Sirkka Remes erinnert an eine Szene aus einem alten Fellini-Film. Ein Bahnhofsvorsteher, vielleicht 1,50 Meter groß, steht auf dem Bahnsteig, adretter Frack, Gamaschen, das Monokel in die Augenhöhle geklemmt, der Bart gezwirbelt, das Haupt hoch erhoben, die Brust stolz geschwellt. Der Zug fährt ein, die Schuljungen an den Fenstern schneiden Grimassen, strecken dem kleinen Mann aus der Unerreichbarkeit des Zugabteils von oben herab die Zungen heraus, und der bekommt einen Wutanfall, der angesichts seiner Körpergröße nicht viel mehr ausrichtet als ein Tischfeuerwerk. "Die Clowns des Alltags" nannte Fellini seinen Film. Und wenn Sirkka Remes beschreiben soll, wie der Clown in ihr ist, dann könnte sie diese Fellini-Figur beschreiben: "Auf der Bühne", sagt sie, "kann ich unheimlich böse werden." Und dabei unheimlich komisch.Sirkka Remes steht breitbeinig im zweiten Stock einer alten Schule in Mitte. Sie trägt Jeans und keine Schuhe, im rechten Strumpf ist ein kleines Loch. Ihre Haare sind so hell, die Haut so blass, dass sie fast durchsichtig wirkt - oder unscheinbar. Der Raum riecht nach Staub und Putzmitteln, Farbe blättert von der Decke, das alte Glas in den Fenstern lässt die Bäume draußen verschwimmen. Ein paar Stühle stehen an der Wand, daneben ein Tisch. Der Raum im Theaterhaus Mitte ist billig, ein paar Euro pro Stunde. Sirkka schaut durch ihre Brille den vier Kursteilnehmern zu, wie sie kleine Szenen improvisieren. Sie heißen Thomas, Anna, Johanna und Caroline. Nur Anna probiert an diesem Tag das erste Mal aus, ein Clown zu sein, sie ist eigentlich Tänzerin. Die anderen treffen sich immer mal wieder in Workshops, spielen Straßentheater. Thomas arbeitet für einen Berliner Verein, der gerade dabei ist ein Clownsensemble aufzubauen.Vor ein paar Jahren hat Sirkka Remes entdeckt, dass ein Clown in ihr steckt. Geahnt hat sie es vielleicht schon früher. Wenn sie etwa in den Supermarkt ging, die automatischen Schiebetüren öffneten sich, um den Kunden Einlass zu gewähren und just wenn Sirkka Remes hindurchgehen wollte, hakte etwas in der Elektronik und sie prallte gegen die Glasscheibe. Sie wusste nicht, warum solche Dinge passierten. Sie merkte nur, dass da eine unfreiwillige Komik an ihr war, die sie selber zum Lachen brachte, vor allem aber die Menschen um sie herum.Sirkka Remes wurde in Finnland geboren, in einer kleinen Stadt im Osten, umgeben von Seen und Wäldern. 20 000 Einwohner, eine wie am Reißbrett angeordnete Ansammlung von Neubauten, die aus der Luft aussehen wie Bauklötze und praktisch sind für Menschen, die älter werden. Davon gab es viele in Lisalmi. Die jungen gingen in die Städte im Süden. Auch Sirkka Remes, sie floh vor der Langeweile nach Vaasa an die Universität, studierte erst Kommunikation, dann Literatur und begann nebenbei für eine kleine Tageszeitung zu schreiben. Journalistin wollte sie werden, eine die um die Welt reist, oder zumindest, so wie ihre Freundin, Interviews mit Musikern und Künstlern führte. Aber Sirkka Remes ließ man Jubiläen und Goldene Hochzeiten besuchen. Sie schrieb nicht schlecht und bekam ein paar Jahre später sogar eine eigene Kolumne, doch wann immer sie etwas Ernstes schreiben wollte, sagte der Chef: "Sirkka, mach lieber etwas Lustiges, das kannst du am besten."Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Frankreich gezogen. Sie hatte dort mal einen Austausch mitgemacht, in Aix-en-Provence gelebt, das Land hatte ihr gefallen, und nun war sie in Toulouse und besuchte Schauspielkurse. Es gefiel ihr, auf der Bühne zu stehen. Sie war schüchtern, andere auf sich aufmerksam zu machen, traute sie sich oft nicht. Auf der Bühne war das Rampenlicht auf sie gerichtet, ohne dass sie etwas dafür tun musste. In einer kleinen Truppe studierten sie die frühen Stücke von Fassbinder ein. Im Sommer ging sie zurück nach Helsinki und putzte Häuser, um Geld zu verdienen.Nach ein paar Jahren zog sie weiter nach Paris, schrieb ihre Doktorarbeit über einen marokkanisch-jüdischen Schriftsteller und bewarb sich bei Schauspielschulen. Sie wurde abgelehnt. Aber die Zuschauer lachten, wann immer sie auf die Bühne trat. Irgendwann sagte ein Freund: "Vielleicht solltest du ein Clown werden." Sirkka Remes wählte die Komik nicht selbst. Die Komik wählte sie. Wie bei dem russischen Clown Oleg Popow, der als Jongleur im Zirkus arbeitete, eines Abends spontan für den Hauptclown einsprang und berühmt wurde. Oder wie bei Tom Belling, dem berühmten amerikanischen Clown aus dem 19. Jahrhundert. Auch er sprang ein, betrank sich vor seinem ersten Auftritt, fand seine Uniform nicht, zog die des Gewichthebers an, als er auf die Bühne stolperte, zerriss