nicht zuletzt auf Duchamp, der es - glücklicherweise nur verbal - für möglich hielt, "einen Rembrandt als Bügelbrett zu verwenden". Bildersturm als Gedankenspiel.Gesetzeshüter wie Museumsleute machten bis heute die Erfahrung, dass Kunstwerke selbst bei modernster Sicherheitstechnik und größter Umsicht des Personals nicht vollständig zu schützen sind. Absolute Sicherheit hieße, Kopien in die Museen zu hängen und die Originale in Bunkern zu verwahren. Solche Vorstellungen, bereits vorgetragen auf internationalen Museologenkongressen, sind freilich noch beängstigender als einzelne Attentäter.Psychopathen und Fanatiker haben im antiken Kunstzerstörer Herostratos das Vorbild ihrer Taten.AKG/AUSSCHNITT Rembrandt malte "Die Nachtwache" 1642 im Auftrag der Amsterdamer Bürgerwehr. 1715 kam das Bild ins Rathaus, weil es für den Saal aber zu groß war, wurde es damals links und rechts rigoros beschnitten.