der Anzug. Man lacht, weil der Clown etwas nicht schafft, weil er probiert, und scheitert. "Vielleicht lachen wir über Clowns, weil wir es alle manchmal schwer haben im Leben", sagt Sirkka Remes.Paris ist die Stadt der Clowns, immer noch. Unzählige alte Clowns geben hier Kurse, die berühmteste Schule ist die von Jacques Lecoq, dem Pantomimen. Sirkka Remes lernte unter anderen bei Hervé Langlois von der Royal Clown Company, Fred Robbe und Vincent Rouche, gründete schließlich vor fünf Jahren ein eigenes kleines Clownsensemble mit dem sie auf Kabarett-Bühnen auftrat und in Bars in besetzten Häusern. Sie trug dabei ein gelbes Kleid aus den Sechzigerjahren, das einmal ihrer Mutter gehörte. Das zieht sie immer noch an, wenn sie auftritt. Dazu setzt sie eine finnische Pelzmütze auf und die rote Nase. "Die Nase ist wichtig", sagt Sirkka Remes.Die Nase, so eine alte Clownsweisheit, ist die kleinste Maske der Welt, die Maske des Narren, der unter ihrem Schutz die Wahrheit sagen kann. Fellini sah im Clown die Freiheit des Triebes, der sich auflehnt gegen den Kult der Vernunft.Mit ihrem deutschen Freund, einem Architekten, zog Sirkka Remes im vergangenen Jahr nach Berlin. Berlin könnte eine gute Stadt für sie sein, dachte sie. Viele Künstler, aber kaum jemand, der Clownkunst unterrichtet. Sie setzte eine knapp formulierte Anzeige in ein Stadtmagazin. "Sicher, nicht jeder kann professionell als Clown arbeiten, und es dauert Jahre, den Clown in sich zu finden", sagt sie, "aber man kann in so einem Workshop viel über sich selbst lernen, neue Seiten entdecken, darum geht es." Sirkka Remes' Lieblingsmomente sind die unvorhersehbaren, wenn etwas passiert, das man nicht geplant hat - und das nicht nur die Zuschauer, sondern vor allem einen selbst überrascht. "Ein Clown ist gleichzeitig ganz nahe und eben doch ein anderer", sagt Sirkka Remes.Sie lässt die vier Workshop-Teilnehmer im Theaterhaus Mitte einen kindlichen Schreianfall auf dem Spielplatz mimen, dann einen Lottogewinner. Ab und zu ahmt sie einen der Teilnehmer nach, um zu zeigen, was er gut gemacht hat, was er anders hätte machen können. Sie sagt nicht viel, doch was sie sagt ist präzise: Bewegungen übertreiben, nicht nur den Kopf, nein, den ganzen Oberkörper drehen, nie das Publikum vergessen, erst dann reagieren, wenn eine Reaktion von den Zuschauern kommt, sich von ihm durch die Geschichte treiben lassen. "Manchmal spielt und spielt ein Clown, und es ist einfach nicht lustig, bis das eine, unerwartete Geräusch kommt, der Clown sich irritiert danach umschaut, und plötzlich lachen alle."Als Sirkka am frühen Nachmittag eine Pause macht, steht Thomas unten im Innenhof, zieht an einer Zigarette, gerade hat er noch mit verdrehten Augen und schlenkernden Armen, die rote Nase im Gesicht, einen Betrunkenen gemimt, jetzt redet er darüber, wie schwierig es ist, Geld für Clownprojekte zu bekommen, dass sie ein Festival organisieren wollen, aber nicht wissen, wie sie die Gagen bezahlen sollen.Clownerie hat keinen festen Platz in der deutschen Kulturlandschaft. Vielleicht, weil sie sich so schwer vermarkten lässt. Sie funktioniert nur live, vor Publikum. Vielleicht auch, weil man in Deutschland eher an den Luftballons aufblasenden Kindergeburtstags-Clown denkt und weniger an melancholische Bühnenkunst wie die der Französin Catherine Germaine, Sirkka Remes' Vorbild. Große deutsche Clowns wie Ferdinand, der jahrelang im DDR-Fernsehen auftrat, gibt es nicht mehr. Sie sind längst ersetzt durch Stand-Up-Comedians, deren Humor oft laut ist, kurzlebig und eindimensional. In einem Clown aber steckt mehr als Komik. In Fellinis Film hat der kleine Junge, der die Geschichte darin erzählt, Angst vor den weißen Masken, hinter die man nicht sehen kann. Es ist ein altes Bild: Der unheimliche Clown, der eine dunkle Seite in sich trägt, voller Schwermut und Weltschmerz, der wie in Stevie Wonders Song Tränen weint oder zum Mörder wird, zum Protagonisten in Horrorfilmen.Sirkka Remes ist jetzt 37 Jahre alt. Um ein bisschen Geld zu verdienen gibt sie finnischen Kindern in Berlin Musikunterricht, bis ihre Workshops sich vielleicht irgendwann etablieren. Ende Januar wird sie den nächsten geben, drei Anmeldungen gibt es bereits.Sie hat eine kleine Tochter. Als Clown spielt sie ihr selten etwas vor. Sie kann nicht genau erklären warum. Zum Lachen bringt sie ihre Tochter trotzdem gerne, manchmal auch unfreiwillig. Wenn sie zum Beispiel mal wieder aus Versehen, gegen eine geschlossene Supermarkttür läuft.------------------------------Foto: "In meinen Workshops kann man neue Seiten an sich entdecken". Sirkka Remes (rechts) und Schüler beim Clown-Training.